Auf ihrer Reise nach Serbien wird Bundeskanzlerin Angela Merkel wohl auch die jüngsten Konflikte mit dem Kosovo thematisieren. Zwischen den Nachbarn tobt ein Handelskrieg, der jüngst auch ein Todesopfer forderte. Als Lösung für die Unruheprovinz Nordkosovo bietet sich eine Selbstverwaltung wie in Südtirol an.
Eine kleine europäische Bergprovinz beherrschte immer wieder die Schlagzeilen: Separatisten, Bombenanschläge, Zwangsbesiedlung, zwei Bevölkerungsgruppen, die sich unversöhnlich gegenüberstanden. Dahinter standen zwei Großmächte, die um ihr Territorium stritten. Bereits kurz nach Kriegsende versuchte der unterlegene Staat, die Gebiete im Nachbarland zurückzugewinnen. Der UN-Sicherheitsrat tagte.
Die Rede ist nicht vom Kosovo, sondern von Südtirol. Die einst österreichische Provinz, im Friedensvertrag von St. Germain 1919 Italien zugeschlagen, war fast ein Jahrhundert lang Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen. Rund zwei Drittel der dortigen Bevölkerung ist deutschsprachig. Unter dem Faschismus von Benito Mussolini wurde das Gebiet zwangsitalianisiert; in den 1930er Jahren wanderten tausende italienische Industriearbeiter in die Nordprovinz. Nach dem Zweiten Weltkrieg eskalierte der Konflikt. Die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung forderte eine Rückkehr ins ehemalige Habsburgerreich. Das war damals aber, mitten im Kalten Krieg, ausgeschlossen – Italien war Teil der westlichen Allianz, Österreich teilweise sowjetisch besetzt.
Das heutige „Südtirol“ heißt Nordkosovo. In der Nordhälfte der geteilten Stadt Mitrovica sowie in den Gemeinden Zubin Potok, Leposavic und Zvecan ist die Mehrheit der 40.000 Einwohner serbisch. Sie stellen eine Minderheit im überwiegend von Albanern bewohnten Kosovo. Die Kosovoserben im Norden lehnen die Zentralregierung in Pristina ab. Seit der Nato-Intervention 1999 versuchte das Nachbarland Serbien alles, um sich – wenn schon nicht das ganze Kosovo, so doch zumindest die nördlichen Grenzgebiete – wieder einzuverleiben. Spätestens mit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo 2008 war klar, dass diese Bemühungen fruchtlos sein würden. Mittlerweile haben 77 Staaten das kleine Westbalkanland anerkannt, darunter Deutschland.
Serbien hat seitdem versucht, seinen Einfluss im Nordkosovo weiter auszubauen. Es finanziert eine parallele serbische Verwaltungsstruktur, stützt Schulen und Krankenhäuser. Außerdem zahlt Belgrad Subventionen an Benachteiligte und Roma-Minderheiten, die sich in den serbischen Gemeinden im Kosovo aufhalten. Seit 2008 ist Pristina die juristische Kontrolle über das Krisengebiet fast vollständig entglitten. Bis heute gibt es dort keine örtlichen Richter und Staatsanwälte. Allenfalls Vertreter der EU-Rechtsstaatlichkeitsmission Eulex versuchen im Nordkosovo für Ordnung zu sorgen. Vergeblich, wie sich zeigt: die Region gilt nach wie vor als eine der kriminellsten Europas, der Drogenschmuggel blüht.
Mit einem Embargo auf kosovarische Waren versucht Belgrad auch, den Nachbarstaat wirtschaftlich auszutrocknen. Pristina konterte im Juli mit einem Importverbot auf serbische Produkte. Es kam es zu einem regelrechten Handelskrieg. Die jüngsten Zusammenstöße, bei denen ein kosovarischer Polizist ums Leben kam, waren der Höhepunkt des Konflikts. Kurz vor dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Serbien kam es in der kosovarischen Grenzregion erneut zu Zwischenfällen, als Angehörige der serbischen Minderheit Eulex-Polizeibeamte und Kfor-Soldaten blockierten.
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