Attentate in Paris

Merkels zweites Fukushima

Mehr als 120 Menschen sind bei den Attentaten von Paris in der Nacht ums Leben gekommen. Was bedeutet diese Gewaltserie für Angela Merkel und die Welt? Erste Einschätzungen nach einer durchwachten Nacht

Rechtsmediziner laden am 14.11.2015 vor dem Bataclan Theater in Paris eine Leiche in einen Transportwagen
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Was für ein Abend, was für eine schreckliche Wende, die er bis in die tiefe Nicht hinein genommen hat. Bis zur Tagesschau war in den deutschen Wohnzimmern die Welt noch in Ordnung.

Die Bundeskanzlerin erklärte sich in einem großen Interview zu ihrer Flüchtlingspolitik. Sie versuchte den Eindruck zu erwecken, sie habe in ihrem Kabinett und darüber hinaus alles im Griff, auch wenn einzelne Minister inzwischen einfach ihr eigenes Ding machen. Angela Merkel tat das mit ihrer einerseits eindrucksvollen, andererseits auch etwas irritierenden Art, über dem Gekreuch und Gefleuch zu schweben, das sich da so unter ihren Fittichen abspielt.

Die Menschen daheim nahmen das bis zu einem gewissen Grad beruhigt zur Kenntnis. Sie legten knisternd die Chipstüten bereit für das anschließende Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft in Paris. Das Wochenende konnte beginnen

Dann durchbrachen die konzertierten Attentate die Scheinwelt der deutschen Behaglichkeit. Das Fußballstadion erbebte unter drei Detonationen in der Nähe. Ein kleines Restaurant wurde Ziel eines Anschlags. Wackelbilder auf allen  Kanälen, unterlegt von hastigen Kommentaren der Korrespondenten. Panische Gesichter, Menschen in goldene Rettungsdecken gehüllt, schwer bewaffnete Polizisten, stroboskopartiges Blitzen der Lichter der Sanitätsfahrzeuge. Terror und seine Folgen in Echtzeit in den deutschen Wohnzimmern.

Was man am Morgen danach sagen kann: Die konzertierte Anschlagsserie von Paris wird so unmittelbare Folgen für die deutsche Flüchtlingspolitik haben wie seinerzeit die Reaktorkatastrophe von Fukushima auf Merkels Atompolitik. „Das war‘s“ hatte sie seinerzeit in einer internen Runde gesagt. Und das gilt auch jetzt.

Dabei spielt es keine Rolle, dass die allermeisten dieser Menschen auch auf der Flucht sind vor den Barbaren des sogenannten Islamischen Staates. Der Westen ist ein weiteres Mal schwer verwundet worden. Da kann es nicht weiter so bleiben, dass zwar jedem Mütterchen am Flughafen die Nagelschere aus dem Kulturbeutel im Handgepäck genommen wird, aber zugleich unkontrolliert täglich Zehntausende vor allem junge Männer ins Land strömen.

Die französische Hauptstadt – zum zweiten Mal in kurzer Zeit Ziel und Opfer eines mutmaßlich islamistischen Anschlags – steht nun wie keine andere europäische Metropole für die Verwundbarkeit des Westens. Wer gestern und heute Nacht diese Bilder gesehen hat, der spürte instinktiv, dass es in Deutschland sicherere Orte gibt als eine europäische Hauptstadt.

Dieses Bauchgefühl haben offenbar auch die Veranstalter des nächsten Spiels der besten deutschen Fußballer. Der Klassiker gegen die Niederlande in dieser Woche wird wohl abgesagt. Zu nah kamen die Bomben von Paris auch dem deutschen Team, als dass man dieses Spiel einfach so anpfeifen könnte in Hannover.

Klar ist zugleich auch: Frankreich ist deshalb Ziel dieser Anschlagsserie geworden, weil es sich aktiv in den Krieg in Syrien, in den Kampf gegen den IS einbringt. Damit hat es nun die gleiche Erfahrung gemacht wie Russland. Auch Russland bombardiert in diesem Krieg in Syrien – und hat nach derzeitigem Stand der Dinge mit mehr als 200 Menschenleben bezahlt: Es waren die Passagiere einer Maschine, die höchstwahrscheinlich von einer an Bord geschmuggelten Bombe über dem ägyptischen Sinai zum Absturz gebracht wurde.

Der verwundete Westen und das verwundete Russland sollten daher erkennen, dass es etwas über dem Streit und den militärischen Auseinandersetzungen um die Ukraine gibt: Es gibt – man muss das so krass sagen – einen gemeinsamen Feind, den man gemeinsam bekämpfen und auch besiegen muss.

Es ist Zeit, dass sich US-Präsident Barack Obama, der französische Staatspräsident François Hollande, die deutsche Bundeskanzlerin und der russische Präsident Wladimir Putin die Hände reichen und diese Aufgabe in all ihren Dimensionen gemeinsam angehen. Alle weiteren Fragen müssen dahinter vorläufig zurückstehen. Sonst werden beide, der Westen und Russland, auf lange Zeit weiter auf Bilder starren wie jene der Trümmerteile im Sinai und die flackernden Bilder nackter Panik aus Paris.

 

    

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