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Neuer Wohlstand„Wir müssen Zeit schätzen lernen“

Interview mit Karlheinz Geißler30. Juli 2012
Flickr, ĐāżŦ
Zeit,Zeitforscher,Karlheinz Geißler,Stress,Burnout,Zeitdruck
Die Uhr hat bald ausgedient, weiß Zeitforscher Geißler
Schrift:

„Enthetzt euch!", fordert Zeitforscher Karlheinz Geißler. Burnout, die schwächelnde Finanzwirtschaft und das Bundesverfassungsgericht als Bremse der Politik - alles hängt an der Zeit. Lösen können wir die Probleme nur, indem wir wieder lernen, rhythmisch zu leben

Seite 1 von 3

Herr Professor Geißler, fangen wir mit der „einfachsten“ Frage an: Was ist Zeit?
Das weiß keiner und jeder. Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf – es gibt tausend unterschiedliche! Die meisten Leute antworten auf die Frage: „Schau doch zur Uhr!“ Für sie ist Zeit das, was die Uhr anzeigt. Die Germanisten meinen, es ist ein einsilbiges Wort, aber das bringt uns auch nicht viel weiter. Meine 6-jährige Enkelin hat das Beste gesagt, was ich je gehört habe: „Die Zeit, die gibt’s gar nicht. Die gibt es nur im Gehirn, gleich neben den Träumen.“

Der Begriff ist also nicht einfach zu definieren. Was macht man dann als Zeitforscher?
Ein Zeitforscher ist zumindest keiner, der forsch mit Zeit umgeht. Sondern einer der das, was die Menschen mit Zeit tun, reflektiert.

Außerdem sind Sie Zeitberater – bräuchte heutzutage nicht jeder Mensch einen Zeittherapeuten?
Jeder muss sich selbst beraten, wenn es um Zeit geht. Und manchmal, wenn er glaubt, dass er dann nur in noch größere Probleme kommt, kann er einen Zeitberater konsultieren. Keinen Zeitmanager allerdings, denn der bringt ihn nur in noch mehr Zeitdruck als vorher. Für sie ist Zeit nur etwas, mit dem sie Ordnung machen – mit Hilfe von To-Do-Listen, die selbst zeitaufwändig permanent umorganisiert werden müssen. Die Zeit hat aber keine Ordnung. Sie ist so unordentlich wie das Leben.  In der Zeitberatung geht es darum, die Widersprüche, die Vielfalt, die Unregelmäßigkeiten auch die Ungreifbarkeiten der Zeit zu balancieren.

Was war für Sie der größte Meilenstein in der Geschichte der Zeit?
Die Erfindung der Uhr war die größte, weil folgenreichste Erfindung im Rahmen der Zeitmessung – damit wurde die abstrakte Zeit gegründet. Bis dahin ist Zeit identisch mit Wetter und Natur gewesen, wie im Französischen, Italienischen und Spanischen noch heute – Zeit und Wetter haben den gleichen Begriff.

Mit der Uhrzeit wurde die Zeit abstrakt und qualitativ leer. Diese abstrakte Leere auf der Uhr können wir mit neuen Maßstäben besetzen. Besetzen wir sie mit Liebe, gehen wir ganz anders damit um als wenn wir sie mit Geld besetzen, dann müssen wir uns nämlich sputen. So entsteht Kapitalismus. Unser Leben, inklusive Banken und Versicherungen ist nur auf Basis dieser abstrakten Uhrzeit denkbar. Nur dadurch können wir Zeit manipulieren, gewinnen und verlieren, können beschleunigen und schneller machen. Das ist das Problem unseres Alltags: Wir leben immer mit zwei Zeiten, dem Takt der Uhrzeit und der rhythmischen Zeit, die wir spüren, also unserem Zeitgefühl.

