Das schnelle Wachstum Chinas zieht jährlich rund 230 Millionen Wanderarbeiter aus ihren Heimatprovinzen in die Großstädte. Sie wollen am Boom der Wirtschaft teilhaben. Stattdessen leben sie in Armut
Ortsfremde können sich leicht verlaufen in Caochangdi. Hier, außerhalb von Pekings fünfter Ringstraße, gibt es weder glamouröse Sehenswürdigkeiten noch Straßennamen. Kabelgewirr spannt sich zwischen schmucklosen Zweckbauten über staubige, halb fertig betonierte Straßen. Streunende Hunde heben ihr Bein an den Ziegelsteinhaufen, die sich vor den zahlreichen illegalen Baustellen stapeln. Früher war Caochangdi – chinesisch für „Grasland“ – ein Dorf am Stadtrand.
Inzwischen hat sich die unaufhörlich wachsende Metropole die Gegend einverleibt und sie in eines von Pekings 500 „urbanen Dörfern“ verwandelt. Die Siedlung spiegelt das in legalen Grauzonen improvisierte Leben von Chinas Wanderarbeitern wider. Sie machen die Mehrheit von Caochangdis 20.000 Bewohnern aus. So wie die meisten von Pekings fünf Millionen Wanderarbeitern können sie sich nur die Mieten in den fernab von Stadtzentrum und U-Bahnlinien gelegenen Randgebieten leisten.
Wer wie Mao Ju seit vier Jahren hier lebt, gehört bereits zu den Alteingesessenen. Die 27-Jährige bewegt sich zielstrebig durch die namenlosen Straßen. Sie kennt die Restaurantbesitzer, Snackverkäufer und jene, die die Kleidung der anderen Wanderarbeiter im Ort ausbessern. Die Kinder aus der Nachbarschaft nennen sie nur Laoshi – Lehrerin. Vor etwas mehr als einem Jahr gründete Mao Ju die Sprachschule English Corner für die Nongmingong oder „Bauernarbeiter“ aus der Nachbarschaft. So nennen die Chinesen die 230 Millionen Migranten, die ihre schlammigen Heimatdörfer in den Provinzen Hunan, Sichuan, Henan, Jiangxi, Shandong oder Anhui verlassen haben, um am Wirtschaftswachstum der Städte teilzuhaben. Dort fahren sie die Taxis, stehen an den Fließbändern der Fabriken, bauen die Millionen Häuser des anhaltenden Baubooms und putzen die Wohnungen des wachsenden Mittelstands.
Auch wenn die meisten Wanderarbeiter schmutzige oder gesundheitsgefährdende Arbeiten übernehmen, wäre für viele von ihnen die Alternative, auf einem kleinen Stück Land Gemüse anzubauen und von weniger als zwei Euro am Tag zu leben – so wie 500 Millionen Bauern –, keine Perspektive. Denn als Wanderarbeiter verdienen sie im Durchschnitt rund 17 000 Yuan im Jahr – knapp 2000 Euro. Genug, um zu überleben und die Verwandten in der Heimat finanziell zu unterstützen.
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