Angriffslustig, sachlich, fehlerfrei: Im ersten und einzigen TV-Duell der Vizes lieferten sich Joe Biden und Paul Ryan jene Konfrontation, die viele Zuschauer in der ersten Fernsehdebatte zwischen Barack Obama und Mitt Romney vermisst hatten
Der Mann links im Bild schlägt Alarm: Mehr als 16 Billionen Dollar Schulden, ein zu geringes Wirtschaftswachstum, zu hohe Arbeitslosigkeit, vor dem Bankrott stehende staatlich finanzierte Sozial- und Gesundheitsprogramme. Und in der Außenpolitik? Amerika wird nicht mehr respektiert, hat seine Werte an die UN verraten, Russland und China zu viel Vetomacht eingeräumt, sendet widersprüchliche Signale aus, hat weder in Libyen noch in Syrien oder Ägypten eine Strategie, ermuntert durch seine Passivität die iranischen Ayatollahs, weiter an der Bombe zu basteln.
Auch der Mann rechts im Bild schlägt Alarm: Wenn der Mann links im Bild an die Macht kommt, werden die Reichen noch reicher, die Armen noch ärmer, um die Alten und Bedürftigen kümmert sich niemand mehr, die Mittelklasse wird geschröpft. Und in der Außenpolitik? Da könnte es neue Kriege im Nahen Osten geben, Flächenbrände, zunehmende globale Spannungen, eine Verlängerung des amerikanischen Militärengagements in Afghanistan, es droht ein Rückfall in alte Dominanz- und Arroganzzeiten.
Schärfer könnte der Kontrast kaum sein, den US-Vizepräsident Joe Biden (rechts im Bild) und sein republikanischer Rivale Paul Ryan (links im Bild) am Donnerstagabend (Ortszeit) in Danville im Bundesstaat Kentucky für das Publikum skizzieren. Es ist das erste und einzige TV-Duell der Vizes, und für die klare Präsentation ihrer konträren Positionen muss man den Kontrahenten dankbar sein. Biden und Ryan lieferten in Stil und Substanz jene Konfrontation, die viele Zuschauer in der ersten Fernsehdebatte zwischen Barack Obama und Mitt Romney vermisst hatten.
Einen klaren Sieger indes gab es diesmal nicht. Biden war angriffslustig und versiert, doch seine übertrieben herablassende Gestik schadete ihm. Wenn er Ryan mal nicht unterbrach, verzog er bei dessen Ausführungen das Gesicht zu einem höhnischen Dauergrinsen. Ryan blieb überwiegend sachlich, machte keinen Fehler, befand sich aber die meiste Zeit in der Defensive. Der eine biss zu, der andere legte dar.
Genau dadurch freilich spielten sie ihre Rollen perfekt. An Biden war es, wieder die Leidenschaften der eigenen Klientel zu entfachen. Vielen Demokraten fehlt der Obama-Enthusiasmus von vor vier Jahren. Einen zusätzlichen Dämpfer erhielten sie durch das lustlose Auftreten des Präsidenten in der ersten TV-Debatte. Plötzlich schien die Gegenseite in den Yes-we-can-Modus zu wechseln. Gut möglich, dass Biden durch seine Aggressivität erneut die Herzen einiger Anhänger erwärmte.
Ryan wiederum durfte sich vor allem keine Blöße geben. Er musste unentschiedene Wähler davon überzeugen, dass mit Romney und ihm die Welt nicht unterginge. Er musste Ängste vor zu großer Radikalität zerstreuen. Außerdem musste der 42-jährige Kongressabgeordnete inhaltlich mit dem 69-jährigen Biden mithalten. All das gelang ihm recht passabel.
Die Dynamik des Wahlkampfes wird das Vize-TV-Duell folglich nicht wesentlich verändern. Obama und Romney liefern sich weiter ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Für Obama spricht, dass Amerikaner grundsätzlich jedem eine zweite Chance geben. Nur dreimal in den vergangenen 70 Jahren haben sie einen amtierenden Präsidenten abgewählt – Gerald Ford, Jimmy Carter, George Bush senior. Außerdem profitiert Obama von der Angst vieler Amerikaner vor einem Rückfall ihres Landes in die Bush-Ära.
Seite 2: Anhänger von Romney und Obama werfen sich gegenseitig Lügen vor










