Der bürgerliche Großkünstler ist einer, der leidet und dafür geliebt werden will. Über August Strindberg, Thomas Kapielski, Zachary Mason und die Frage, ob wir dem 19. Jahrhundert entkommen können
Ich! Ich! Ich!, ruft der bürgerliche Großkünstler und behauptet, dass er uns alle in sich trägt. Mein Wahn, sagt er, ist eure Welt. Wenn ich Ich! Ich! Ich! rufe, meine ich: Euch! Euch! Euch! Ihr müsst euch nur in mir finden. Dabei viel Spaß. 150 oder 200 Jahre lang hat dieses Spiel wunderbar funktioniert: Der bürgerliche Großkünstler war immer auch der rebellische Bürgerschreck.
Der Star gab sich immer auch als geächteter Außenseiter. Der Kranke wurde zum Arzt, und das Abfallprodukt seiner wundersamen Verwandlung war Schönheit. Das Werk diente als Zeugnis eines titanenhaften Ringens mit übermächtigen Kräften des Bösen (vorzugsweise des engen, provinziellen Bösen, aus dem die Großkünstlerseele ausbrechen musste), und in alle Richtungen spritzte der Schweiß.
Strindberg zum Beispiel, August, vor 100 Jahren in Stockholm gestorben. Ein Musterbeispiel dieser Gattung. Manche glauben, hinter seiner Genialität habe sich, zumindest phasenweise, nichts anderes verborgen als ein Hang zur Psychose. Sie halten das Genietum für eine sozialisierte Spielart der Geisteskrankheit.
Strindbergs erster literarischer Erfolg, der Roman „Das rote Zimmer“, erschien 1879 und liegt jetzt in einer schönen neuen Übersetzung vor. (August Strindberg: „Das rote Zimmer“, Roman, übersetzt von Renate Bleibtreu; Manesse, Zürich 2012; 576 Seiten, 24,95 Euro) Strindbergs Satire war ein Generalangriff auf die bürgerliche Gesellschaft seiner Zeit.
Der Held heißt Arvid Falk und sucht die Wahrheit. Strindberg jagt ihn durch eine Geisterbahn voller korrupter Politiker und Kaufleute und lebensmüder Künstler. Wahrheit begegnet ihm nirgends, dafür viel zynische Geschäftemacherei. Dem Autor gelingt die große Zirkusnummer: in alle Richtungen Weltekel zu versprühen und dafür von der Welt geliebt zu werden.
Seinem Helden gönnt er am Ende eine zahme bürgerliche Existenz als Zuflucht, mit ein wenig Künstlertum, aber hinter der Fassade brodelt der Hass. Man liest das Buch und findet all diese Gestalten viel zu leicht im wirklichen Leben der Gegenwart wieder. Wir sind noch immer so. Wir stecken im 19. Jahrhundert fest.
In dem Band „Notizen eines Zweiflers“ dürfen wir dem Genie in die Suppenküche gucken. (August Strindberg: „Notizen eines Zweiflers“, herausgegeben und übersetzt von Renate Bleibtreu; Berenberg, Berlin 2011; 320 Seiten, 25 Euro) Da liegen alle Zutaten ausgebreitet, da wird experimentiert, skizziert und wieder verworfen.
Da sehen wir den Dichter, der sich auch mit der Malerei, der Fotografie und Alchemie beschäftigt hat, wie er nachts eine Bromsilberplatte unter die Sterne legt, um zu sehen, ob der Mond Spuren darauf hinterlässt. Alles ist verzaubert, in allem wohnt ein Geist, der beschworen werden muss. Strindberg zeigt sich in diesen Notizen aus dem Nachlass sehr nackt und verletzlich – ein berührender Anblick.
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