Am 4. Juli feierten die Amerikaner wie jedes Jahr bekanntlich höchst patriotisch ihre Unabhängigkeit. Wir Deutschen sollten uns ein Beispiel nehmen, denn auch hierzulande können wir mehr Patriotismus wagen – er ist nämlich der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält
In Cincinnati, Ohio, im Herzen des alten Industriegürtels der USA, fiel der Nationalfeiertag der USA in diesem Jahr mit der Eröffnung der World Choir Games zusammen – mit der Chor-Olympiade.
Am Independence Day, dem 4. Juli, feiern die Amerikaner bekanntlich höchst patriotisch die Unabhängigkeitserklärung von 1776, die zur Gründung der USA führte. Die Chor-Olympiade blickt derweil über die amerikanischen Landesgrenzen hinaus: Nationale Gegensätze sollen hier durch den gemeinsamen Gesang überwunden werden. 362 Chöre aus 64 Nationen aller fünf Kontinente wetteiferten elf Tage lang um die Medaillen. Davon allein 70 aus China, dem Weltmacht-Rivalen in spe, Ensembles aus Iran und Israel – insgesamt 15.000 Teilnehmer, alle friedlich versammelt.
Die Stadt ist an diesem Tag vor allem mit US-Fahnen geschmückt, zumeist in moderater Größe, einige „Stars & Stripes“ auch im XXL-Format. Natürlich wird im Eishockey-Stadion bei der Eröffnungsfeier die amerikanische Hymne gesungen. Alle stehen auf. Die Amerikaner legen mit andächtigem Blick die Hand aufs Herz und singen ergriffen mit. Wie selbstverständlich schließen die lokalen Politikgrößen in ihre patriotischen Wort den „Dank an Gott“ ein, „dass wir in der großartigsten Nation der Erde leben dürfen“.
Vielen anwesenden Deutschen geht das ein bisschen zu weit. Für sie sieht es so aus, als dienten die ausländischen Gäste nur als Kulisse für die amerikanische Selbstbeweihräucherung. Und was soll das überhaupt heißen: „Großartigste Nation der Erde“? Geht’s nicht eine Nummer kleiner? Von Chinesen, Kroaten, Russen und Türken hört man weniger Kritisches. Es scheint, als seien sie Vergleichbares von Zuhause gewohnt. Oder als schauten sie sich ab, was sie von den Amis in puncto Patriotismus lernen können.
Drei Tage später, bei den ersten Siegerehrungen im Chor-Wettbewerb, haben dann schließlich auch Chinesen, Kroaten, Russen und Türken ihre XXL-Flaggen dabei und schwenken sie begeistert, als ihre Sänger aufs Siegertreppchen steigen. Auch sie singen inbrünstig ihre Hymnen mit kraftvoller Freude, mehr mitreißend als auftrumpfend.
Vergleichend fällt auf, dass andere Nationen in Cincinnati zurückhaltender mit ihren nationalen Insignien umgehen: Schweizer beispielsweise, die Niederländer, die Neuseeländer – und die Deutschen. Und noch eines wird deutlich: Die Amerikaner kommen offenbar gut damit zurecht, dass sie zur Halbzeit des Sängerwettstreits noch keinen olympischen Champion hervorgebracht haben. Von Missgunst keine Spur. Klar, auch sie wollen einen ihrer Chöre ganz oben sehen. Aber dennoch feiern sie die Sieger in der Kategorie „Folklore“ aus Venezuela begeistert, obwohl der dortige Staatschef Hugo Chavez sich gerne betont USA-kritisch gibt. Neidlos geben sie den chinesischen Chören standing ovations. Und niemand rümpft die Nase, als die Chinesen ihrem Nationalstolz noch eine Spur bedenkenloser Ausdruck verleihen, als die US-Bürger am 4. Juli.
Was also ist Patriotismus? Wie drückt man ihn aus? Und wo sollte er seine Grenzen finden, weil er sonst in unangenehmen Nationalismus oder gar Chauvinismus übergeht?
Offensichtlich spielen unterschiedliche nationale Temperamente und Traditionen eine Rolle. Die Völker haben verschiedene Bedürfnisse und unterschiedliche Empfindungen, was als „normal“ gilt und was möglicherweise auch zu weit geht. Dass viele Deutsche – anders als noch vor 20 Jahren – inzwischen wieder die Nationalhymne mitsingen, dass sie bei sportlichen Großveranstaltungen à la Fußball-Welt- und Europameisterschaft Fahnen schwenken oder den eigenen Körper mit schwarz-rot-goldenem Fanutensil schmücken, quittieren die meisten Amerikaner mit Erleichterung.
Seite 2: Die Distanz der Deutschen zu den nationalen Symbolen nach dem 2. Weltkrieg wirkte beunruhigend











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