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 > Das letzte Wort in der EU haben die Finanzmärkte

Weltbühne

Demokratie-KriseDas letzte Wort in der EU haben die Finanzmärkte

Von Eric Bonse6. Juli 2012
picture alliance
Finanzmärkte, Börse, EU, Europäisches Parlament
Die Finanzmärkte sitzen am längeren Hebel
Schrift:

Demokratie im Zeichen der Krise. Während das Europäische Parlament ungestraft Acta zu den Akten legen kann, bleibt es in der Krisenbewältigung außen vor. Demokratische Institutionen können nicht mehr frei entscheiden, weil ein ökonomisches Desaster droht und eine Lösung ist nicht in Sicht

Seite 1 von 2

Mit der Demokratie ist das so eine Sache in Europa. Einerseits ist sie Alltag, wie die Ablehnung des umstrittenen Acta-Abkommens zum Schutz des geistigen Eigentums durch das Europaparlament zeigt. Dass sich eine überwältigende Mehrheit der Abgeordneten den Bedenken der Zivilgesellschaft und der Netzgemeinde anschloss, ist zweifellos ein Sieg für die Demokratie. Es ist sogar eine Art Demokratie 2.0, ein Sieg des Volkswillens in Zeiten des Internets und der virtuellen Realität.  Andererseits entziehen sich immer größere Bereiche der Europapolitik demokratischer Entscheidung. Vor allem die Eurokrise hat eine riesige Grauzone entstehen lassen, in der weder nationale noch europäische Volksvertreter etwas zu sagen haben.

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Da werden Regierungen auf Geheiß der „Märkte“ abgesetzt, wie die Regierung Berlusconi in Italien. Da werden Volksabstimmungen abgeblasen, wie im letzten Herbst in  Griechenland. Und da werden immer neue Regeln eingeführt, die das Königsrecht des Parlaments, das Budgetrecht, aushebeln.Postdemokratie nennt man das in der Politikwissenschaft. In dieser postmodernen Abart der klassischen liberalen Demokratie hat der Souverän, das Volk, nicht mehr viel zu melden. Er wird nur noch gebraucht, um die von den Experten vorgefassten Entscheidungen nachträglich abzunicken - Pardon: zu legitimieren.

Demokratischen Verfahren wird bloß noch eine instrumentelle Rolle zugemessen: Sie sind nützlich, wenn sie die Wünsche der Expertokratie oder der Märkte bestätigen - andernfalls werden sie so weit möglich umgangen.  Wie das in der Praxis aussieht, hat der letzte EU-Gipfel in Brüssel gezeigt.Die demokratische Form wurde gewahrt: Noch vor Beginn der eigentlichen Beratungen der 27 Staats- und Regierungschefs durfte der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD) seine Sicht der Eurokrise darlegen und ein paar Wünsche äußern.

Bildergalerie: Eine kleine Geschichte des Euro
  • Eine kleine Geschichte des Euro
  • 1979: Gründung des Europäischem Währungssystem
  • Französischer Präsident Mitterand will eine Währungsunion
  • 1990: Freier Kapitalverkehr
  • 2002: Vertrag von Maastricht
  • Euro-Tower in Frankfurt
  • 1995: Der Name "Euro" wird geboren
  • Europäische Zentralbank löst EWI ab
  • 1999: Die Wechselkurse des Euro werden festgelegt
  • 2001: Griechenland wird in die Währungsunion aufgenommen.
  • 2002: Einführung des Euro
  • Jean-claude Trichet, Präsident der EZB
  • 2007-2009: Neue Länder treten der Währungsunion bei
  • 2009: Euro-Krise bahnt sich an
  • Griechenland in der Euro-Krise
  • Europäischer Rettungsschirm
  • Irland in der Euro-Krise
  • Portugal in der Euro-Krise
  • Spanien entkommt bislang nur knapp der Euro-Krise
  • Italien soll sich nun auch in der Euro-Krise befinden
  • Verlängerung des Euro-Rettungsschrims?

Pikanterweise sprach er sich dabei für einen europäischen Schuldentilgungsfonds aus, wie ihn die Mehrheit der EU-Abgeordneten fordern - und der von Bundeskanzlerin Angela Merkel vehement abgelehnt wird.  Das Europaparlament darf also etwas sagen, sogar Missliebiges und Anstößiges ist erlaubt.

Auf der nächsten Seite: In der Eurokrise hat daas Europäische Parlament nichts zu melden 

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Die Krise der Demokratie hat viel mit einem Zusammenspiel aus missverstandenem Keynesianismus und Kasinokapitalismus zu tun. Während viele demokratische Staaten über jahrzehnte Defizitspending betrieben um teure Wahlversprechen zu finanzieren und dabei vergaßen in der Konjunktur die Staatsausgaben wieder zu beschneiden, entwickelte das Finanzsystem ein Schneeballsystem aus gebündelten, besicherten Immobilienkrediten, bei denen die Bonität der Kreditnehmer durch die Ratings vom Auftraggeber abhängiger Agenturen ersetzt wurden. Insofern haben die überschuldeten Länder, die demokratischen Rechte der Folgegenerationen konsumiert, während das Finanzsystem die Geldwirtschaft zum Selbstzweck erhob, deren primäre Funktion es war, immer neue Buchgewinne zu generieren, worauf man in den angelsächischen Ländern die Produktion von Waren und Dienstleistungen den Schwellenländern überließ und lieber von Krediten lebte, ebenso wie die sogenannten "Peripheriestaaten" der Eurozone. Demokratie braucht ein Minimum an Transparenz und Durchblick. Vielleicht fehlt es den politischen Systemen vieler Länder einfach am notwendigen Weitblick. Vielleicht wird die Welt zu komplex für den ungeschulten Wähler, der primär auf den eigenen Teller schaut. Doch das hat er mit den Experten des Finanzsystems gemein. Insofern bleibt der Gesellschaft nur der evolutionäre Dreischritt aus Variation, Selektion und Restabilisierung.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann12.07.2012 | 23:50 Uhr

Das letzte Wort in der EU............

Es ist mir vollkommen unverständlich, welches Selbstverständnis gewählte Abgeordnete von sich und von den Menschen haben, die sie wählten. Der "aufrechte Gang" oder altmodisch ausgedrückt "Zivilcourage" können es nicht sein; sonst würden sie das, von keiner Macht der Welt, mit sich machen lassen.
Also wahrscheinlich nackte Angst um ihre eigenen Privilegien, die sie zu dieser Selbstaufgabe treiben; für mich ist die Teilnahme an "Wahlen" schon jahrelang tabu.

  • Antworten
Gerhard Wichta07.08.2012 | 19:38 Uhr

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