Wenn Europa ein Krankenhaus ist, dann ist Angela Merkel so etwas wie die Chefärztin. Frankreich war bislang stets ein wichtiger Helfer für die Patienten der Euro-Krise, doch was wird nach der Wahl? François Hollande, an dem viele Deutsche ihre Zweifel hegen, wird schon so schlimm nicht werden
Es klingt düster und sagt sich allzu leicht dieser Tage: „Deutschland wird bald allein da stehen in der EU! Isoliert! Kanzlerin Merkel ohne Team!“ Es scheint ja tatsächlich so zu kommen. Wo man auch hinschaut: Niedergang bei den einen, Abgang bei den anderen. Den einen geht die Luft aus, die anderen werden von den Wählern davongejagt. Verliert Merkel-Deutschland seine Fiskalpaktfreunde in der EU? Also all diejenigen, die wie Merkel eisernes Sparen für die einzig richtige Medizin zum Erhalt des Euro halten?
Die Regierungen der EU lassen sich derzeit einteilen in Patienten und Ärzte; noch scheint Angela Merkel die Chefärztin zu sein. Sie braucht natürlich einsichtige und gefügige Patienten, die ihre bittere Medizin auch schlucken. Doch die auf der Bahre machen langsam schlapp. In Griechenland steht die Übergangsregierung vor einer Wahl, die eine teils faschistische Opposition ins Parlament spülen wird, ätzend braune Brühe. In Italien und Spanien regieren zwar Merkel-Freunde, doch sowohl Mario Monti als auch Mariano Rajoy könnte bald schon die Kraft fehlen, ihre Völker durch das Sparen immer härter auf Entzug zu setzen.
Was Merkel wirklich braucht, um die Darbenden in ihrem Sinne durchzubringen – also auf eine Weise, die Deutschland nicht endlos viele Milliarden kostet – sind Verbündete im Ärzteteam. Das wahre Drama der EU ist, dass es ohnedies kaum noch Retter gibt, sprich: Zahlerstaaten in der EU. Neben Deutschland ist das Holland, regiert von politischen Freunden Merkels. Der verschlossene Ministerpräsident Mark Rutte denkt, was den Sparzwang angeht, wie sie. Ausgerechnet er hat soeben seinen Rücktritt eingereicht, weil seine Koalition zerbricht. In 80 Tagen werden die Niederlande neu regiert – möglicherweise dann sozialdemokratisch.
In Frankreich wird der Wechsel wohl schon am übernächsten Sonntag amtlich. Wie es aussieht, wird Nicolas Sarkozy dann abgewählt und François Hollande Frankreichs künftiger Präsident – als erster Sozialist seit François Mitterand. Es heißt, das wäre eine Katastrophe für Merkel, zumal sie sich vehement für Sarkozys Wiederwahl eingesetzt hat. Damit könnte das Ende der Karriere Merkels als Chefärztin im EU-Krankenhaus beginnen.
Ist das so? Es stimmt, dass Sarkozy ein früher Liebling von CDU und CSU war. Schon im Bundestagswahlkampf 2005 setzten Merkel und Stoiber auf den ungestümen Franzosen, der damals noch als Innenminister zu Reformen blies. Die deutschen Christdemokraten und Sarkozy verband eine tiefe Abneigung – nämlich gegen den konservativen Präsidenten Jacques Chirac. Das Referendum, die Ablehnung des EU-Verfassungsvertrags durch die Franzosen, hatte Chirac das Genick gebrochen. Seit Mai 2005 galt er der Union als kraftlos, als einer, der deshalb zum damals gleichermaßen taumelnden Bundeskanzler Gerhard Schröder gut passte. CDU und CSU hatten sich längst auf den Anti-Chirac Sarkozy festgelegt. Anders als die selbsternannten Achsenfreunde Chirac und Schröder teilte Sarkozy die Meinung der Union in den wesentlichen außenpolitischen Fragen: Türkei in die Europäische Union? Non. Deutsch-französische Freundschaft gegen Amerika? Non. Und vor allem: Noch ein EU-Referendum? Mon dieu, non! Das waren damals die Themen.
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