Über Geld und Liebe, über Gucky, den Mausbiber, und die Eigentümlichkeiten der IT-Welt. Ein Gespräch mit Terézia Mora zum Erscheinen ihres neuen Romans
Literaturen Vor ziemlich genau fünf Jahren trafen wir uns in
Barcelona, das Erscheinen Ihres ersten Romans «Alle Tage» stand
kurz bevor (siehe „Literaturen” 09/04). Jetzt liegt das
Lese-Exemplar Ihres neuen Buches «Der einzige Mann auf dem
Kontinent» hier auf dem Tisch. Was hat sich in der Zwischenzeit
verändert?
Terézia Mora Ich habe gleich
nach «Alle Tage» mit dem neuen Buch angefangen, mit den üblichen
Unterbrechungen. Ungefähr ein Jahr war ich auf Lesereise, 2006
folgte ein Stipendiums-Aufenthalt in Rom in der Villa Massimo. Dort
an dem neuen Roman zu arbeiten, ging aber überhaupt nicht. Ich
hatte mir zwar auch diesmal gesagt, das Buch sollte an einem Ort
ohne besondere Kennzeichen spielen, aber es zeigte sich, dass ich
doch Berlin vor Augen hatte. Die Hauptfigur Darius Kopp stammt aus
meinem hiesigen Umfeld, und ich musste feststellen, dass Rom ganz
anders ist: eine kleine und bei allem Gewusel unlebendige Stadt. In
Berlin findet das Heute statt, in Rom hatte ich das Gefühl, das
Vergangene dominiert: Antike und Katholizismus. Die Zeit in Rom
habe ich also weitgehend mit Fremdeln verbracht. Geschrieben habe
ich den neuen Roman dann praktisch 2007/2008, bis zum April dieses
Jahres.
Literaturen Darius Kopp, ein Mann aus der IT-Branche, ist ein
vollkommen anderer Mensch als Abel Nema, der Held Ihres ersten
Romans. Abel hatten Sie schon lange zuvor im Kopf gehabt – wann
tauchte Darius auf?
Mora Darius Kopp ist für mich
auch schon eine alte Figur. Er ist mir 1998 eingefallen, zusammen
mit Abel Nema. Ich habe mich damals entschieden, zuerst den Roman
über Abel zu schreiben, weil er mir als pathologische Figur näher
war. Darius Kopp musste ich überhaupt erst kapieren. Im Kern ist er
über die Jahre derselbe geblieben, aber ich verstehe ihn jetzt
besser. Noch 2006 habe ich mich bei meinem Lektor beklagt, dass ich
zwar auf der Seite dieses Kleinbürgers sei, ihn aber nicht
verstünde. Ich komme aus einem proletarischen und bäuerlichen
Umfeld, meine Emotionen stammen von dort, und heute bin ich eine
Künstlerin, die zwar auch bürgerlich lebt, an die Welt jaber doch
ganz anders herantritt als Darius Kopp.
Literaturen Die Unterschiede zwischen den beiden Romanen sind
enorm: «Der einzige Mann auf dem Kontinent» ist temporeich,
arbeitet mit Slapstick-Elementen, er ist eine Liebesgeschichte und
über weite Strecken trotzdem eine Kneipen-Kumpel-Komödie, die
Sprachebenen wechseln atemberaubend schnell. Und auf all das schaut
die Erzählerin und scheint sich prächtig zu amüsieren.
Mora Wie bei meinem ersten
Roman hatte ich mir auch hier vorgenommen, dass die Funktion die
Form bestimmen sollte. Das heißt, ich habe eine Hauptfigur, die
eine ihr gemäße Sprache und Geschichte braucht – ich konnte nicht
dieselbe Sprache benutzen wie für «Alle Tage», bei Darius Kopp
musste alles einfacher sein. Seine Reflexion ist eine andere, er
ist ein Mensch der weltlichen Welt, nicht der geistigen. Er
orientiert sich nur nach außen, ganz anders als ich. Ich beobachte
diesen Typus um mich herum, aber über ihn zu schreiben, war für
mich die größte Schwierigkeit. Die Welt, in der Darius sich bewegt,
wollte ich möglichst wenig beschreiben, es sollte so wenig Ambiente
geben wie möglich, das entspricht der Hauptfigur: Für Darius Kopp
ist eine Rose eine Rose. Seine Fragen sind: Kann ich das aufessen?
Kann ich das kaufen? Kann ich es für meinen Beruf benutzen? Ganz
pragmatisch: Wozu ist dieses Ding gut? Und nicht: Was ist das Wesen
dieses Dings?
Biographie
Terézia Mora, 1971 in Sopron/Ungarn geboren, lebt in Berlin. Als Übersetzerin, Drehbuch- und Prosa-Autorin wurde sie vielfach preisgekrönt. Ihr gerade erschienener neuer Roman «Der einzige Mann auf dem Kontinent» spielt in der Computerbranche.









