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Weltbühne

Wer ist Abbas wirklich?

von 
Bruno Schirra
25. Mai 2005

In seiner Doktorarbeit relativierte er Hitlers Holocaust, als Schatzmeister der Fatah-Bewegung soll er Mitwisser des Anschlags von München 1972 gewesen sein: Jassir Arafats Nachfolger ist kein unbeschriebenes Blatt.

Das Bild des gemäßigten, des moderaten Palästinenserführers wird grau. Es bekommt Risse – betrachtet man die Zeugnisse von Freunden und Gegnern über Mahmud Abbas und dessen Selbstzeugnisse.

Genau daran erinnert Zakariya Zubeidi, wenn er Mahmud Abbas an dessen „stolze Haltung“ von Camp David erinnert. Sogar Jossi Beilin, Linksaußen der israelischen Politik und einer der wenigen Israelis, die ihr Vertrauen an die Palästinenser als Partner im Friedensprozess nicht ganz verloren haben, bezeichnet dessen Position in Camp David im Sommer 2000 als „noch extremer als die von Arafat. Abbas gehörte zu Arafats Bremsern während des Camp David-Gipfels“. Woraus der kein Hehl macht. „Jassir Arafat war in Camp David viel nachgiebiger als ich. Ich fühle keinerlei Bedauern. Was wir taten, war richtig“, kommentierte er die Ablehnung von Baraks umfassendem Angebot für einen palästinensischen Staat im Sommer 2000.

Für Mahmud Abbas ist das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge nicht verhandelbar. „Die palästinensischen Flüchtlinge haben das Recht behalten, in ihr Heimatland an jeden Ort zurückzukehren, den sie verlassen haben. Das ist nicht auf Land beschränkt, das unter der Souveränität der Palästinensischen Autonomiebehörde steht. Wir verlangen ihre Rückkehr nach Jaffa, nach Haifa und in die anderen Gegenden, aus denen sie kamen.“ Darauf beharrt Mahmud Abbas, und er weiß natürlich, dass das am Selbstverständnis Israels als jüdischem Staat rüttelt.

Der Mann, der in Safed in Galiläa 1938 geboren wurde und 1948 nach dem Unabhängigkeitskrieg mit seiner Familie vor der israelischen Armee floh, träumt noch heute den alten palästinensischen Traum von einer Rückkehr. Glaubt man Jassir Arafat, war „Abu Mazen Teil des Plans, Israel schrittweise zu erobern. Eine formelle PLO-Resolution, die diese Strategie beschrieb,’Stufenplan‘ genannt, wurde 1974 verabschiedet“, beschrieb Arafat die Position von Mahmud Abbas nach der Unterzeichnung der Oslo-Verträge.

Der steht dazu. Auch wenn er die Existenz Israels anerkennt, kann er das Rückkehrrecht der geflohenen sowie der 1948 von Israel vertriebenen Palästinenser nicht aufgeben. „Wir sagen dir, Palästina, dass wir zu dir zurückkehren werden, durch Allahs Willen; wir werden in jedes Dorf, jede Stadt und jedes Körnchen Erde zurückkehren, das durch das Blut unserer Großeltern getränkt wurde, aber das heißt nicht, dass wir Jerusalem und Haifa aufgegeben haben, Jaffa, Lod, Ramle, Netanya und Tel Aviv. Niemals. Wir werden, durch Allahs Willen, in jedes Dorf zurückkehren, aus dem wir vertrieben worden sind.“ Da klingt die Stimme des Rais. Des Alten.

Als er 2003 vor dem Gipfeltreffen in Aqaba von den USA gedrängt wird, die Existenz Israels nicht nur anzuerkennen, sondern auch ausdrücklich dessen Legitimität als jüdischen Staat, kann Mahmud nicht anders: Er weigert sich. „Bevor ich zum Gipfel von Aqaba reiste, war die Road Map ausgearbeitet. Ich stimmte den uns auferlegten Verpflichtungen zu, und dann forderten die Amerikaner von mir, dass ich in meiner Rede nicht ‚vergessen‘ sollte zu erwähnen, dass ‚Israel ein jüdischer Staat‘ sei. Ich lehnte dies ab, weil ich dies zu sagen nicht als meine Angelegenheit betrachtete und teilte ihnen das auch mit“, erklärt er später.

