Die arabische Welt erlebt eine Welle der Gewalt. Doch das Problem ist nicht die Provokation durch das Mohammed-Video, sondern die Befindlichkeit der Provozierten. Die ewige Suche nach einem Sündenbock hat weite Teile der islamischen Welt Jahrhunderte lang gelähmt
Am Rande der Dreharbeiten für die Sendereihe „Deutschlandsafari“, in der ich zusammen mit Henryk M. Broder zurzeit in Polen unterwegs bin, treffe ich in Krakau zwei alte Freunde aus Ägypten. Beide leben mittlerweile nicht mehr dort, weil sie die "religiösen Gefühle" der Muslime verletzt haben. Die 21-jährige Aliaa Magda Elmahdy musste ihr Land verlassen und floh ins schwedische Exil, nachdem sie viele Morddrohungen erhalten hatte. Ihr Verbrechen war, dass sie, als Protest gegen die zunehmende Islamisierung Ägyptens, Nacktfotos von sich ins Internet stellte. In Krakau besucht sie zurzeit ihren Freund Kareem Amer (28), der ebenfalls durch ein Asylprogramm für bedrohte Schriftsteller nach Polen kam, nachdem er vier Jahre in einem Gefängnis in Ägypten verbracht hatte. Kareem wurde damals vom Gericht beschuldigt, den Propheten Mohammed und Präsidenten Mubarak beleidigt zu haben.
Der Struktur und der Dynamik nach, gleicht Kareems Geschichte der Geschichte des Mohammed-Schmäh-Videos aus Amerika. Im Jahre 2005 führten christliche Kopten in Kareems Heimatsstadt Alexandria ein Theaterstück in einer Kirche auf, in dem sie dem Islam Intoleranz und Terrorismus vorwarfen. Als Reaktion darauf wüteten aufgebrachte Muslime durch das Christenviertel, plünderten Geschäfte und schlugen auf die Menschen ein. Es gab mehrere Tote und Verletzte. Kareem, der damals an der religiösen Universität Al-Azhar studierte, schrieb auf seinem Blog, der Prophet Mohammed sei das Vorbild der Muslime bei diesen Gewaltexzessen, denn genauso sei er mit seinen Gegnern umgegangen.
Kareem gefällt das Mohammed-Video aus Amerika nicht, die Reaktionen darauf seien allerdings symptomatisch für die „muslimische Krankheit“. Er würde heute keine Beispiele aus dem Leben des Propheten suchen, um Argumente gegen den Islam zu finden, denn Mohammed und sein Verhalten können nicht mit den Maßstäben von heute beurteilt werden. Aliaa widerspricht: „Aber Mohammed und seine Maßstäbe beurteilen mich heute.“
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Aliaa, früher rebellisch und dynamisch, wirkt heute schüchtern und introvertiert. Der Nervenkrieg in den vergangenen Monaten hat bei ihr Spuren hinterlassen. Ich frage sie, ob sie ihre Internet-Aktion bewusst durchführte, um Muslime zu provozieren. Sie wird unruhig und sagt: „Ich wollte niemanden provozieren. Ich wollte nur sagen, dass mein Körper mir alleine gehört. Aber viele Muslime fühlen sich sowieso provoziert, egal ob ich mit freiem Haar herumlaufe oder während des Ramadan vor ihnen ein Sandwich esse.“ Sie fragt zu Recht: „Und warum interessiert sich keiner dafür, dass ich mich provoziert fühlte, als sie mich als Nutte beschimpften und mir mit dem Tode drohten, und dass ich nun mein Land verlassen müsste, nur weil ich von meinem Recht auf individuelle Freiheit Gebrauch machte?“
Die Geschichte von Kareem und Aliaa zeigt, dass das Problem nicht in der Art der Provokation liegt, sondern in der Befindlichkeit der Provozierten.
Nakoula Basseley Nakoula war ein betrügerischer Drogendealer. Seinen billigen Mohammed-Film wollte in Amerika niemand sehen. Als er ihn in einem Mietkino in Hollywood vorführte, war nicht einmal ein Dutzend Menschen im Saal. Die besten Promoter des Films waren Muslime, die sich provoziert fühlten. Ihre wütenden Reaktionen verliehen Nakoula und seinem Film Weltruhm.
Die muslimischen Wellen des Protests, der Empörung und auch der Gewalt, kommen und gehen in regelmäßigen Abständen. Erinnern wir uns an die Mohammed-Karikaturen, die Papstrede in Regensburg, an die nicht durchgeführte Koranverbrennungsaktion durch den amerikanischen Pastor Terry Jones. Und natürlich sind es nicht „die“ Muslime, die jedes Mal auf die Straße gehen. Es ist eine kleine Minderheit, die es aber immer wieder schafft, die Bilder zu produzieren, die das Bild des Islam in der Welt prägen.











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