Tankred Stöbe ist Vorstandsvorsitzender der deutschen Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“. Mit CICERO ONLINE spricht er über die Ursachen und die Entwicklung der humanitären Not am Horn von Afrika.
Herr Stöbe, können Sie uns einen kurzen Überblick geben darüber, was sich gerade in Ostafrika abspielt?
Natürlich liegt es an der Dürre, dass die Situation sich so drastisch verschlechtert hat. Aber es ist vor allem ein Zusammenkommen vieler Faktoren: Seit 20 Jahren herrscht Bürgerkrieg in Somalia und es gibt dort keine Infrastruktur, keine Polizei, keine politische Kraft, die Recht und Ordnung schaffen könnte. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren die Lebensmittelpreise weltweit exorbitant gestiegen sind. In diesem Kontext kann Somalia, dessen Bevölkerung stark von der Landwirtschaft abhängig ist, die Dürre einfach nicht mehr meistern.
Nun ist die Lage nicht nur in Somalia schwierig, sondern am ganzen Horn von Afrika. Kann man von einer ostafrikanischen Krise sprechen?
Die Faktoren für die humanitäre Not sind die gleichen in ganz Ostafrika, das heißt auch in Kenia, Äthiopien und Dschibuti. Allerdings ist Somalia am schlimmsten betroffen wegen des Bürgerkriegs und der besonders großen Armut der Somalier.
Wen kann man für diese Krise verantwortlich machen?
Es wird oft gesagt, dass diese Krise vorhersehbar war und dass eher hätte reagiert werden müssen. Das stimmt auf der einen Seite, denn durch Prävention lässt sich viel Leid mit weniger Kosten abwenden. Bei jeder Katastrophe fragt die Weltöffentlichkeit sich, ob sie nicht früher hätte handeln sollen. Leider ist es in der Realität aber so, dass die Welt erst dann Notiz von einer Krise nimmt, wenn diese extreme Ausmaße annimmt. Es gibt viele Akteure, die für die ostafrikanische Krise verantwortlich zu machen sind. An erster Stelle natürlich die somalische Politik und die der Nachbarländer. Die Steigung der Lebensmittelpreise ist aber kein ostafrikanisches Problem; die Überschwemmungen in Australien, die Buschbrände in Russland sind auch Faktoren, die zu erhöhten Lebensmittelpreisen führen. Es ist also ein globales Problem, was uns aber hier in Deutschland kaum betrifft. In Somalia hingegen kämpfen Menschen täglich ums nackte Überleben. Wenn sich die Preise übers Jahr verdoppeln, können sie sprichwörtlich ihre Kinder nicht mehr ernähren.
Sind die Flüchtlingslager eine sichere Zuflucht vor Hunger und Gewalt für die Menschen?
Die Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern in Kenia, Äthiopien und Dschibuti sind nur die Spitze des Eisbergs. Es sind nur die Menschen, die noch genug Kraft haben, aus dem krisengeschüttelten Somalia zu fliehen. Unter ihnen sind viele Kinder. Wenn wir in Europa an hungernde Kinder denken, stellen wir uns vor, dass sie einfach zwei bis drei Tage ordentlich gefüttert werden müssen, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber der Abmagerungsprozess geht über Tage und Wochen. Es dauert eben auch viele Wochen, bis diese Kinder wieder ein Normalgewicht erreicht haben. Außerdem schwächt der Unterernährungszustand der Kinder ihr Immunsystem so stark, dass sie oft an vier oder fünf schweren Erkrankungen gleichzeitig leiden. Die Kleinkinder sind meistens so ausgetrocknet, dass sie diese Krankheiten klinisch nicht mehr äußern können. Das heißt, sie entwickeln weder Durchfall noch Fieber. Diese Krankheiten werden erst während der Behandlung diagnostiziert, wenn die Kinder ein bisschen Kraft zurückerlangt haben. Die Behandlung ist extrem komplex. Viele Kinder schaffen es zwar lebend in die Klinik, sterben dann aber an völliger Erschöpfung.
Wer sind diese Flüchtlinge, wo kommen sie her?
Es sind vor allem Flüchtlinge aus Somalia, meistens Mütter mit Kindern. Oft ist teilen sich die Familien auf. Die Mütter gehen mit den Kleinkindern fort, während die Väter mit den älteren Kindern bleiben. Sie wissen, dass sie es als ganze Familie nicht ins Flüchtlingslager schaffen würden. Bis die Flüchtlinge die Camps erreichen, können Wochen vergehen. Dann fehlt der Platz für die Neuankömmlinge. Die müssen sich oft viele Tage vor dem Lager niederlassen, bis sie offiziell von der UNO registriert werden. Das ist Voraussetzung dafür, Nahrungsmittel zu bekommen. Dadaab ist zurzeit das größte Flüchtlingslager der Welt und mit 400.000 Flüchtlingen völlig überstrapaziert. In der Klinik sind unsere verfügbaren Betten überbelegt. Deshalb fordern wir, dass die bestehenden Camps in Kenia und Äthiopien vergrößert und weitere Camps erschaffen werden. Zurzeit können wir den Flüchtlingen außerhalb Somalias viel besser helfen als im Land, wo es für internationale Mitarbeiter zu gefährlich ist.









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