Wodka, Ecstasy und Mayonnaise: Je ruppiger das Leben, desto deftiger der Konsum. Einen Einblick in das kulinarische Leben der Russen eröffnet die Gourmet-Kennerin Kerstin Holm
Je zufriedener die Menschen sind, desto weniger Geheimnis und Gewalt sind vonnöten, um ihr Zusammenleben auszutarieren. Aus europäischer Sicht erscheint das Dasein in Russland eher arm an Freuden. Das Riesenland macht stolz, ist aber eigentlich unregier- und unzivilisierbar. Die russische Natur ist wenig spektakulär, dabei launisch, und sie gibt nicht viel Nahrung für Leib und Sinne her. Wenn man etwa im zentalrussischen Freiland Basilikum sät, so gedeiht er oft nicht. Oder aber er wächst sich aus zu einer kräftigen, großblättrigen Pflanze, die in Gestalt und Geschmack an Huflattich erinnert.
Ein klassisches russisches Kochrezept, Makkaroni nach Seemannsart („Makkarony po-flotski"), das Schiffsköche der sowjetischen Kriegsmarine als Antwort auf die italienischen Spaghetti Bolognese kreiert haben dürften, besteht aus angebratenen Röhrennudeln mit Hackfleisch und geschmorten Zwiebeln statt Tomatensauce. Wobei die Röhrennudeln, die man zuerst schön weich kochte, noch in den siebziger Jahren von Fabriken hergestellt wurden, die im Bedarfsfall für die Kriegswirtschaft umgerüstet werden und Patronenhülsen produzieren konnten. Daher hatten die Makkaroni einen Durchmesser beziehungsweise das „Kaliber" von 7.62 Millimetern.
Im äußersten Süden, in der Region Krasnodar, gibt es einige Gegenden, die mit ihren karstigen, hügeligen Böden und dem sonnigen Klima ideal für den Weinanbau sind, so das Gut Abrau Durso, wo schon seit dem späten 19. Jahrhundert unter der Regie von Fürst Lew Golizyn preisgekrönte Schaumweine gekeltert wurden, was die Sowjetmacht fortzusetzen versuchte. Heute bekommen Besucher der Moskauer Millionärsmesse Sektkelche mit Abrau Durso in die Hand gedrückt, die dann wie im Märchen ständig nachgefüllt werden. Ganz in der Nähe des Gutes, auf der ehemaligen Kolchose „Awrora", gründete 2003 eine Moskauer Investorengemeinschaft das inzwischen wohl berühmteste russische Wein-Chateau „Le Grand Vostock", wo unter der Leitung des französischen Experten-Ehepaars Frank Duseigneur und Gael Brullon mit modernster Technologie und nach allen Regeln der Anbaukunst rote und weiße Weine in vier Klassen hergestellt werden.
Die Palette reicht vom einfachen Landwein, in dem man noch die Heublütendüfte der Kuban-Wiesen ahnen kann, über eine Cabernet-Saperavi-Auslese mit traulichem Erdbeermarmeladen-Aroma bis zu einem Cru-Bourgois-Wein, der drei Wochen und dem Spitzenprodukt „La Chène Royal", das ein volles Jahr im Eichenfass gereift ist. Aus Sympathie für den einheimischen Produzenten und die russische Erde trinke ich die Tafelweine von „Le Grand Vostock" und Abrau Durso-Sekt regelmäßig. Wobei ich zugeben muss, dass beide in der Regel teurer sind als etwa die spanische oder südafrikanische Importkonkurrenz und trotzdem weniger Herz und Charakter haben.
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