Kann er es nicht, weil er weiß, dass ihn dies in den Augen vieler Palästinenser als „Verräter“ brandmarkt? Jüdisch zu sein ist im palästinensischen Bewusstsein nicht Kennzeichen eines Volkes, gar einer Nation, sondern nur Merkmal eines Glaubens. Oder will Mahmud Abbas ganz einfach nicht? Israels Legitimität als jüdischem Staat anzuerkennen, ist ihm jedenfalls unmöglich. Das will nicht so recht passen zu dem Bild des intellektuellen Grandseigneurs, als der er in westlichen Medien gefeiert wird. „Mahmud Abbas ist ein hochintellektueller Mann, der in Ägypten Jura studierte, bevor er in Moskau seinen Doktor machte.“ So beschreibt ihn die BBC. Die New York Times charakterisierte den Autor mehrerer Bücher als „einen Juristen und Historiker. Er hat einen Doktor der Geschichte des Moskauer Orient-Kollegs; das Thema seiner Doktorarbeit war der Zionismus.“ Was BBC und New York Times nicht erwähnen, ist der Titel der Dissertation: „Die andere Seite: Die geheimen Beziehungen zwischen dem Nazismus und der Führung der zionistischen Bewegung“.

Die Doktorarbeit von 1982 hat es in sich. Für ihren Inhalt würde ein deutscher Verfasser wegen der Leugnung des Holocaust verurteilt. In seiner 1983 ins Arabische übersetzten Doktorarbeit streitet Mahmud Abbas ab, „dass ein Vernichtungskrieg besonders auf die Juden zielte“. Folgt man dem „Historiker“ Mahmud Abbas, hat Hitlers Massenvernichtung von sechs Millionen Juden nicht stattgefunden. „Die Wahrheit ist, dass niemand diese Zahl bestätigen oder widerlegen kann. Mit anderen Worten: Es ist möglich, dass die Zahl jüdischer Opfer sechs Millionen erreichte, aber gleichzeitig ist es möglich, dass die Zahl viel geringer ist – weniger als eine Million. Es scheint, dass es das Interesse der zionistischen Bewegung ist, diese Zahl aufzublähen, damit ihre Gewinne größer sein werden“, schreibt er.

Als Historiker beschreibt Abbas getreulich die Verfolgung von Juden durch die Nazis – und liefert den Grund gleich mit, benennt gar Komplizen. „Die zionistische Bewegung gab jedem Rassisten der Welt, angeführt von Hitler und den Nazis, die Erlaubnis, die Juden nach Gutdünken zu behandeln, solange die Einwanderung nach Palästina gewährleistet wurde… Zusätzlich zur Ermutigung der Verfolgung der Juden, damit diese ins Heilige Land emigrierten, wollten die Zionistenführer auch, dass Juden ermordet würden, weil mehr Opfer zu haben bedeutete, größere Rechte und stärkere Privilegien am Verhandlungstisch zu bekommen. Die Zionisten mussten die Zahl der Opfer erhöhen; mit diesen konnten sie dann bei der Abrechnung prahlen.“ Gaskammern finden in der Dissertation von Mahmud Abbas keine wahrhaft wissenschaftliche Würdigung. Es habe sie nicht gegeben. Abbas zitiert eine „wissenschaftliche Studie“ hierzu, die der französische Holocaust-Leugner Robert Faurisson erstellte.

Als Auszüge seiner Dissertation, ins Englische übersetzt, bekannt werden, beeilt sich Mahmud Abbas den Schaden zu begrenzen. „Der Holocaust war ein schreckliches, nicht zu vergebendes Verbrechen gegen die Jüdische Nation, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das von keinem Menschen akzeptiert werden kann“, korrigiert er sich. Heute, so sagt er, würde er das so nicht mehr schreiben. Ist das Einsicht in Jugendsünden?

Dass seine Doktorarbeit womöglich nicht die einzige Jugendsünde ist – dieser Vorwurf kommt aus einer ganz anderen, unerwarteten Ecke. Von Mohammed Daoud Oudeh, besser bekannt als Abu Daoud. Der war der Planer des Massakers von München, bei dem 1972 während der Olympischen Spiele palästinensische Terroristen der Bewegung „Schwarzer September“ israelische Olympiateilnehmer als Geisel nahmen und töteten. Sein Vorwurf: Mahmud Abbas sei als Schatzmeister der PLO direkt in die Anschlagplanung des Schwarzen Septembers eingebunden gewesen. Der Schwarze September sei eine Tarnbezeichnung für die Terroreinheit der PLO gewesen. In seiner Autobiografie „Palästina: Von Jerusalem nach München“ bezeichnet er Mahmud Abbas als „den Finanzier unserer Operation“. Abu Daoud will sich daran erinnern, wie Arafat und Abu Mazen ihm beide Glück wünschten und ihn küssten, als er sich daranmachte, den Anschlag von München zu planen.

