In Syrien lässt Staatschef Assad seine Bürger abschlachten, Afghanistan ist so unsicher wie eh und je, und vor Somalia treiben Piraten ihr Unwesen. Und was macht die Nato? Ein Gespräch mit Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen
Herr Rasmussen, welche weltweiten Bedrohungen
beunruhigen Sie zurzeit am meisten?
Erstens: der internationale Terrorismus. Zweitens: Raketen. Und
drittens: die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen in der
Welt.
Haben Sie ein Land besonders im Sinn?
Kein bestimmtes, denn die traurige Tatsache ist, dass über 30
Länder darauf aus sind, sich Raketentechnologien anzueignen oder
bereits über solche verfügen. Manche dieser Raketen können schon
das Territorium der Nato treffen.
[gallery:Es war einmal in Syrien: Assads Freunde aus dem Westen]
Die Operationen der Nato finden heute außerhalb ihrer
Grenzen statt. Ob und warum das Bündnis in solchen Fällen
eingreifen soll, darüber ist man innerhalb der Nato uneins. Worin
ist man sich einig?
Wir haben durchaus einen Konsens gefunden. Beim letzten Nato-Gipfel
in Lissabon haben wir ein neues strategisches Konzept formuliert,
das ganz klar die Kernaufgaben der Nato definiert. Die kollektive
Verteidigung ist eine davon. Im Einklang mit Artikel 5 unseres
Vertrags verstehen wir jeden Angriff auf einen Nato-Staat als
Angriff auf uns alle. Damit bleibt die Verteidigung unseres Gebiets
die wichtigste Aufgabe. Gleichwohl beginnt in der Welt von heute
die Verteidigung unseres Territoriums sehr oft jenseits unserer
Grenzen. Darum sind solche Out-of-Area-Einsätze manchmal notwendig,
um unsere Bevölkerungen zu schützen.
Ein Beispiel ist Afghanistan. Wir sind dort, um unsere Länder vor terroristischen Angriffen zu schützen – vor dem Terrorismus, der in Afghanistan seine Wurzeln hat. Als weiteres Beispiel könnte ich Cyberangriffe nennen, die zwar weniger gewaltsam sind, aber genauso zerstörerisch für eine Gesellschaft sein können. Wer sein Land wirksam schützen will, muss damit auch im Cyberspace beginnen. Diese Art der Verteidigung ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich das Konzept der territorialen Verteidigung seit der Gründung der Nato im Jahre 1949 weiterentwickelt hat.
Nehmen wir den Kosovo 1999 oder auch Libyen 2011 – in
beiden Fällen waren Massentötungen der Bevölkerungen zu befürchten,
bevor die Nato eingriff. Als Grund für beide Einsätze führte das
Bündnis humanitäre Ziele an.
Ziel dieser Einsätze waren in erster Linie immer noch die
Sicherheit unserer Bevölkerungen und die Stabilität der
nordatlantischen Region. Wenn wir über den Balkan der neunziger
Jahre sprechen, so ging es um die Instabilität dort, die sich
schnell auf den Rest Europas hätte ausbreiten können. Damit meine
ich auch Migrationsdruck. In Libyen hatten wir die gleiche
Situation: Das Land liegt fast an der Schwelle zu Europa, und eine
Instabilität Nordafrikas könnte die gesamte Situation in Europa
beeinflussen. Jedoch gebe ich Ihnen recht, dass es im Kosovo ebenso
wie in Libyen Aspekte gab, die jenseits der Sicherheitsfrage eine
Rolle gespielt haben.
Im Falle von Libyen war es ein historisches Ereignis, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Resolution über die „responsibility to protect“ angenommen hat, also die Schutzverantwortung. (Das Prinzip der Schutzverantwortung besagt, dass alle Staaten die Verantwortung haben, ihre Bevölkerungen vor Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen, und dabei von der internationalen Gemeinschaft unterstützt werden, Anmerkung der Redaktion.) Alle Nato-Staaten waren verpflichtet, diese Resolution umzusetzen, weil sie bindend für alle Mitglieder der Vereinten Nationen ist. Und die Nato-Staaten entschieden, dass sie dazu am besten mit einem Nato-Einsatz beitragen konnten. Darum übernahmen wir die Verantwortung, die Zivilbevölkerung zu schützen.
Seite2: Warum die Nato in Libyen eingegriffen hat, in Syrien aber nicht










