Ägyptens ehemaliger Außenminister Amr Mussa erwartet Konflikte der moderaten Bevölkerung gegen die neue islamistische Regierung. Dennoch sieht er, dass der Islam nicht auf alles eine Antwort hat. Das Cicero-Interview über die Zukunft des Landes, die Rolle der Muslimbrüder – und über die Macht des neuen Präsidenten Mohammed Mursi
Amr Mussa ist der weise alte Herr der ägyptischen Politik: Er war Außenminister unter Husni Mubarak, fiel in Ungnade und wechselte zur Arabischen Liga. Seit 2000 wurde er als möglicher Nachfolger Mubaraks gehandelt. Nach dessen Sturz meldete der 75-Jährige Interesse auf den Posten an und landete schließlich bei der Präsidentenwahl abgeschlagen auf Platz sechs
Herr Mussa, Ägypten erlebt wieder einmal unruhige
Zeiten. Wohin steuert Ihr Land?
Sie haben recht, es sind verwirrende Zeiten. Viele von uns haben
gedacht, dass wir nach den Wahlen und der Übergabe der Macht an den
neuen Präsidenten nach vorne schauen und den Neubeginn vorantreiben
könnten, aber nun verstricken wir uns schon wieder in diesen
endlosen Streit. Es ist ein Streit zwischen den politischen Lagern
und um die Frage: „Wer hat das letzte Wort – das Militär, das
Verfassungsgericht oder der Präsident?“
Wer hat denn nun das letzte Wort? Die Rechte des
Präsidenten wurden ja vom Militärrat stark
beschnitten.
Nein, das stimmt nicht. Wenn man die Verfassungsergänzung genau
liest, bemerkt man, dass seine Macht gar nicht so sehr
eingeschränkt wurde. Der Präsident beruft die Minister und den
Premier, und wie man sieht, hat er das Recht und die Macht, ein
Dekret zu erlassen und das Parlament wiedereinzusetzen. Deswegen
kann man nicht sagen, dass er keine Macht hat. Es zeigt sich klar
und deutlich, dass die Macht vom Militär an den Präsidenten
abgegeben wurde.
Und welches sind jetzt die Rolle und die Macht der
Militärs?
Der Militärrat spielt in der Exekutive keine Rolle mehr. Der
Feldmarschall ist nicht mehr derjenige, der Dekrete erlässt oder
auch nur seine Unterschrift daruntersetzen muss. Herr Mursi
regiert. Auf seine Entscheidung, das Parlament wiedereinzusetzen,
gab es einige scharfe Reaktionen von den Generälen, aber ich sehe
keine Anzeichen, dass sie nervös werden.
Sie meinen also, die Befürchtung, dass es zu einem
offenen Machtkampf zwischen Militär und Muslimbrüdern kommen
könnte, ist übertrieben?
Es besteht die Gefahr einer Eskalation, aber ich habe die Hoffnung,
dass sie ausbleibt. Es liegt in der Hand des Präsidenten: Will er
in Richtung Konfrontation steuern, oder sucht er Stabilität? Ich
denke, sein Interesse liegt in der Stabilität. Er muss die
Wirtschaft wieder ankurbeln, schon deswegen wird er weitere
Konfrontation vermeiden.
Was ist die größte Herausforderung der neuen
Regierung?
Sie muss die Lebensbedingungen der Menschen spürbar verbessern, und
zwar schnell. Die Not ist groß, und die Menschen haben keine
Geduld. Zuerst müssen die langen Schlangen verschwinden: der Mangel
an Gasflaschen, Benzin, das schlechte Transportsystem, die
Krankenhäuser und so weiter. Es reicht nicht, dass man die Straßen
in der Innenstadt reinigt. Die Viertel der Armen, die Slums, da
muss zuallererst etwas passieren. Was wir brauchen, ist eine neue
Geisteshaltung, dann klappt es auch mit der Verbesserung der
Lebensbedingungen.
Die vergangenen 18 Monate haben Ägypten auch
wirtschaftlich zugesetzt, die Reserven sind fast aufgebraucht. Da
hat der Präsident wenig Handlungsspielraum.
Solange es keine Stabilität gibt, erholt sich die Wirtschaft nicht,
Investoren bleiben fern, und die Touristen kommen nicht zurück. Es
ist klar, dass die Regierung nicht dauerhaft die Situation
verbessern kann, es sei denn, es gelingt, die Wirtschaft wieder
anzukurbeln.
Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist der Tourismus, und
gerade in dieser Branche gibt es große Sorgen, dass die
Muslimbrüder Alkohol und Bikinis verbieten und so dem Tourismus
schaden könnten. Teilen Sie diese Befürchtungen?
Es gibt diese Sorge. Wenn man sich jedoch anhört, was der neue
Präsident zu dem Thema sagt, so klingt das beruhigend. Ihm bleibt
auch nichts anderes übrig, als den Tourismus zu schützen, denn er
ist eine so wichtige Einkommensquelle des Landes.
Seite 2: „Ich gehöre zu den Befürwortern von besseren Beziehungen zum Iran“