In Interviews mit Al Dschasira und amerikanischen Medien erneuerte Abu Daoud seine Vorwürfe gegen Mahmud Abbas. Der war 1993 in Washington bei der Zeremonie auf dem Rasen des Weißen Hauses dabei gewesen. Beim Foto-shooting der historischen Zeremonie, bei der sich im Blitzlichtgewitter der Kameras Jassir Arafat und Yitzhak Rabin die Hände schüttelten und „100 Jahre Blutvergießen“ beendeten. „Glauben Sie wirklich, das wäre möglich gewesen“, fragt Abu Daoud, „wenn Israel gewusst hätte, dass Abu Mazen der Finanzier unserer Operation gewesen wäre? Ich bezweifle es“, gibt er sich selbst die Antwort.

Die israelische Rechtsanwältin Nitsana Darshan-Leitner, Leiterin des Shurat Hadin – Israel Law Center, beruft sich auf palästinensische Quellen, die ihr Abu Daouds Behauptung bestätigt hätten. Dessen nachgeschobene Erklärung, Mahmud Abbas sei zwar tatsächlich der Financier des Massakers von München gewesen, habe aber nicht vom Zweck der Verwendung der Gelder gewusst, lässt sie nicht gelten. Die Anwältin, die israelische Opfer des palästinensischen Terrors ebenso vertritt wie Palästinenser, die dem Vorwurf ausgesetzt sind, mit israelischen Sicherheitsdiensten zu kollaborieren, kommentiert: „Ist es logisch, dass der Schatzmeister der Fatah nicht wusste, was mit dem Geld, das er herausgab, gemacht werden sollte? Jeder wusste, dass der ‚Schwarze September‘, die Gruppe, die das Münchner Massaker ausführte, Fatahs Fassade für Terrorismus war!“

Zu diesen Anschuldigungen schweigt Mahmud Abbas bis heute. Der Weggenosse des palästinensischen Terrors der siebziger und achtziger Jahre lehnt den Terror der Al-Aksa-Intifada radikal ab. Als einer der wenigen Führer der Palästinenser in aller Öffentlichkeit: „Die Militarisierung der Intifada war ein Fehler“, sagt der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde heute. Als am 25. Februar dieses Jahres ein Selbstmordattentäter in Tel Aviv erneut israelische Zivilisten ermordet, verurteilt er die Tat scharf, benennt „ausländische Mächte“ als Drahtzieher und zahlt einen politischen Preis für seinen Wechsel auf die politische Ebene. Meinungsumfragen in Palästina ergeben, dass 65 Prozent der Palästinenser nicht mehr an die Möglichkeit einer beständigen Friedensregelung mit Israel glauben. Nur 3,1 Prozent hoffen noch auf eine Verhandlungslösung. „Höchstens drei Monate.“ So viel Zeit geben ihm die Jungen im Westjordanland noch. „Dann“, so formuliert es Zakariya Zubeidi, „hat er alle unsere Forderungen bei den Israelis durchgesetzt. Oder er ist weg!“

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Guten Tag,

ich hätte eigentlich schon früher großen Dank an Herrn Bruno Schirra richten sollen.

Er ist ein großartiger Journalist.

Nicht nur in diesem Beitrag, den ich zum wiederholten Male heranziehen konnte, oder in seinen souveränen und ehrlichen Medien-Auftritten (z.B. bei Phönix), sondern auch, was die Aufdeckung der dubiosen Ablösung Chris Charliers als IAEA-Inspektor durch El-Baradei betraf (http://www.welt.de/print-wams/article144568/Der_Mann_der_zuviel_wusste.html), hatte er großartige Recherche betrieben und viel journalistischen Mut gezeigt.

Ich hatte dies auf meinem Kommentarblog am 26. Mai 2009 angesprochen (etwas nach unten scrollen, bitte):

http://castollux.blogspot.com/2009/05/el-baradeis-unruhmlicher-abgang-un...

Beste Grüße
Bernd Dahlenburg, M.A.
Evang. Theologe / Freier Redakteur
Augsburg

-----------
Aktiv bei:

Free Iran Now! (http://freeirannow.wordpress.com/)
HonestReporting [Medien Backspin] (http://backsp.wordpress.com/)
Honestly Concerned (http://www.honestlyconcerned.info/index.html). Dort fungiere ich hin und wieder als Gastredakteur und Korrektor/Redigierer.

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Bernd Dahlenburg22.06.2010 | 00:00 Uhr

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