Malte Lehming plaudert über das ganz normale Leben in den USA – zwischen strikten Schulregeln, nachbarschaftlicher Hilfe, Gewehr-Reklame in der Wochenendausgabe der Tageszeitung, HIV-Schnelltest für zu Hause, Obdachlosigkeit und kleinen Toiletten
Heute kommt Banales, ein paar Szenen aus dem Alltag. Wir leben in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia, gewissermaßen mit Blick auf Washington D.C. Unsere beiden Kinder, neun und acht Jahre alt, besuchen eine staatliche Ganztags-Grundschule. Dort sind 57 Prozent weiß, 18 Prozent schwarz, 16 Prozent Hispanics, sechs Prozent asiatisch. Viele Kinder werden gezielt gefördert, besonders in Englisch. Jeden Tag gibt es Hausaufgaben – darunter mindestens eine halbe Stunde selbst lesen oder vorgelesen bekommen.
Außerdem müssen einige Regeln beachtet werden: Die Kleidung der Kinder muss die Knie bedecken (Anstand). Die Schuhe der Kinder müssen geschlossen sein (Unfall- und Verletzungsvermeidung). Wer Essen mitbringt, darf es mit niemandem teilen (Allergiegefahr). Geburtstagseinladungen dürfen auf dem Schulgelände nicht verteilt werden (damit sich die Kinder, die nicht eingeladen sind, nicht ausgeschlossen fühlen). Wer das Schulgelände betreten will, braucht einen Besucherausweis, das gilt auch für Eltern (Sicherheit). Für außerschulische Aktivitäten – Fußball, Schach etc. – darf auf dem Schulgelände nicht geworben werden (Gleichheit und Gerechtigkeit, sonst dürfte der Ku-Klux-Klan genauso von diesem Recht Gebrauch machen).
Unser Haus steht in einer Seitenstraße, die in eine Sackgasse mündet. Wochentags ab 16 Uhr treffen sich die Nachbarkinder am unteren Ende zum Spielen. Einige Eltern übernehmen abwechselnd die Aufsicht. Darunter ist Carolyne, deren Mann als Marinesoldat seit fünf Monaten in Afghanistan ist. Zweimal zuvor war er für je ein Jahr im Irak stationiert. Sie schreiben sich lieber als zu skypen, sagt sie. Für den unmittelbaren Kontakt sind die Welten, in denen sie leben, oft zu verschieden.
Am Montag war Feiertag, Columbus Day. Spontan verabreden sich die Nachbarn zum abendlichen Grillen. Einer geht von Tür zu Tür, klingelt und informiert die anderen. Jeder bringt etwas mit. Bei Nieselregen und Kälte kommen 15 Erwachsene und 30 Kinder. Ein Baldachinzelt wird an der Straßenseite aufgebaut. Man redet über Schule, Erziehung, Restaurants, die „Nationals“ (die Baseball-Mannschaft von Washington D.C. spielt in den Playoffs). Das verbindende Element ist die familiäre Situation. „Ihre Tochter vermisst ein Klavier? Wir haben im Keller noch ein altes E-Piano, das können wir Ihnen leihen.“
Tags zuvor wurden in unserer Kirchengemeinde aus zwei großen Lastwagen-Anhängern geschätzt mehr als tausend Kürbisse entladen (zwei Tage Muskelkater sind die Folge). Die Kürbisse kamen aus New Mexiko, aus einem Reservat der Navajo-Indianer. Nun liegen sie, nach Größe sortiert, auf dem Gelände vor der Kirche zum Verkauf. Der Erlös geht an wohltätige Organisationen. Nachts werden die Kürbisse von einer Laternengirlande beleuchtet. Dennoch wäre es leicht, sie unbemerkt zu stehlen. Als kleine Abschreckungsmaßnahme hilft die örtliche Polizei. Die Beamten stellen nachts eines ihrer ausrangierten Autos an die Ecke. Das ist zwar leer, aber wer weiß?










