Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney tourte durch Europa. Deutschland ließ er aus. Romney machte einen Bogen um Merkel und Berlin, das zugleich sehr machtbewusst und sehr introvertiert wirkt, äußerst selbstbezogen, manchmal fast autistisch, und das vertrauensstiftende Freundschaften nicht wirklich pflegt
Unehrlich wäre es zu behaupten, man hätte den republikanischen Präsidentschaftskandidaten aus den USA, Mitt Romney, in Berlin wahnsinnig vermisst. London, Warschau und Tel Aviv beziehungsweise Jerusalem hießen seine drei Reisestationen, mit denen er internationale Kompetenz beweisen wollte – inzwischen ist er wieder zu Hause, ein paar unbedachte Bemerkungen über die Organisation der Olympischen Spiele und gusseiserne Treueschwüre gegenüber den israelischen Hardlinern haben ihm vermutlich auch beim heimischen Publikum nicht einmal viele Punkte gebracht. Worum es mir aber geht, ist weniger Romneys Chance im Rennen selbst als die Frage, um welche Stadt der Amerikaner eigentlich einen Bogen gemacht oder welches Berlin er überflogen hat. Auch Obama, der Präsident, pflegt solche Zurückhaltung ja auffälligerweise konsequent seit Beginn seiner Amtszeit so.
Romneys Reiseroute wäre vielleicht weniger interessant, hätten nicht amerikanische Zeitungen noch vor wenigen Wochen berichtet, der Gegenkandidat gegen Präsident Obama wolle unbedingt Angela Merkel treffen. Das Argument: sie gelte als die starke Führungspersönlichkeit in Europa – und Deutschland verkörpere zudem ein erfolgreiches Wirtschaftsmodell inmitten lauter schwacher Regierungschefs und schwächelnder Ökonomien. Es klang so, als rechne er sich aus, vom Ruf dieser „stärksten Frau der Welt“, wie eine dieser beliebten Floskeln lautet, könne bei einer Visite ein wenig auch auf ihn abfärben.
Was hat sich geändert? Berlin bewahrte eisern Stillschweigen über die Gründe, die dazu geführt haben könnten, dass der Republikaner seine Reisepläne unversehens modifizierte. Die Sache ist natürlich eine heikle diplomatische Delikatesse. Es kann ja wirklich sein, dass er sich schlicht deshalb entschloss, Berlin auszusparen, weil er an der Resonanz hätte gemessen werden können, die Barack Obama als Präsidentschaftskandidat bei seiner Stippvisite an der Spree fand: 200 000 begeisterte Zuschauer jubelten ihm an der Siegessäule bei seiner Rede zu, nachdem Angela Merkel – die dem Amtsinhaber George Bush die Treue beweisen wollte – ihm ausdrücklich einen Auftritt am Brandenburger Tor verweigerte und auch sonst kein sonderliches Faible für den strahlenden Demokraten aus Chicago gezeigt hatte.
Dieser Linie, demonstratives Desinteresse, blieb sie seitdem übrigens trotz mancher gelegentlicher Turteleien auf dem Washingtoner Parkett treu, die das Gegenteil beweisen sollten. Sie ist die Kanzlerin, die wirkliche bilaterale Koalitionen offenbar ohnehin nicht nötig hat, sie gelten immer nur für den Moment. Wenn Mitt Romney also das Echo vermeiden wollte, dass ihm die Herzen der Deutschen nicht gerade enthusiasmiert zufliegen – während sie mit breiter Mehrheit immer noch für Obama schlagen - , dann war die Abwahl Berlins und die Entscheidung für das Trio engster Freunde, Cameron in London, Tusk in Polen, Netanjahu in Israel, sicher logisch.
Oder könnte es sein, dass Berlin hinter den Kulissen dem Republikaner bedeutet hat, ein solcher Besuch sei nicht besonders opportun? Man wird das natürlich nie offiziell erfahren. Obwohl es gut erinnerlich ist, dass sich die Kanzlerin – ähnlich wie im Falle Obama – im Bedarfsfall keineswegs geniert, Farbe zu bekennen: Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy hätte sie am liebsten sogar im Wahlkampf unterstützt, bevor der vor zuviel Umarmung zurückzuckte, und den sozialistischen Gegenkandidaten Hollande wollte sie nicht einmal aus Höflichkeitsgründen für ein Viertelstündchen empfangen.
Was immer also die Motive hinter den Kulissen für wen jeweils waren – die deutsche Seite muss man schon fragen dürfen, wie attraktiv oder unattraktiv sie auf dem internationalen Parkett wirklich ist. Zwar wird die deutsche Stärke und die „Macht“ der Kanzlerin insbesondere allenthalben beschworen, aber warum folgt so wenig daraus? Angela Merkel hat seinerzeit zwar ihre Präferenz für George Bush junior und auch für den Irak-Krieg erkennen lassen, und sie stimmte ein in den Chor derjenigen, die prophezeiten, nach dem Schröder’schen „Nein“ zu dieser militärischen Intervention gegen Saddam Hussein werde viele Jahre kein amerikanischer Präsident mehr mit den Deutschen kooperieren wollen. Aber – die Konsequenz hat sie nicht gezogen, sich auch weiterhin offen zu diesem Kurs zu bekennen oder das republikanische Lager in Washington zu unterstützen, was nahegelegen hätte, wenn sie denn mit dem Demokraten Obama so viel nicht anfangen kann. Eine nachvollziehbare, sichtbare, einigermaßen klar definierte Haltung gegenüber den USA vermag man ganz generell nicht zu erkennen. Die einsame Zurückhaltung der Deutschen im Falle Libyen hat das beispielhaft illustriert.











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