Griechenland steht vor dem Kollaps, die internationalen Finanzmärkte haben sich abgewendet, und die bisherigen EU-Hilfen reichen nicht. Allein Giorgos Papandreou stemmt sich unverdrossen gegen die bedrohlichste Krise in der Geschichte seines Landes – trotz Vertrauensfrage.
Hinter Giorgos Papandreous Schreibtisch in der Athener Villa Maximos, dem Amtssitz des griechischen Ministerpräsidenten, hängt ein großes Bild. Es ist blau. Vielleicht ist es das Blau des Himmels, vielleicht das des Meeres. Oder beides. Nur in der Mitte, wo beide Elemente möglicherweise ineinanderfließen, ist etwas Merkwürdiges auf diesem Bild: ein kurzer dunkler Strich. Was stellt er dar? Eine dunkle Wolke, die drohend am Horizont aufzieht? Oder eine rettende Insel mitten im Meer? „Jeder kann etwas anderes darin sehen“, sagt Giorgos Papandreou nachdenklich.
Papandreou war sich vielleicht der Symbolik dieses Bildes nicht bewusst, als er es im Oktober 2009, wenige Tage nach seinem Amtsantritt, in seinem Amtszimmer aufhängen ließ. Beim Blick auf das große blaue Bild könnte man an Odysseus denken, den König von Ithaka, der nach dem Sieg über Troja zehn Jahre lang über das Meer irrte, bevor er seine Heimatinsel erreichte. Giorgos Papandreou kennt sich aus in der griechischen Mythologie. Die Odyssee hat es ihm besonders angetan. Vielleicht weil ihn die Widrigkeiten und Rückschläge, die Homers Held zu bestehen hat, an seine eigenen Prüfungen erinnern.
„Wir sind auf einem schwierigen Kurs, einer neuen Odyssee des Hellenismus“, sagte Papandreou. Es war der 23. April 2010. Vor der Kulisse des malerischen Hafens der kleinen Insel Kastelorizo bat der griechische Premier in einer Fernsehansprache seine europäischen Partner um die Aktivierung des wenige Wochen zuvor bereitgestellten Rettungsschirms. „Vor uns liegt eine anstrengende Reise“, prophezeite Papandreou seinen Landsleuten. „Aber wir kennen den Weg nach Ithaka, und wir haben unseren Kurs abgesteckt.“
Giorgos Papandreou gehört zu einer der drei großen griechischen Politikerdynastien, die sich seit Jahrzehnten an der Macht abwechseln. Sie haben Griechenland mit einem dichten Netzwerk des Nepotismus und der Korruption überzogen. Darin liegen die eigentlichen Wurzeln der Schuldenkrise. Papandreou ist Ministerpräsident in dritter Generation. Sein Großvater Georgios regierte das Land gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und erneut Mitte der sechziger Jahre. Sein Vater Andreas amtierte von 1981 bis 1988 und von 1993 bis 1996 in der Villa Maximos. Von beiden hat er die Vornamen geerbt: Giorgos Andrea Papandreou. Und auch das Amt: Vor allem seinem Nachnamen verdankte er 2004 die Wahl zum Vorsitzenden der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok), an deren Spitze er fünf Jahre später Regierungschef wurde. Seitdem meinen viele Griechen, Giorgos Papandreou gehört von Natur aus zum System. Er ist Teil des Problems. Zugleich kann er aber Teil der Lösung sein. Denn ein typisch griechischer Politiker ist er nicht.
1952 in St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota geboren, wo sein Vater als Ökonomieprofessor lehrte, Schuljahre in den USA, Schweden, Kanada und Griechenland, Soziologiestudium in Amherst/Massachusetts, an der Harvard University, in Stockholm und an der London School of Economics: Schon der junge Papandreou war ein Weltbürger. Und wahrscheinlich wäre er heute Universitätslehrer irgendwo auf der Welt, hätte es da nicht jenes einschneidende Ereignis vor 44 Jahren gegeben.
21. April 1967: In Griechenland putschen die Obristen. Während in den frühen Morgenstunden Panzer durch Athen rasseln, nehmen Soldaten die führenden Politiker des Landes fest. Sie kommen auch in den Vorort Kastri, zur Villa des Sozialisten Andreas Papandreou. Er versteckt sich auf dem Dachboden. Der damals 14-jährige Giorgos öffnet die Tür. Ein Offizier setzt dem Jungen die entsicherte Pistole auf die Stirn und will wissen: „Wo ist dein Vater?“ Der Junge antwortet tapfer: „Er ist nicht zu Hause.“ Die dramatische Episode endet damit, dass Andreas Papandreou aus seinem Versteck kommt und sich festnehmen lässt.
Dieses Erlebnis habe Giorgos Papandreou geprägt und später bewogen, Politiker zu werden, sagen Freunde. Furchtlos zu sein und standhaft, zuverlässig und ruhig: Das sind gute Eigenschaften für einen Mann, der ein Land zu retten versucht, das seit Monaten am Abgrund des Staatsbankrotts entlangtaumelt. „Wir gehen oft sehr aufgeregt in eine Sitzung mit ihm, und dann ist er es, der uns erst einmal beruhigt“, erzählt jemand aus seinem Team. Besuchern fällt die ausgesuchte Höflichkeit und Liebenswürdigkeit auf, mit der er ihnen begegnet. Das verrät die Erziehung an den amerikanischen Eliteschulen. Nie werde Papandreou laut, nie verliere er die Fassung, sagt ein langjähriger Mitarbeiter. Und wo bleibt Papandreous Stress? Vielleicht auf dem Laufband, das er in seiner Wohnung hat. Oder in den Pedalen seines Fahrrads. Der 59-Jährige ist ein Fitnessfan. Kraft schöpft Giorgos Papandreou aber vor allem aus seiner Ruhe.
„Ich bin absolut sicher, dass wir es schaffen werden“, sagte er damals in Kastelorizo. Daran glaubt er immer noch. Dabei haben sich seither für sein Land eigentlich immer die pessimistischen Prognosen bewahrheitet. Noch führt Papandreou in den Umfragen vor seinem Widersacher, dem Rechtspopulisten Antonis Samaras. Aber mit jedem neuen Sparpaket, das er den Menschen aufsatteln muss, sinken die Sympathienoten. Viel Zeit bleibt Giorgos Papandreou nicht.











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