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Weltbühne

EU-AsylpolitikWenn Flüchtlinge ertrinken, sind wir mitverantwortlich

Von Wolfgang Grenz29. September 2012
picture alliance
Flüchtling,Italien,Lampedusa,EU-Außengrenzen,Bootsflüchtling
Ein Flüchtling auf der italienischen Insel Lampedusa: mit der Tragödie allein gelassen
Schrift:

An den EU-Außengrenzen sterben Jahr für Jahr Tausende Flüchtlinge. Statt zu helfen, setzt die Staatengemeinschaft auf Abschottung. Die Bundesregierung nimmt die Menschenrechtsverletzungen stillschweigend hin, kritisiert Wolfgang Grenz, Generalsekretär von Amnesty International

Seite 1 von 2

Am 6. September melden die Nachrichtenagenturen ein verheerendes Flüchtlingsdrama an der türkischen Mittelmeerküste: Mindestens 61 Menschen – darunter gut die Hälfte Kinder – ertrinken beim Untergang eines Flüchtlingsbootes in der Nähe von Izmir. An Bord sind vor allem Palästinenser, Iraker und Syrer. Es ist nur eine von vielen Meldungen. Denn immer wieder ertrinken Flüchtlinge im Mittelmeer bei dem Versuch, die EU zu erreichen. Oder sie verdursten in den überfüllten Booten. 2011 starben mindestens 1.500.

Die EU-Staaten tragen mit ihrer Abschottungspolitik eine Mitschuld an diesem Sterben im Mittelmeer. Warum? Weil sie alle Wege, sicher und legal Schutz in der EU zu suchen, blockieren. Zuletzt wurde viel Geld ausgegeben, um die Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland für Migranten und Flüchtlinge abzudichten. Und in den nächsten Jahren sind weitere 400 Millionen Euro für das System Eurosur eingeplant, mit dem ab 2014 die Außengrenzen des Schengenraums überwacht werden soll.

Die EU und ihre Mitgliedstaaten verstoßen mit dieser Politik der Abwehr von Flüchtlingen und Migranten in vielen Fällen gegen das internationale Flüchtlingsrecht und gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Das hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in einer Entscheidung vom Februar 2012 festgestellt.

Er verurteilte Italien wegen seiner Rückschiebpraxis – dem sogenannten „Push-Back“ – auf dem Mittelmeer. Italien hatte Flüchtlinge und Migranten im Mittelmeer außerhalb des italienischen Hoheitsgebietes aufgegriffen und nach Libyen zurücktransportiert. Grundlage dieser Praxis war ein „Freundschaftsabkommen“, das Italien unter Berlusconi mit Libyen unter Gaddafi geschlossen hatte. Gegen Zahlung von fünf Milliarden US-Dollar verpflichtete sich Libyen zu  verstärkten Grenzkontrollen. Italien durfte im Gegenzug im Mittelmeer aufgegriffene Menschen nach Libyen zurückschicken. Dort wurden sie in der Regel inhaftiert, misshandelt und zum Teil gefoltert. Nach einigen Wochen setzten die libyschen Behörden sie hilflos in der Wüste aus. Das alles hat der Gerichtshof in seinem Verfahren festgestellt und geurteilt, dass Italien diese Menschen nie hätte zurückschicken dürfen. Die italienischen Behörden hätten prüfen müssen, welchen Gefahren die Flüchtlinge bei der Rückschiebung ausgesetzt waren. 

Wenn Menschen, die von den italienischen Behörden aufgegriffen werden – und das gilt auch auf Hoher See – erklären, dass sie Flüchtlinge sind, dann muss ihnen Zugang zu einem fairen Asylverfahren gewährt werden.

Trotz des Urteils will die italienische Regierung diese Praxis aber offenbar fortsetzen. Sie hat – wie italienische Journalisten aufgedeckt haben – mit der neuen libyschen Regierung ein entsprechendes Geheimabkommen geschlossen. Die italienische Regierung setzt Flüchtlinge damit der Gefahr schwerster Menschenrechtsverletzungen aus – denn Libyen ist längst noch kein sicherer Ort für Flüchtlinge.

