Abschreckung - Renaissance der Atombombe

Die erneute Eskalation in Nordkorea zeigt: Das Drohpotenzial der A-Waffe ist ungebrochen. Kein Wunder, dass immer mehr Staaten die Massenvernichtungswaffe haben wollen

Renaissance der Atombombe
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Karl-Heinz Kamp ist Forschungsdirektor des Nato Defense College in Rom.

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Ein Relikt des Kalten Krieges? Von wegen! Die Angst vor dem Atomkrieg ist wieder allgegenwärtig. Auslöser sind nicht etwa die immer noch beachtlichen Kernwaffenbestände Russlands oder der USA, sondern die Äußerungen der bizarren Führung eines Steinzeitregimes, das nicht einmal die eigene Bevölkerung ernähren kann. Kim Jong Un, pausbäckiger Twen mit Vorliebe für Disney-Figuren und „Oberster Führer“ Nordkoreas, droht der Welt mit dem Einsatz seiner Atomwaffen und beherrscht damit die Schlagzeilen weltweit. Die Streitkräfte Südkoreas erhöhen ihre Bereitschaft, die USA verschiffen riesige Radaranlagen nach Asien, und Japan stationiert Abwehrraketen mitten in Tokio. Dabei weiß niemand, ob Nordkorea überhaupt Kernwaffen besitzt. Das Land hat zwar mehrere Atomtests durchgeführt – mit wechselndem Erfolg übrigens. Doch der Weg von einer turmhohen nuklearen Versuchsanlage zu einem kleinen Atomsprengkopf, der auf eine Rakete passt, ist weit.

Was ist nur aus Barack Obamas Vision einer atomwaffenfreien Welt geworden, die der US-Präsident 2009 verkündet hatte und für die er nicht nur das Lob fast aller Nationen erntete, sondern auch mit dem Friedensnobelpreis belohnt wurde? Gesunken ist die Zahl der atomaren „Player“ in der Weltpolitik seither jedenfalls nicht. Neben Nordkorea arbeitet auch Iran mit Hochdruck an der Entwicklung von Atomwaffen und kommt dabei offenbar zügig voran. Sobald aber Teheran seine erste Kernwaffe erfolgreich testet und damit die Eintrittskarte in den Club der Atommächte präsentiert, werden andere diesem Beispiel folgen. Schon länger träumen Regime im Nahen und Mittleren Osten von der „islamischen Bombe“. Gleiches gilt für Ostasien. Die Kapriolen des „Obersten Führers“ werden nicht ohne langfristige Folgen bleiben, selbst wenn die nordkoreanischen Atomdrohungen eher hochgestapelt sind. Länder wie Japan oder Südkorea sind technisch hoch entwickelt und werden die Notwendigkeit eigener Atomarsenale künftig sehr intensiv diskutieren.

Worin liegt aber der Reiz einer Waffe, die seit Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 nicht mehr eingesetzt wurde und deren Wert offenbar nur darin besteht, andere Staaten vom Einsatz ihrer Kernwaffen abzuhalten? Warum nehmen Länder wie Iran heftige Kritik, schmerzhafte internationale Sanktionen und politische Isolation in Kauf, nur um in den Besitz dieser Waffe zu gelangen? Und wird Obamas Vision einer Welt ohne Atomwaffen ein Wunsch bleiben?

Jedenfalls gibt es nicht nur einen Daseinszweck von Atomwaffen. Zu Beginn des Atomzeitalters glaubte man in Ost und West, Kernwaffen militärisch nutzen zu können. Während Kim Junior das vermutlich immer noch denkt, sind die Sowjetunion und die USA weiter. Sie lernten in so scharfen Konflikten wie der Kuba-Krise, dass die Atombombe nicht „just another weapon“ ist, die sich in Kriegen einsetzen lässt. Kriegsverhinderung durch wechselseitige Abschreckung wurde das Ziel. Für andere Länder zählt eher der Status, den Atomwaffen verleihen. Frankreich gründet einen Teil seines nationalen Selbstbewusstseins auf die Tatsache, unabhängige Atommacht zu sein. Indien agiert auf Augenhöhe im Kreis der Weltmächte, seitdem es über Atomwaffen verfügt.

Entscheidend aber ist der Umstand, dass Atomwaffen ihrem Besitzer in einer Krise politischen Handlungsspielraum verschaffen und ihn vor militärischen Interventionen schützen. Wäre Serbien 1999 Atommacht gewesen, hätte die Nato keinen Krieg um den Kosovo geführt. Hätte Saddam Hussein Atomwaffen besessen, als er Kuwait überfiel, hätten die USA tatenlos zusehen müssen. Libyens Muammar al-Gaddafi soll während seiner Flucht gegenüber Vertrauten bedauert haben, dass er nicht die Entwicklung eigener Kernwaffen vorangetrieben hatte – er säße vermutlich noch heute in seinem Regierungszelt. So gesehen, sind die iranischen Nuklearambitionen durchaus folgerichtig: Man ist entweder selbst Atommacht oder zumindest mit einer Atommacht eng verbündet, wie die Nato-Staaten mit den USA.

