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 > Wir sind zu früh

Salon
Rückwärts in die Zukunft

Wir sind zu früh

von 
Frauke Meyer-Gosau
22. Mai 2009
Foto: Jürgen Bauer
Wir sind zu früh
Julia Schoch hat einen Roman geschrieben, in dem die «Wende» ein Scharnier zwischen Nichts und Nichts bildet: Letzte Nachrichten aus einem aufgegebenen Lebensraum. Ein Porträt
Seite 1 von 4

Nun ist das also alles vorbei. Die DDR existiert seit zwanzig Jahren nicht mehr, und seit diesem Frühjahr scheint auch die Literatur der DDR an ihr Ende gekommen. «Mit der Geschwindigkeit des Sommers» heißt der Roman von Julia Schoch, der das zuwege bringt. Er zieht einen Schlussstrich unter vieles zugleich: unter eine Epoche und ein Gesellschaftssystem, unter die Hoffnungen, die sich für eine bestimmte Generation mit beidem verbanden, und unter eine Literatur nicht zuletzt, die immer wieder aufs Neue davon erzählte – von der Zukunft, vom Vertrauen in eine Utopie, die die Kraft haben sollte, nicht nur die Vorstellungen in den Köpfen, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse von Grund auf zu verwandeln.

Auch damit ist es nach Julia Schochs Roman jetzt endgültig vorbei. Hier wird nur noch festgestellt, nüchtern und ruhig: dass da nichts war – außer einem großen Versprechen und dem vergeblichen Warten darauf, dass es sich einlöste. In den Einzelnen aber leben die früheren Erwartungen und Hoffnungen noch als Hülsen weiter, mit einem explosiven Gemisch geladene Gefäße. Wenn alles dementiert ist, was soll da noch kommen?
 

Vorne Paris, hinten Bukarest
Der Tag ist hell, Wolken sausen über einen zartblauen Frühlingshimmel, über Seen, größere und kleinere Gewässer hinweg führt der Weg von Berlin nach Potsdam, in dessen altes Zentrum. Keine Umgebung für dunkle Gedanken oder böse Aussichten, wie es scheint. Die Gründerzeithäuser in der schmalen Straße, nur einen Steinwurf vom Park des Schlosses Sanssouci entfernt, sind ansehnlich hergerichtet: kleine Balkone mit schmiede­eisernen Gittern, Wechsel von Backstein und Stuck an den Fassaden. Am Straßenrand stehen Bäume, der große Verkehr flutet in einiger Entfernung vorbei.

Drei Zimmer im obersten, dem dritten Stock eines solchen Hauses bewohnt Julia Schoch. Sie lacht und sagt: «Nach vorne Paris, nach hinten Bukarest». Und tatsächlich, nach dem Blick auf die prächtigen Häuserfronten – ein hoher Laubbaum überragt den Balkon – wird aus den hinteren Fenstern ein stark lädiertes Gebäude aus Vor-Plattenbau-Zeiten sichtbar. Am Horizont aber ragt die Mühle des berühmten Müllers von Sanssouci auf. Auch ein DDR-Literaturgelände ist dies also. Peter Hacks hat vor Jahren eine didaktische Erzählung über die Ausei­nandersetzung des pfiffigen Potsdamer Müllers mit dem Preußenkönig geschrieben. Der wollte die Mühle, weil sie ihn störte, abreißen lassen, ließ dann aber Einsicht in die Prinzipien aufgeklärten Despotentums walten. Hacks’ Nacherzählung der Legende war als solidarisch-ironischer Appell an die neuen Despoten gemeint; vorüber nun auch solche Gesten versuchter Fürstenerziehung. Und schön, dass die alte Mühle noch steht.

 
Paris und Bukarest wiederum gehören zu Julia Schochs eigenem Lebenslauf, nicht anders als Potsdam, die Stadt, in die sie als Jugendliche mit ihrer Familie zog, fort von der Garnisonsstadt in der Einöde Mecklenburgs, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte. Der Vater war Offizier der Nationalen Volksarmee, die Mutter führte den Armee-Buchladen des auf die grüne Wiese gesetzten Soldatenstädtchens unweit der deutsch-polnischen Grenze. Als die «Wende» kam, ging Julia Schoch aufs Sportgymnasium, als kleine, leichte Person ausgebildet zur Steuerfrau auf Ruderbooten. Animationsfilmerin wollte sie werden und fuhr drei Tage nach der Maueröffnung mit einer Freundin verbotenerweise zum ersten Mal per Bus und S-Bahn nach Westberlin.

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