Diktatoren treten nicht mehr unbedingt wie Gaddafi in bizzaren Uniformen auf oder als brutale Schlächter wie Idi Amin. Sie pflegen heute das Image des honorigen Staatsmanns und erwecken den Anschein, als respektierten sie den Rechtsstaat. Denn moderne Alleinherrscher haben gelernt, die Demokratie mit den Methoden des 21. Jahrhunderts auszuhebeln
William J. Dobson ist Autor des Buchs „The Dictator’s learning Curve – Inside the global Battle for Democracy“, das im Herbst auf Deutsch unter dem Titel „Diktatur 2.0“ bei Blessing erscheint.
Peter Ackerman sitzt in seinem weiträumigen Eckbüro am Ende der Pennsylvania Avenue. Von seinem Platz sieht er buchstäblich auf die Weltbank hinab. Der 64‑Jährige ist Geschäftsführer von Rockport Capital Incorporated, einem kleinen, exklusiven Investmenthaus. An einem kristallklaren Nachmittag im August führt er mich durch eine Power-Point-Präsentation und spricht über das Risiko-Rendite-Verhältnis. Die Folien haben allerdings nichts mit Investitionen, Dividenden und Finanzen zu tun. Es geht vielmehr um die beste Methode, einen Diktator zu stürzen.
Vor 25 Jahren hätte man Ackerman kaum für jemanden gehalten, der andere darin berät, wie man die schlimmsten Regime der Welt zu Fall bringen kann. Er war viel zu beschäftigt damit, als rechte Hand von Junk-Bond-König Michael Milken an der Wall Street abzusahnen. 1988 verdiente Ackerman 165 Millionen Dollar, als er den mit 25 Milliarden Dollar fremdfinanzierten Auskauf von RJR Nabisco organisierte. Als ein Insidergeschäft aufflog, wanderte Milken ins Gefängnis. Ackerman zahlte 80 Millionen Dollar Strafe und durfte rund 500 Millionen behalten.
Einen beträchtlichen Teil dieses Vermögens setzt Ackerman nun dazu ein, weltweit die Tyrannei abzuschaffen. 2002 gründete er das International Center on Nonviolent Conflict, das Seminare, Workshops und Schulungen für gewaltlose Strategien zum Sturz repressiver Regime abhält. Aktivisten aus Ägypten, Iran, Russland, Venezuela, Simbabwe und Dutzenden anderen Ländern kennen Ackerman sehr gut. Einige von ihnen haben seine Büroräume in den oberen Stockwerken in Foggy Bottom, einem Stadtteil von Washington, kennengelernt. Andere haben seine Filme gesehen – vor allem „Bringing Down a Dictator“ („Wie man einen Diktator stürzt“), der zeigt, wie junge Serben im Oktober 2000 Slobodan Milošević zu Fall brachten. Der Film gewann einen Peabody Award und erschien auf Arabisch, Farsi, Mandarin, Vietnamesisch und in mindestens sieben weiteren Sprachen. Die Georgier sagen, er habe sie 2003 zu ihrer Rosenrevolution inspiriert, ein friedlicher demokratischer Aufstand, der den ehemaligen kommunistischen Präsidenten Eduard Schewardnadse aus dem Amt trieb.
2006 stieg Ackerman auch in das Videospielgeschäft ein. Er finanzierte die Entwicklung von „A Force More Powerful“, ein Spiel, mit dem Aktivisten in der virtuellen Welt Strategien zum Sturz von Tyrannen trainieren können. Tausende von Kopien hat er in einige der repressivsten Staaten der Welt geschmuggelt. 2010 brachte er eine neue Version des Spiels mit dem Namen „People Power“ auf den Markt. („Dieses Spiel ist das Subversivste, was ich je gemacht habe“, sagt er. „Ich habe Millionen ausgegeben, um es zu perfektionieren.“) Als ich ihn frage, warum er den Kampf gegen Tyrannen zu seiner Lebensaufgabe gemacht habe, sieht er mich an und sagt: „Ich bin doch nur im Vertriebsgeschäft. Ich bediene eine Nachfrage, das ist alles.“ Es ist ein gutes Geschäft, hätte er noch hinzufügen können.
Es ist nicht leicht, heutzutage Diktator zu sein. Bis vor kurzem konnte ein Autokrat, sei es ein nationalistischer „starker Mann“, ein Held der Revolution oder ein kommunistischer Apparatschik, stumpfe Waffengewalt einsetzen, um sein Volk zu knebeln. Josef Stalin schickte Millionen Landsleute in den Gulag. Mao Zedong startete eine revolutionäre Massenkampagne, die sich gegen Intellektuelle, Kapitalisten und überhaupt gegen jeden in China richtete, dem unterstellt wurde, er sei nicht „rot“, also kommunistisch genug. Maos „Großer Sprung nach vorn“ kostete innerhalb weniger Jahre mehr als 35 Millionen Menschen das Leben. Das Regime des ugandischen Diktators Idi Amin ermordete nicht weniger als 500 000 Menschen. Fast zwei Millionen Kambodschaner starben innerhalb von drei Jahren auf Pol Pots Killing Fields. Im Februar 1982 zerschlug Hafiz al-Assad einen Aufstand in der syrischen Stadt Hama. Nachdem sie die Stadt mit Kampfhubschraubern und schwerer Artillerie belagert hatten, gingen Assads Truppen von Haus zu Haus. Mehr als 25 000 Syrer wurden noch vor Monatsende niedergemetzelt.
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