Wie steht es vor diesem Hintergrund mit der Idee einer atomwaffenfreien Welt? Obama war klug genug zuzugeben, dass sich seine Vision wohl kaum zu seinen Lebzeiten verwirklichen wird. Aus heutiger Sicht werden aber auch zwei oder drei Präsidentenleben nicht ausreichen, um die totale nukleare Abrüstung zu erreichen. Das liegt zunächst daran, dass viele Länder allen Bekenntnissen zum Trotz ihre Atomwaffen schlicht nicht aufgeben wollen. Israel versteht sie als Garant für das eigene Überleben – kein Wunder bei den vielen Wünschen aus der Region, Israel von der Landkarte tilgen zu wollen. Frankreich sieht sie vor allem als Insignien der Macht, während Indien sie auch als Mittel gegen chinesische Aggressionen versteht. Pakistan hat sie wiederum wegen Indien, und für Russland sind sie sowohl ein Gegengewicht zu der aus ihrer Sicht militärisch überlegenen Nato als auch ein Denkmal des vergangenen Ruhms einer Supermacht. China geht nicht einmal gegen die nuklearen Tiraden seines nordkoreanischen Schützlings entschieden vor. Nicht, dass man sein Spiel mit dem Feuer billigt, aber man will auch nicht, dass das Regime kollabiert. Der Status quo mit einem absonderlichen Führer ist aus Pekings Sicht immer noch besser als ein Ende der Kim-Dynastie und eine Wiedervereinigung unter südkoreanischen Vorzeichen.

Selbst wenn sich alle Nuklearstaaten zu einem beispiellosen Akt der Selbstbeschränkung entschließen sollten und ihre Kernwaffen zur Verschrottung freigäben, so wäre der Globus nicht notwendigerweise sicherer. Das Wissen um den Bau von Kernwaffen ist in der Welt – der nukleare Geist ist aus der Flasche und lässt sich auch nicht wieder einsperren. In einem ernsten Konflikt würde ein entschlossener Aggressor nur wenige Monate brauchen, um die alten Blaupausen aus dem Safe zu holen und eine funktionsfähige Kernwaffe zu konstruieren. Andere würden versuchen gleichzuziehen. Ein solcher Rüstungswettlauf in einer Krise wäre kaum beruhigender als das derzeitige System gegenseitiger Abschreckung. Auch gibt es vermutlich schon heute geheime Nuklearprogramme in Staaten, die derzeit noch niemand auf dem Schirm hat. In Zeiten, in denen ein Smartphone eine höhere Computerleistung hat als die Großrechner amerikanischer Atomlabors der sechziger Jahre, ist man vor Überraschungen nicht sicher.

Heißt das, den nuklearen Realitäten tatenlos zuschauen zu müssen und zu warten, bis in der kommenden multinuklearen Welt eine der vielen Tausend Kernwaffen detoniert – sei es geplant oder als tragische Fehlkalkulation? Keinesfalls, es muss dringend gehandelt werden. Allerdings hilft das Machbare mehr als die Vision. Machbar ist die Reduzierung der vorhandenen Bestände. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum derzeit etwa 4400 Atomwaffen weltweit einsatzbereit gehalten werden. Noch weniger ist zu verstehen, dass knapp 15 000 Atomsprengköpfe in Reserve lagern, teils montiert, teils in Einzelteilen. Die USA und Russland haben sich schon auf kleinere Arsenale geeinigt, andere Länder stehen noch außen vor. Allerdings ist die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen sehr zeitaufwendig.

Hilfe bei der Rüstungskontrolle kommt von unerwarteter Seite: Die weltweite Finanzkrise macht es den Nuklearstaaten immer schwerer, ihre kostspieligen Atomarsenale zu erhalten. Hier wird es eine „kalte Abrüstung“ geben, auch ohne dass man sich auf komplizierte Abkommen einigt.

Ein zweites Schlüsselwort ist Transparenz. Waffenbestände, die man kennt, sind weniger problematisch als verborgene Arsenale. Lässt man den vermeintlichen Gegner in den eigenen militärischen Hinterhof schauen, erweckt man Vertrauen und baut Fehleinschätzungen ab. Politisch ist die Forderung nach Transparenz nicht leicht durchzusetzen, da man immer gegen historische Ängste und gewachsene Bedrohungsvorstellungen ankämpfen muss. Vor allem geht auch dies nicht von heute auf morgen.

Helfen uns diese Ideen bei der Bewältigung der unmittelbaren Krise in Ostasien? Vermutlich nicht – aber das tut der Traum von der atomwaffenfreien Welt ebenso wenig. 

Karl-Heinz Kampf ist Forschungsdirektor des Nato Defence College in Rom. Der Autor gibt seine persönliche Meinung wieder.

 

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