Und was tut die EU? Nichts. Auch Deutschland nimmt das menschenrechtswidrige Verhalten Italiens stillschweigend und wahrscheinlich auch zustimmend zur Kenntnis. Dabei sieht sich die EU gerne als Vorreiter beim Menschenrechtsschutz und als Wertegemeinschaft. Beim Flüchtlingsschutz ist aber auf diese kein Verlass. Weder übt die deutsche Regierung Druck auf Italien aus, noch ist sie bereit, das europäische Asylsystem so zu reformieren, dass die Grenzstaaten mit dem Problem nicht allein gelassen werden. Bisher beharrt sie auf dem geltenden Dublin-II-Abkommen, nach dem der Staat, in den Flüchtlinge zuerst einreisen, für ein Asylverfahren zuständig ist.

Seite 2: Wir dürfen nicht untätig zusehen, wie Menschen sterben

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Die Praxis sollte verbessert werden,

allerdings glaube ich nicht, dass bei einer Volksabstimmung eine Mehrheit für die unbegrenzte Aufnahme von Asylbewerbern stimmen würde. Wir hatten diese Debatte schon. Menschenrechte setzen eine funktional differenzierte Gesellschaft mit einer demokratischen Staatsform voraus. Solange dies die UNO nicht akzeptiert und die Kritik an religiöser Unterdrückung zum Beispiel, als Rassismus verurteilt wird, gibt es keine moralische Instanz von ausreichender Glaubwürdigkeit, die das Recht hätte jedes Jahr millionenfache Zuwanderung aus Armutsstaaten zu fordern. Die Türkei fühlt sich schon mit 70 Tausend Syrern überfordert. In Deutschland leben beispielsweise mehr als eine halbe Million Kurden, die fast ausschließlich als Asylbewerber eingewandert sind. Was kostet es diese Menschen zu finanzieren und zu intergrieren? Wir reden hier über mehrere hundert Milliarden pro Jahrzehnt. Sind wir überhaupt in der Lage dazu, ohne unsere eigenen Menschenrechte zu verlieren. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Flüchtlinge nicht aus politischen Gründen emigriert, sondern materielle Motive hat. Viele gehören zur Mittelschicht. Die Unterschicht kann die hohen Preise der Schlepper gar nicht bezahlen. Die wenigsten sind davon Demokraten. Wie wirkt sich das auf unsere Demokratien aus? Beispiel Islamismus. Wie hoch darf der Anteil rechter Parteien werden, 20%-30%? Spätestens dann wird es kritisch. Wir sind weder dazu verpflichtet noch in der Lage, die Meschenrechte weltweit zu garantieren, noch den Menschen auf dem ganzen Planeten ein Minimum an Wohlstand zu verschaffen. Wer so argumentiert, beteiligt sich an einer sinnlosen, größenwahnsinnigen Heuchelei. Wer sich auf einem Seelenverkäufer auf hohe See begibt, setzt sein Leben bewusst aufs Spiel. In erster Linie um der Armut und Diekriminierung in seiner eigenen Kultur zu entkommen, die ihn geprägt hat. Das Leitbild der mutikultuerellen Gesellschaft verkommt sehr schnell zu Ghetto-Anomie. Ich finde solche Forderungen haben keine moralische Qualität, solange man keine konkreten Lösungen vorschlägt und konkret definiert, wer für die sozialen und finanziellen Kosten aufkommen soll. Erst dann wird nämlich deutlich, dass das Asylrecht durchaus geeignet ist, die Menschenrechte und den Wohlstand der Einheimischen in erheblichem Ausmaß zu schmälern. Wer dies verschweigt und eindimensional ein Land wie Italien verurteilt, das in der Krise steckt und mit Arbeitslosigkeit und extremer Staatsverschuldung zu kämpfen hat, der ist aus meiner sicht nicht in der Lage oder bereit über eng begrenzte Partikularinteressen hinauszudenken. Die EU hat in Europa eine enorme Integrations- und Aufbauleistung geschafft und ist dabei bis an der Grenzen der Leistungsfähigkeit aller beteiligten Akteure gegangen. Wir sollten uns konkrete erreichbare Ziele Setzen, wie die Demokratie in Osteuropa durchzusetzen und nicht die eigene Demokratie durch die weitgehend unkontrollierte Zuwanderung schwer integrierbarer Menschen auf Spiel setzen.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann29.09.2012 | 20:08 Uhr

Erlösung?!

