Die Demonstranten vom Tahrir kommen nicht zur Ruhe. Denn niemand weiß, wer in Kairo künftig an der Macht sein wird. Die Intellektuellen wirken im Hintergrund. Eine Reportage
Schon die Ankunft, eine einzige Überforderung. Vierzig Grad im Schatten bei tropischer Luftfeuchtigkeit sind kein Pappenstiel – den Rest besorgt der Smog. Der Taxifahrer am Flughafen: Ob er das Buch kennt, das ich gerade im Flugzeug gelesen habe? Khaled al-Khamissis Taxi-Geschichten wurden dieses Jahr ins Deutsche übersetzt, und es heißt, sie zeichneten ein genaueres Bild von Kairo als eine ganze soziologische Bibliothek. Der Fahrer guckt ernst und freundlich, er spricht aber nur arabisch. So lenkt er den betagten Peugeot schweigend in einen Verkehr, vor dem man die Augen verschließen sollte, um nicht sofort verrückt zu werden. Aus den überaschendsten Richtungen kommen Autos, schmiegen sich millimetergenau von der Seite an und fließen dann in wundersamer Eintracht auf der Straße, die wirkt, als sei sie nur für die Hälfte der tatsächlich befahrenen Spuren ausgelegt.
Unsere rechte Vordertür ist defekt. Sie schwingt während der Fahrt von selbst auf, weshalb sich der Fahrer, mit einer Hand am Steuer, über den Beifahrersitz lehnt, um sie wieder zuzuziehen. Durch einen Spalt im Boden des Taxis sieht man den Asphalt. Derweil ziehen links und rechts architektonische Monumente des wohlhabenden Außenbezirks Heliopolis vorüber. Kolonialer Prunk und sozialistischer Protz – beides längst verblichen. Dann ein Blick auf die «Stadt der Toten», die zugleich Friedhof ist und Slum; auf den Grabstellen der Verblichenen leben nicht weniger als 500.000 Menschen. Wortlos reicht der Fahrer seine Zigaretten nach hinten. Wir rauchen. Das also ist sein Welcome to Egypt. Ich erinnere mich: Man kann sich sehr wohl fühlen in Kairo.
Welcome to Egypt: Erst die Revolution hat diesem Satz einen Sinn gegeben. Diente er gestern noch dazu, Touristen in Läden mit Gewürzen, Leder, Schmuck und anderem Kram zu locken, hört man ihn jetzt auch aus dem Mund von Menschen, die gar nichts verkaufen wollen. Vor allem auf dem Tahrir-Platz, der schon seit Wochen wieder von Demonstranten besetzt ist. Nirgends wird deutlicher, dass diese Revolution eine Jugendbewegung ist. Die Aktivisten, die hier, geduldet von Polizei und Militär, im Moment den Ton angeben, sind zum größten Teil unter dreißig und oft nicht einmal volljährig. Durch sie hat auch der Name dieses Areals einen neuen Klang bekommen. Midan at-Tahrir, so heißt er vollständig, «Platz der Befreiung». Er grenzt zur einen Seite ans Ufer des Nils, zur anderen an die Innenstadt und ist eingefasst von Regierungs- und Verwaltungsgebäuden. Im Hintergrund zwei Mahnmale der allerjüngsten Geschichte – man vergisst hier leicht, dass der heiße Januar erst ein gutes halbes Jahr zurückliegt: Das ägyptische Museum, wo sich plündernde Wärter im allgemeinen Durcheinander über die antiken Kunstschätze hermachten; daneben eine rußgeschwärzte Betonruine, in der vor dem Brand Mubaraks Staatspartei residierte. Von weniger einschüchternder Wirkung als solche Klötze sind die neuen Architekturen der Revolution.
Ein Zeltlager in der Mitte des Tahrir ist das Epizentrum der Bewegung. Von improvisierten Bühnen ertönen Reden und Sprechchöre, die von einer fahnenschwenkenden Menge lautstark erwidert werden. Der Revolution sind die Themen noch lange nicht ausgegangen. Es grenzt an ein Wunder, wie geduldig Polizei und Militär das Geschehen auf dem Tahrir tolerieren, keine einzige Uniform ist an diesem Abend zu sehen.
Lesen Sie mehr über den Mann, den man «Mubaraks Pudel» nennt.








