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 > „Wahrscheinlich bin ich eine Männerroman-Schreiberin”

„Literaturen”-Gespräch„Wahrscheinlich bin ich eine Männerroman-Schreiberin”

Von Frauke Meyer-Gosau30. September 2009
Schrift:

Über Geld und Liebe, über Gucky, den Mausbiber, und die Eigentümlichkeiten der IT-Welt. Ein Gespräch mit Terézia Mora zum Erscheinen ihres neuen Romans

Seite 1 von 5

 

Literaturen Vor ziemlich genau fünf Jahren trafen wir uns in Barcelona, das Erscheinen Ihres ersten Romans «Alle Tage» stand kurz bevor (siehe „Literaturen” 09/04). Jetzt liegt das Lese-Exemplar Ihres neuen Buches «Der einzige Mann auf dem Kontinent» hier auf dem Tisch. Was hat sich in der Zwischenzeit verändert?
Terézia Mora Ich habe gleich nach «Alle Tage» mit dem neuen Buch angefangen, mit den üblichen Unterbrechungen. Ungefähr ein Jahr war ich auf Lesereise, 2006 folgte ein Stipendiums-Aufenthalt in Rom in der Villa Massimo. Dort an dem neuen Roman zu arbeiten, ging aber überhaupt nicht. Ich hatte mir zwar auch diesmal gesagt, das Buch sollte an einem Ort ohne besondere Kennzeichen spielen, aber es zeigte sich, dass ich doch Berlin vor Augen hatte. Die Hauptfigur Darius Kopp stammt aus meinem hiesigen Umfeld, und ich musste feststellen, dass Rom ganz anders ist: eine kleine und bei allem Gewusel unlebendige Stadt. In Berlin findet das Heute statt, in Rom hatte ich das Gefühl, das Vergangene dominiert: Antike und Katholizismus. Die Zeit in Rom habe ich also weitgehend mit Fremdeln verbracht. Geschrieben habe ich den neuen Roman dann praktisch 2007/2008, bis zum April dieses Jahres.

Literaturen Darius Kopp, ein Mann aus der IT-Branche, ist ein vollkommen anderer Mensch als Abel Nema, der Held Ihres ersten Romans. Abel hatten Sie schon lange zuvor im Kopf gehabt – wann tauchte Darius auf?
Mora Darius Kopp ist für mich auch schon eine alte Figur. Er ist mir 1998 eingefallen, zusammen mit Abel Nema. Ich habe mich damals entschieden, zuerst den Roman über Abel zu schreiben, weil er mir als pathologische Figur näher war. Darius Kopp musste ich überhaupt erst kapieren. Im Kern ist er über die Jahre derselbe geblieben, aber ich verstehe ihn jetzt besser. Noch 2006 habe ich mich bei meinem Lektor beklagt, dass ich zwar auf der Seite dieses Kleinbürgers sei, ihn aber nicht verstünde. Ich komme aus einem proletarischen und bäuerlichen Umfeld, meine Emotionen stammen von dort, und heute bin ich eine Künstlerin, die zwar auch bürgerlich lebt, an die Welt jaber doch ganz anders herantritt als Darius Kopp.

Literaturen Die Unterschiede zwischen den beiden Romanen sind enorm: «Der einzige Mann auf dem Kontinent» ist temporeich, arbeitet mit Slapstick-Elementen, er ist eine Liebesgeschichte und über weite Strecken trotzdem eine Kneipen-Kumpel-Komödie, die Sprachebenen wechseln atemberaubend schnell. Und auf all das schaut die Erzählerin und scheint sich prächtig zu amüsieren.
Mora Wie bei meinem ersten Roman hatte ich mir auch hier vorgenommen, dass die Funktion die Form bestimmen sollte. Das heißt, ich habe eine Hauptfigur, die eine ihr gemäße Sprache und Geschichte braucht – ich konnte nicht dieselbe Sprache benutzen wie für «Alle Tage», bei Darius Kopp musste alles einfacher sein. Seine Reflexion ist eine andere, er ist ein Mensch der weltlichen Welt, nicht der geistigen. Er orientiert sich nur nach außen, ganz anders als ich. Ich beobachte diesen Typus um mich herum, aber über ihn zu schreiben, war für mich die größte Schwierigkeit. Die Welt, in der Darius sich bewegt, wollte ich möglichst wenig beschreiben, es sollte so wenig Ambiente geben wie möglich, das entspricht der Hauptfigur: Für Darius Kopp ist eine Rose eine Rose. Seine Fragen sind: Kann ich das aufessen? Kann ich das kaufen? Kann ich es für meinen Beruf benutzen? Ganz pragmatisch: Wozu ist dieses Ding gut? Und nicht: Was ist das Wesen dieses Dings?

Biographie

Terézia Mora, 1971 in Sopron/Ungarn geboren, lebt in Berlin. Als Übersetzerin, Drehbuch- und Prosa-Autorin wurde sie vielfach preisgekrönt. Ihr gerade erschienener neuer Roman «Der einzige Mann auf dem Kontinent» spielt in der Computerbranche.

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