Ach Herr Grenz, was für eine Anmaßung, dass alle Menschen dieser Welt (oder nur Afrikas) durch Deutschland (oder die EU) gerettet werden können. So sehr ich das Streben nach Glück aller Menschen dieser Welt nachvollziehen kann und allen vom Herzen wünsche, dieses Ziel zu erreichen und im Rahmen meiner Möglichkeiten auch dabei helfe - wir müssen an anderer Stelle ansetzen. Fragen Sie doch einmal bei Herrn Jean Ziegler nach, der kann mit weisem Rat helfen. Nur, wie setzten wir diesen Rat gegen die Wirtschafts- und Machtinteressen der wenigen (!) global agierenden, verantwortungslosen und unkontrollierten Unternehmen durch? Auch (gerade die US-) Politik wird inzwischen durch diese beherrscht, das Stimmvieh macht dabei brav seine Kreuzchen. Wir sollten gegen die Ursache vorgehen und nicht die Symptome unterdrücken. Letzteres tun die Ahnungslosen und die Feiglinge. Und: In Deutschland sind die Grünen erfolgreich dabei, die Schuld (nur der Großeltern? oder "an sich") abzuschaffen, wie können Sie da neue Schuld gegen den Zeitgeist erschaffen?

  • Antworten
Blase29.09.2012 | 22:40 Uhr

Wie so ist Deutschland in der Pflicht wenn im Mittelmeer

Leute,die glauben dass in Europa das Geld und Arbeitsplaetze auf der Strasse liegt? Seit Jahrzehnten fliessen
ungeheure Betraege in sogenannte Entwicklungslaender,entwickelt wurde leider kaum etwas ausser einem nicht
abreissenden Strom von Armutsfluechtlingen .,die darauf draengen dass sie in Laendern wie Deutschland versorgt
werden.Nur die wenigsten davon werden auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar sein ,der Rest wird den Rest des Lebens
dem Steuerzahler auf der Tasche liegen .

  • Antworten
Lill-Karin Bryant01.10.2012 | 22:25 Uhr

Antwort an Lill Karin Bryant

Wenn Flüchtlinge in die EU flüchten um dort Schutz zu suchen, sollte auch dieser im Vordergrund stehen und nicht sofort wieder eine Debatte über "die achsoarmen deutschen Steuerzahler" entfacht werden. Die wenigsten fliehen um "reich" zu werden, sie fliehen vor Unterdrückung, Hungersnöten, Krieg, Folter, Misshandlungen, etc. Es muss ein Umdenken in der Politik stattfinden, anstatt sich sozusagen "frei zu kaufen" von jeder Verantwortung für Flüchtlinge. Was nützt es massenhaft Geld auszugeben um die Grenzen zu sichern und Europa somit zu einer schwer bewachten Festung zu machen?! Mit dem Dublin Abkommen ist Deutschland fein raus und es ist definitiv so, dass Dtl somit eine Mitschuld an den Todesopfern trägt, die bspweise bei ihrer Flucht übers Meer umkommen. Jeder Flüchtling der in Europa Schutz und Hilfe sucht, sollte entscheiden dürfen, wo er diese Hilfe erbittet. Und jeder Flüchtling hat ein Recht auf ein faires Asylverfahren, es darf nicht sein, dass Menschen zu Spielbällen werden und auf ihrer Flucht oftmals mehrere Jahre von der EU hin und her gerreicht werden. Anstatt die Grenzen dicht zu machnen, muss damit begonnen werden in allen EU Ländern gleiche Sozialstandards zu schaffen. Es ist jawohl jedem nachvollziehbar, das ein Flüchtling der in Italien strandet und dort in Obdachlosigkeit leben muss, versucht weiterzufliehen um seine Notsituation zu verbessern. Deutschland ist nunmal ein Sozialstaat und in einem Sozialstaat werden nunmal auch die Schwachen unterstützt. Wenn alle in Dtl Ihre Meinung hätten, Menschen die dem Steuerzahler auf der Tasche liegen raus, wo fangen wir da an, bei den Drogensüchtigen, den Behinderten, den Rentnern, den Hartz 4 Empfängern??? In Deutschland gibt es meiner Meinung nach kein Migrantenproblem, sondern ein Bildungsproblem. Es gibt auch unzählige Deutsche, die auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind und somit die Steuerzahler belasten, was schlagen Sie hier vor? Alle gleich mitabschieben?? Informieren Sie sich doch bitte erst einmal gründlich über die Thematik bevor sie unzulässige Verallgemeinerungen treffen und Aussagen machen, die einen an hoffentlich vergangene Zeiten erinnern...

