Brüssel

Die Stadt der stillen Grenzen

Nach den Terroranschlägen lästern alle über Belgien, Europas failed state. Dafür haben die Rettungskräfte in Brüssel erstaunlich geräuschlos gearbeitet. Eine Reise durch eine verwundete Stadt, in der die Krise zwar ständig zu Besuch ist, sich aber das Leben nicht unterkriegen lässt

Trauer nach dem Terror: Kleine Selbstvergewisserungen in Brüssel
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Unser Autor

Peter Riesbeck ist Brüssel-Korrespondent der DuMont-Redaktionsgemeinschaft. Er schreibt über Fragen der Europäischen Union

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Belgien ist ein merkwürdiges Land. Und Brüssel eine bizarre Stadt. Das zeigt allein der Blick auf die Straßennamen. Es gibt eine „Rue de l’Abdication“ – eine Straße der Abdankung. Den Thronverzicht zu würdigen, nicht schlecht für eine Monarchie. An der EU-Kommission schneidet die „Avenue des Arts“ die „Rue de la Loi“. Verkürzt wird die Kreuzung und ihre Metrostation hier „Arts/Loi“ genannt, die Ecke Kunst/Gesetz. Die schönen Künste treffen hier also auf die Verwaltung. Schmucklose Bürobauten säumen die Straße. Das Gesetz hat über die Kunst gesiegt. Zumindest architektonisch. Willkommen in Belgien, der Heimstatt des Surrealen.

Und der Heimstatt Europas. Eurorettung, Flüchtlingspolitik, Brexit. Die Krise schlendert ja ständig hier vorbei in Brüssel. Nun aber ist alles anders. Polizeiband zieht sich über die vierspurige Straße. Der islamistische Terror hat Brüssel erreicht. Erst draußen am Flughafen, dann die Metrostation Maelbeek in der Rue de la Loi. Der Terror erreicht Brüssel. Und Europas Mitte.

Viele sind sich nach den Attentaten vom Dienstag mit ihrem Urteil nun vorschnell sicher. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump wähnt hier das „Höllenloch“. Denn schon nach den Anschlägen von Paris im vergangenen November haben die Spuren nach Brüssel geführt. „Heimstatt des Terrors“ schreibt die New York Times. Die Info-Illustrierte Spiegel urteilt nicht minder gnadenlos: „Belgien exportiert Bier, Pralinen und – Terroristen“. Klingt nicht gut für Brüssel. Und für Belgien. 

Land der unsichtbaren Grenzen


Der belgische Staat ist eine recht junge Laune der Geschichte. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Staat geschaffen. Als europäischer Puffer gegen Frankreich finden Flamen und Wallonen sich 1815 erst unter der Obhut der Niederländer wieder, gegen die sie 1831 zusammen rebellieren. Das ist es aber auch schon fast an Gemeinsamkeiten. Flamen im Norden und Wallonen im Süden trennt nicht nur die Sprache. Die Folge ist ein schwaches Zentrum. Die Regionen, vor allem Flandern, entwickelten starke Fliehkräfte. Die Zentralregierung verliert stetig an Macht. Und so klemmt es mit der Zusammenarbeit der Regionen und mit der Verwaltung. Die Mitte ist schwach.

Brüssel ist ein Belgien im Kleinen. 19 Teilgemeinden formen noch automatisch ein Ganzes. Auch die Polizeizuständigkeiten sind aufgesplittert. Die Folge ist ein Europa im Kleinen: ein Wirrwarr an Zuständigkeiten.

Brüssel ist, wie Belgien, von feinen Verwerfungslinien durchzogen. Wer in der Innenstadt über die Rue Dansaert flaniert, vorbei an edlen Modeläden, landet am Kanal. Er ist einer dieser stillen Grenzen. Nicht allein zwischen Flamen und Wallonen. Diesseits liegen schicke Kneipen wie die Bar Béton oder der Walvis, drüben wird in den meisten Cafés überhaupt kein Alkohol ausgeschenkt. Der Schlachter verkauft Halal-Fleisch, in den Auslagen der Buchläden findet sich ein Buch von Tariq Ramadan, dem nicht gänzlich unumstrittenen Vordenker für einen Euro-Islam. Willkommen in Belgien, dem Land der unsichtbaren Grenzen. Willkommen auf der erdabgewandten Seite der Geschichte.

Molenbeek: Ein Ort der Durchreise


Der Kanal ist eine prosaische Schönheit, grau das Wasser, keine Allee an den Ufern. Er hat Brüssels Geschichte geprägt. Und die Belgiens. 1831 – Belgien hat gerade seine Unabhängigkeit – wird der Schifffahrtsweg von den Kohleminen und Stahlöfen in Charleroi zum Hafen in Antwerpen eröffnet. Auf halbem Weg liegt Brüssel. Und das damals eigenständige Molenbeek.

In einem Hof in der engen Rue Ransfort stehen alte Dampfkessel und verrostete Schwungräder. Ein großes Schild verweist auf viel Geschichte: „Industrie und Migrationsgeschichte – der Flamen, der Wallonen, der Soldaten von Wellington, der Kommunarden von Paris, der Italiener, der Spanier, sie alle zog es hierhin. Sie sind gekommen, um ihr Leben zu verbessern. Die Industrie, das war ihr Leben.“ Molenbeek war nie ein Ort der Ankunft, sondern stets ein Ort der Durchreise.  

