Kreativität - Eigenschaft der Blender und Einfallslosen

Kolumne: Stilfrage. Heutzutage müssen alle furchtbar „kreativ“ sein. Im Job, in der Freizeit – überall. Leute, es nervt! Entgegnet unser Stilkolumnist. Nicht jedes Kuchenrezept muss kreativ sein, lecker reicht vollkommen aus. Ein Plädoyer gegen den Kreativitätswahn

Früher war Marmorkuchen lecker. Heute müssen es Cupcakes sein
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Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.

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Sind Sie eigentlich auch kreativ? Am Ende sogar „voll kreativ“? Na dann: Herzlichen Glückwunsch! Vielleicht sind Sie es ja wirklich, und dann ist dagegen auch gar nichts zu sagen. Kreativität, also die Fähigkeit, Neues, Originelles, Interessantes oder bisher Ungedachtes zu erschaffen, ist ja eine wunderbare Eigenschaft.

Allerdings ist „Kreativität“ in den letzten Jahrzehnten zu einer Schlüsselkompetenz mutiert. Jeder möchte kreativ sein. Schlimmer noch: Jeder fühlt sich „kreativ“ Und jeder möchte „etwas Kreatives“ machen, im Beruf oder in der Freizeit – weil es so unglaublich wichtig ist, „kreativ zu sein.“

War Kreativität in früheren Zeiten eine vielleicht ganz nette, aber keinesfalls qualifizierende oder gar Sinn gebende Eigenschaft, so ist sie in den letzten Jahrzehnten – den Begriff gibt es seit den 50er Jahren – zum Fetisch des postmodernen Menschen mutiert. Sie ist Glücksversprechen, Selbstverwirklichungsvehikel und Erfolgsgarant.

Ursprünglich eine Eigenschaft der Begabten und Begnadeten, ist Kreativität zu einem Massenphänomen geworden, zu einem Ideal für Jedermann, das sich an überfüllten Kunstakademien und Schauspielschulen, in Designstudiengängen, in Töpfer- und Malkursen austobt.

Man hat mitunter den Eindruck, dass man heutzutage sein Leben verfehlt, wenn man nicht irgendwie etwas Kreatives macht. Umgekehrt erlangt man den Gipfel gesellschaftlicher Reputation, wenn man in einer „Kreativbranche“ arbeitet – auch wenn das nur bedeutet, dass man in irgendeiner Werbeklitsche noch mehr Werbemüll produziert.

Da aber unmöglich jeder einen Beruf ausüben kann, der das Attribut „kreativ“ verdient, verleiht man es munter allen möglichen Jobs und Tätigkeiten. Und im Zweifelsfall bietet das Unternehmen zumindest eine „kreative Arbeitsatmosphäre“ – was immer das heißen soll.

Da ist es kein Wunder, dass sich natürlich auch die Führungskräfte der Wirtschaft vor allem als „kreativ“ darstellen – wie das Netzwerk LinkedIn anhand jährlich durchgeführter Auswertungen der Benutzerprofile herausgefunden hat – und damit zeigen, wie beschränkt und unoriginell sie tatsächlich sind.

Modern, dynamisch und unkonventionell
 

„Kreativität“ ist die Eigenschaft der Blender und der Einfallslosen. Ihre Beliebtheit gründet vor allem darin, dass niemand so genau sagen kann, was darunter eigentlich zu verstehen ist. Hauptsache, es klingt irgendwie modern, dynamisch und unkonventionell.

Dementsprechend wird „Kreativität“ im modernen Zeitgeistdeutsch losgelöst von jeder halbwegs erkennbaren Fertigkeit verwendet. Man fühlt sich einfach irgendwie „kreativ“, ohne genau zu wissen, in welcher Hinsicht. Und während die einen im Job jede noch so läppische Idee als „kreativ“ verkaufen, besuchen die anderen Aquarell-, Töpfer- oder Ausdruckstanzkurse, um herauszufinden, wo sie denn nun ist, die Kreativität.

Sollte diese Suche komplett erfolglos verlaufen, bucht man einfach einen Kreativ-Workshop oder gleich eine Kreativ-Reise. Vielleicht steckt die Kreativität ja auf den Malediven, wer weiß. Darauf, dass er genauso einfallslos sein könnte wie die meisten anderen Menschen – und dass das auch gar nicht weiter schlimm ist –, darauf kommt der moderne Kreativitätsnarzisst natürlich nicht.

Wie tief verankert der Kreativitätswahn in unserer Gesellschaft ist, zeigt sich auch in dem immergleichen Themeneinerlei der schönen, bunten Blätterwelt: „Kreative Ideen zum Selberbasteln“ findet man dort, „kreative Wohnideen“ und „kreative Ideen für den Garten“ bzw. „für das Kinderzimmer“, „für die Küche“, „für den Flur“.

So richtig kulminiert der alltägliche Kreativitätswahnsinn allerdings, je näher das Weihnachtsfest rückt. Dann drohen sie wieder, „die kreativsten Ideen für den Festtagstisch“, die „kreativen Geschenkideen“ und „die kreativsten Plätzchenrezepte“. Es ist zum Davonlaufen! Geht es nicht eine Nummer kleiner? Muss jedes Rezept, jede Koch-, Näh- oder Dekorationsanleitung gleich „kreativ“ sein?

Dass dieser Irrsinn einmal ein Ende haben könnte, muss allerdings bezweifelt werden. Denn er ist das Kind zweier Grundmotive der Moderne: Selbstverwirklichung und Pluralismus. Mit anderen Worten: Jeder darf alles, nach seinem Gusto, seinen Möglichkeiten und Vorlieben. Und wehe, irgendjemand findet die Ergebnisse dieser kreativen Selbstverwirklichung nicht ganz toll. Dann ist das ein Zeugnis von Intoleranz und Engstirnigkeit. Oder sogar von – auweia – Kulturkonservativismus.

Um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: Nichts gegen Selbstverwirklichung und Pluralismus. Und selbstverständlich darf und soll Selbstverwirklichung auch mit Dilettantentum einhergehen. Das war nämlich mal etwas Positives: Liebhaberei – ganz frei übersetzt.

Aber die reicht dem sich selbst verwirklichenden Ego der Gegenwart nicht aus. Selbstverliebt umrankt es sich mit der romantischen Idee des Originalgenies, das irgendeine diffuse Kraft namens „Kreativität“ in sich spürt.

Kommt doch einfach mal alle runter! Nicht jedes Kuchenrezept muss kreativ sein, lecker reicht vollkommen aus. Und auch der Wirtschaft täte etwas weniger heiße Luft ganz gut. Nicht jedes Projekt, nicht jede Unternehmensstrategie, nicht jedes neue Produkt muss kreativ oder innovativ sein. Das ist im Übrigen auch gar nicht möglich. Wie wäre es denn hingegen mal mit solide und seriös? Das klingt zwar nicht halb so cool, hätte aber trotzdem was.

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