  • Antworten
Lena17.11.2012 | 19:40 Uhr

ASYL in Europa

Kein Mensch flüchtet ohne Grund und verlässt sein Heimatland. Trotz aller Barrikaden können noch immer so viele Menschen Europa erreichen. Die Menschen, die das geschafft haben, werden aber gleich mit einer unmenschlichen Politik in den europäischen Ländern konfrontiert. Europa will sich abschotten und ignoriert die fundamentalsten Menschenrechte, die sie selbst in der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" am 10.12.1948 mit unterzeichnet haben. Europa sollte in der Einhaltung der Menschenrechte doch eigentlich ein Vorbild sein gerade für diese Menschen, die aus Terror- und Armutsländern nach Europa fliehen. Zu dieser unmenschlichen Menschenrechtspolitik kommt noch hinzu, dass Europa die Länder ausbeutet, aus denen die Menschen zu uns flüchten. Viele Organisationen und individuelle Unterstützergruppen für die Flüchtlinge sind ja erst dadurch in Europa entstanden weil sie sich gegen diese menschenverachtende und ausbeuterische Politik auflehnen. Europa ist kein Terror- oder Armutskontinent. Die POLITIKWENDE in Europa hinsichtlich der Aufnahme und menschenwürdigen Behandlung von Flüchtlingen kann nur so erfolgen, wenn 'wir uns' gemeinsam dagegen auflehnen. 'Wehrt Euch'.
Amsterdam / Netherland
http://www.rnw.nl/africa/article/amsterdam-asylum-seekers-take-shelter-disused-church
http://www.devluchtkerk.nl/home
http://www.firstpost.com/topic/place/amsterdam-de-vluchtkerk-amsterdam-21-12-2012-video-6dlhiiR_upU-550-1.html
http://ihuanedo.ning.com/group/owaafrica/forum/topic/show?id=2971192:Topic:91892&xgs=1&xg_source=msg_share_topic
http://www.youtube.com/watch?v=KymppDchdV8

http://www.firstpost.com/topic/place/amsterdam-de-vluchtkerk-amsterdam-21-12-2012-video-6dlhiiR_upU-550-1.html

http://www.firstpost.com/topic/place/amsterdam-de-vluchtkerk-amsterdam-21-12-2012-video-6dlhiiR_upU-550-1.html
http://www.youtube.com/watch?v=ioRaYfeV3zA&feature=player_embedded
Germany:
BERLIN - Protest Camp at Oranienplatz in Berlin Kreuzberg
http://asylstrikeberlin.wordpress.com/

http://asylstrikeberlin.wordpress.com/contact/

Wien / Austria
http://refugeecampvienna.noblogs.org/post/category/language/english/
http://refugeecampvienna.noblogs.org/post/2013/02/21/asyl-votiv-fluchtlinge-laden-fischer-zum-abendessen/

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Regina Andresen23.02.2013 | 00:22 Uhr

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