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Zwischen den Jubiläen

von 
Ingo Schulze
11. Februar 2010

Ich muss Abbitte leisten, denn allzu lange habe ich mich über die Frage «Sind Sie im Westen angekommen?» geärgert, ja, erregt. Ich versuchte meinen Gegenübern zu erklären, in welche Rolle sie mich, aber auch sich selbst durch diese Frage und Wortwahl bringen. Als Frager wird man unwillkürlich zum Schiedsrichter, weil stillschweigend vorausgesetzt wird, dass man selbst längst angekommen ist oder schon immer da war.

Ich muss Abbitte leisten, denn allzu lange habe ich mich über die Frage «Sind Sie im Westen angekommen?» geärgert, ja, erregt. Ich versuchte meinen Gegenübern zu erklären, in welche Rolle sie mich, aber auch sich selbst durch diese Frage und Wortwahl bringen. Als Frager wird man unwillkürlich zum Schiedsrichter, weil stillschweigend vorausgesetzt wird, dass man selbst längst angekommen ist oder schon immer da war. An sie selbst gerichtet würden die meisten Journalisten diese Frage für unangebracht halten und sie als Nonsense oder gar als Zumutung empfinden. Man ist ja selbst der Westen, also die Instanz, die über die Kriterien zur Beurteilung verfügt, ob der andere angekommen ist, ob er die letzten Jahre genutzt hat, um den westlichen Anforderungen gerecht zu werden, ob er die neuen Spielregeln gelernt hat und auch gutheißt, sozusagen alternativlos gutheißt, also aus voller Brust bejaht. Als Befragter werde ich zu dem, der über all dies Rechenschaft abzulegen hat, der zum Kandidaten wird, der in dem Moment, in dem er es bejaht, seine Reife unter Beweis stellt und sagt: Ja, ich habe das Alte hinter mir gelassen und das Neue als richtig akzeptiert.

Und gerade diese Rollenverteilung ist es doch, sagte ich zu meinen erschrockenen Gesprächspartnern, die wir nicht wollen. Die Interviewer waren in aller Regel betroffen und versicherten mir, dass sie es nicht im mindesten so gemeint hätten. Sie versuchten, die Frage anders zu formulieren. Es war dann von Deutscher Einheit die Rede und den neuen Bundesländern. Meistens begann ich gleich wieder zu nörgeln und berichtigte sie: Es sei besser, nicht von neuen, sondern von östlichen Bundesländern zu sprechen, denn Länder wie Sachsen oder Thüringen zum Beispiel seien ja sehr alte Bundesländer. Und statt Vereinigung sollte man doch den richtigen Ausdruck wählen, nämlich Beitritt.

Bei einer Ver­einigung werde aus zwei verschiedenen Dingen ein Drittes. Vom Osten aber sei bekanntlich nichts geblieben – bis auf einige Ampelmännchen und den Grünen Pfeil fürs Rechtsabbiegen, der aber bei den meisten Westlern immer noch nicht angekommen sei ...

Merkwürdig, dass weder ich noch die Interviewer meine Widersprüche bemerkten. Nur eine junge Dame, eine Italienerin, schüttelte den Kopf. Ich müsse mich schon entscheiden, sagte sie. Wenn es eine Vereinigung gewesen wäre, hätte ich das Recht, mich darüber aufzuregen, dass jemand von «ankommen» oder den «neuen Bundesländern» spreche. Wenn es aber ein Beitritt gewesen sei, wie ich behaupte, wäre doch nichts naheliegender als zu fragen, ob man im Westen angekommen sei. Und die östlichen Länder seien dann eben auch die neuen Länder. So oder so.

«Ja», sagte ich schließlich zerknirscht, «da muss ich mich wohl entscheiden.»

Rein logisch gesehen habe sie vollkommen Recht. Nur wie sie sehe, falle es mir schwer, mich mit dieser Logik abzufinden. Das verstehe ich, sagte sie. «Man kann natürlich auch fragen», fügte sie lächelnd hinzu, «welcher Westen denn gemeint ist. Aber das ist dann schon eine andere Frage.»

 

Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, ist freier Schriftsteller und lebt in Berlin. Im Mai erscheint im Berlin Verlag «Orangen und Engel. Italienische Skizzen» mit Foto­grafien von Matthias Hoch.

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