Keine „Radikalisierung des Islam, sondern einer Islamisierung der Radikalität“


Die Arbeiter, die zuletzt in den 60er Jahren aus Nordafrika kamen, haben es inzwischen schwer. Belgiens Wirtschaft kriselt. Molenbeek ist ein Ort der Zurückgebliebenen. Das Zentrum des Landes ist jetzt Flandern – mit seinen Häfen, seinen Dienstleistungen. Das verschiebt auch die Sprachgewalten: Wer jetzt Karriere und Kohle machen will, muss Niederländisch können. Das ist nicht hilfreich für die Chancen der frankophonen Zuwanderer und erst recht nicht für deren Kinder. 

Die Attentäter kamen aus Brüssel – wie schon bei den Selbstmordanschlägen in Paris. Sie kamen vom Rand der Gesellschaft, aber doch aus der Mitte der Stadt. Noch immer rätseln alle über die Ursachen. Die gesellschaftlichen Umstände erklären vieles. Aber nicht alles. Der Soziologe Olivier Roy spricht nicht von einer „Radikalisierung des Islam, sondern einer Islamisierung der Radikalität“. Das gilt nicht nur für Belgien, sondern auch für Frankreich und andere EU-Staaten. Der Islam ist zu einer Art religiöser Befreiungsideologie einer demoralisierten Jugend in Europas Problemkiezen geworden.

Land des Langmuts


Belgien war immer ein Spielball mächtiger Kräfte und der Geschichte. Schon Cäsar kämpfte hier im morastigen Boden. Es kamen Engländer, Franzosen und Deutsche. Die Belgier haben sie alle ertragen. Mit Langmut und Geduld. So erdulden sie nun auch den Terror. Frankreich hat nach den Anschlägen von Paris auf stark gemacht, die „Grande Nation“ wähnt sich im Krieg. Belgien ist auch getroffen. Aber dem Land sind solch martialische Gefühle fremd. Premier Charles Michel spricht von einer „schweren Prüfung“. Willkommen im Land des Langmuts.

Nach den Anschlägen vom vergangenen November ruhten U-Bahnen und Busse über Tage, Schulen machten dicht. Nicht in Paris. Sondern in Brüssel. Land und Stadt waren schockiert über die Bilder aus der französischen Hauptstadt. Aber es gab keinen lauten öffentlichen Protest über die Versagen der heimischen Behörden. Failed state – Staatsversagen – urteilt die Website Politico.eu. Aber Belgien ist so. Über Jahrhunderte zogen Truppen durchs Land. Das senkt das Vertrauen in staatlichen Schutz und Institutionen. Die Familie gilt viel, der einzelne mehr. Der Belgier ist liberal. Und geschäftstüchtig. Sie „schätzen die Kommunion und das Geld“, notiert schon ein Chronist von Napoleons Revolutionstruppen. Willkommen im Land der Individualisten.

Und im Land der Eigeninitiative. Beim Lockdown im November steigt die Stadt um auf Auto, Rad oder sie geht zu Fuß. An Geschäften und Supermärkten ziehen Wachleute auf. Sie wollen einen kurzen Blick in Einkaufstaschen und Rucksäcke werfen. Ein leises Murren. Aber schon bald ist es eine Routine wie in Jerusalem oder Tel Aviv. Mit Routine ertragen die Menschen das Leben in Terrorgefahr. Morgens grüßen sie die Soldaten mit einem Nicken, wie den Bäcker oder die Bedienung im Café an der Ecke. Willkommen im Land der Duldsamen.

So stoisch haben sie hier vieles ertragen. Auch die Straßensperrungen bei den vielen Krisengipfeln. Die Stadt hat über all die europäischen Krisenjahre eine gewisse Routine entwickelt mit diesen Widrigkeiten. Nachdem Putin die Krim annektiert hatte, wurde Russland aus der G8 geworfen. Nur eine Verkannte war in der Lage, binnen weniger Wochen ein Treffen der zur G7 geschrumpften Weltenlenkerrunde zu stemmen, samt Besuch des US-Präsidenten: Brüssel. Willkommen im Land der routinierten Improvisation.

Den Anschlag auf Europas Herz gab es bereits


Die kleinen Selbstvergewisserungen helfen wenig. Nach den Anschlägen prasselt wieder Häme über Stadt und Land. Wer aber dabei stand in der Rue de Loi, hat gesehen, wie umsichtig die Rettungskräfte gearbeitet haben. Kein Chaos. Nirgends.

Vom „Anschlag auf das Herz Europas“ schrieben die Zeitungen. Reichlich spät. Der islamistische Terror erreichte Europas Mitte nicht erst mit den jüngsten Anschlägen. Schon im Januar 2014 hatte die belgische Polizei eine Terrorzelle in Verviers an der Grenze zu Deutschland entdeckt. Es gab zwei Tote. Schon damals führte die Spur nach Molenbeek. Vor zwei Jahren hatte der Syrien-Rückkehrer Mehdi Nemmouche in Brüssel bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum vier Menschen erschossen. Es war der 24. Mai 2014. Der Tag vor der Europawahl. Das war der eigentliche Anschlag auf Europas Herz und auf seine Werte. Brüssel war damals nur kurz geschockt. Es ging weiter. Irgendwie.

Nichts passt hier richtig zusammen. Insofern ist die Stadt ein Europa im Kleinen. Und Belgien ein Symbol für die Europäische Union: schwaches Zentrum, chaotische Ordnung. Muss aber irgendwie. Auch nach diesem Dienstag. Auch nach dieser schrecklichen Woche. 

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