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 > „Wir sind zur Selbstformung verdammt”

Salon
„Literaturen”-Gespräch

„Wir sind zur Selbstformung verdammt”

von 
René Aguigah
22. Mai 2009
Sven Paustian / SV
Wir sind zur Selbstformung verdammt
Peter Sloterdijk über die Abschaffung der Religion und den Aufstieg von «Übungssystemen», über das Leben als Trainingslager, die Aufbruchstimmung in den USA und über sein neues Buch «Du mußt dein Leben ändern»
Seite 1 von 6

Peter Sloterdijk wurde 1947 in Karlsruhe geboren, seit 1992 ist er Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, seit 2001 auch deren Rektor. Das klingt nach einem sehr sesshaften Leben. Und wer die Gelegenheit bekommt, Sloterdijk zum Interview in seiner Heimatstadt zu besuchen, ist tatsächlich kurz versucht, an die vollkommene Bodenhaftung dieses Philosophen zu glauben. Er wohnt mit seiner Familie in einem schönen Altbau in der Karlsruher Südweststadt, im Erdgeschoss. Die Hochschule ist fünf Minuten zu Fuß entfernt, ebenso wie das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Es ist vermutlich keine Seltenheit, wenn Peter Weibel, der Künstler, Theoretiker und ZKM-Leiter, bei Sloterdijk zu Hause vorbeischaut. Die beiden Herren begrüßen einander herzlich; mit Weibels Besuch an diesem Nachmittag geht das Interview zu Ende.

Knapp zwei Stunden lang hat Sloterdijk – er trägt schwarzen Pullover, schwarze Hose, schwarze Schuhe – über sein neues Buch «Du mußt dein Leben ändern» gesprochen. Er redet konzentriert, fast ein wenig versunken. Nicht einen Schluck Wasser gestattet er sich zur Ablenkung. Eine alte Whiskyflasche, Glenlivet, in der Sofaecke des Wohnzimmers strahlt eine gewisse Gediegenheit aus. Gegenüber ein massiver Fernsehapparat. Bei den DVDs liegt «Der Graf von Monte Christo» obenauf; dem Roman hat Sloterdijk in seinem Buch «Zorn und Zeit» (2006) einen ausführlichen Kommentar gewidmet. Und in einer anderen Ecke steht ein Hometrainer.

Sloterdijk erklärt, wieso er lieber über Immunsysteme nachdenkt statt über Religionen, weshalb die europäische Renaissance mit der Massenkultur das wesentliche Merkmal der Antike übersehen hat, warum Ornella Mutis Schönheitsoperationen legitim, aber misslungen sind, wie Thomas Manns «Felix Krull» mit dem modernen Wettkampfsport zusammenhängt, inwiefern sein Jahrzehnte zurückliegender Indien-Aufenthalt im Schreiben noch heute nachwirkt … Man braucht nicht aufzuzählen, wie viele Städte Sloterdijk pro Monat bereist – in New York war er kurz vor unserem Gespräch, in Köln und Wien kurz danach –, um festzustellen, wie trügerisch der Eindruck seiner Sesshaftigkeit ist. Es genügt, ihm zuzuhören: Wenn er über seine Arbeit spricht, hält ihn nichts in Karlsruhe. Sloterdijk segelt gedanklich so unerschrocken wie kein zweiter deutscher Autor durch Kontinente und Jahrtausende.

Ein «Bibliogramm» auf seiner Website gliedert Sloterdijks Werk mit säuberlichen Farbmarkierungen in «Hauptwerke», «Reden & Essays», «Einführende Werke» und Herausgeberschaften (www.petersloterdijk.net). Das neue Buch fehlt noch auf der Seite, aber der Autor lässt keinen Zweifel daran, welchen Rang er ihm zumisst: «Ich habe mit den ‹Sphären› (1998/2004) das vorgelegt, was in der klassischen Philosophie die Metaphysik oder die Ontologie ist», sagt er, «und daneben muss man eine Ethik stellen.» Und die, so Sloterdijk, findet sich in dieser Studie «Über Anthropotechnik»: als Untersuchung aller erdenklichen Verfahren, wie Menschen sich selbst formen.

Es gibt Kritiker – und zwar schon seit dem philosophierenden Best- und Longseller «Kritik der zynischen Vernunft» (1983) –, die meinen, sich Sloterdijk vom Leib halten zu können, indem sie ihn mit dem Etikett «Zeitgeist-Denker» versehen. Mögen diese Kritiker sich durch die Aufsatz- und Antragsprosa der Universitätsphilosophie wühlen. Sie verpassen einen Autor, der das Risiko eingeht, nach dem angeblichen Ende der großen Erzählungen so umfassende wie undogmatische Sinnange­bote zu entwerfen; einen Autor, der sich nicht nur auf dem Höhenkamm des Geistes bewegt, sondern auch der Kultur der Vielen etwas ablauscht. Wenn im Gespräch mit Peter Sloterdijk das Wort Zeitgeist fällt, hat es nichts unmittelbar Verächtliches.

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