Was ist der Unterschied zwischen taktischer und rhythmischer Zeit?
Alles Leben ist rhythmisch. Das heißt, es wiederholt sich, aber es wiederholt sich nie hochpräzise, sondern reagiert auf Umwelteinflüsse. Es ist also eine Wiederholung mit Abweichungen: Alle Menschen werden jeden Tag müde, aber nicht jeden Tag zur gleichen Sekunde. Alle Systeme, der ganze menschliche Körper, der Blutkreislauf, die Hormonausschüttung laufen rhythmisch. Wenn die Belastung zu groß ist, reagiert das System: Der Herzinfarkt ist die Überlastung eines rhythmischen Systems durch den Takt. Denn der Takt ist Wiederholung ohne Abweichung. Wenn eine Stunde mal  60, mal 63, mal 58 Minuten lang wäre, dann ist die Uhr kaputt.

Bekommen wir Menschen deswegen immer wieder mit der Uhrzeit Probleme?
Ja, weil wir Menschen rhythmisch sind und die Uhr taktisch ist. Das bringt uns letztlich den Burn-Out, weil wir eine zu starke Vertaktung auf Dauer nicht vertragen. Früher hat man bei Schichtarbeitern beispielsweise nach ein paar Jahren Verdauungsprobleme und Schlafstörungen nachgewiesen, heute äußert sich das eher in psychischen Reaktionen.

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Ist denn der "individuell organisierte Zeitwohlstand" eine legitime Maßnahme oder sollte man an anderer Stelle ansetzen? Was genau kann ich für die Praxis aus diesem Interview mitnehmen? Antwort bitte schnell! ;-)

  • Antworten
Christopher P.31.07.2012 | 16:35 Uhr

Zeit ist ein hohes Gut.

Ein gelungener Artikel, er spricht mir aus dem Herzen. Ich verschenke, wenn es etwas besonderes sein soll, meine Zeit. Das überrascht und kommt gut an. Im Wirtschaftsleben ist Zeit ein wesentlicher Aspekt, je besser "durchgetaktet" desto effizienter, ist die vielfältige Meinung. Wir von der Initiative Gesundes Leistungsklima schaffen sehen das anders. Jeder kann sein individuelles Leistungsklima beim Leistungsklimaindex Deutschland bestimmen. Wo? Unter www.gesundes-leistungsklima.com

  • Antworten
Thomas Grünschläger31.07.2012 | 20:26 Uhr

Zeit-Wohlstand im Kapitalismus ?

Rein materieller Wohlstand ohne Muße ist noch gar kein richtiger Wohlstand,
denn ohne Muße kann mensch seinen materiellen Wohlstand nicht genießen,
somit spürt mensch seinen Wohlstand fast nicht.
Ein Wirtschaftssystem mit Geld und Zins muss wachsen(=zunehmen),
und das sogar exponetiell, siehe
Dr.H.C.Binswanger 'Geld und Wachstum'
Dr. Jürgen Kremer
http://www.deweles.de/files/mathematik.pdf
Ein exponentiell wachsendes Sytem muss beschleunigen
und nimmt den Menschen zwangsläufig immer mehr Zeit weg.
Wenn die Menschen 'Zeitwohlstand' haben wollen,
so muss das Wirtschaftsystem geändert werden -
- das muss es auch aus anderen Gründen -.
Denkansätze für Alternativen gibt es bereits,
einige davon zusammengestellt auf
http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zusammenarbeit/IQOAsD.html

  • Antworten
Heinz Göd01.08.2012 | 13:18 Uhr

Warum denn bitte keine Entschleunigung an der Kasse ?

Sehr geehrter Herr Geissler,

Ihre Aufregung über "Trödelei an der Kasse" lässt befürchten, daß sie trotz (oder gerade wegen) Ihres Forschungsgegenstandes möglicherweise auch selbst über zumindest ein kleines (Schwarz-)konto auf der Zeitsparkasse der grauen Herren verfügen.
Da Sie zu wissen scheinen, in welchen "gewissen Fällen, wo es berechtigt ist" entschleunigt werden muss, sind Sie womöglich gar selbst einer von denen?

Ist denn nicht auch die Kasse im Supermarkt ein Ort der Begegnung und des Lebens?
Zumindest bei unseren französischen Nachbarn gewinnt man (sogar im "grande surface" = Megasupermarkt) den Eindruck, daß ein Schwätzchen an der Kasse (noch) selbstverständlicher Teil des normalen Miteinanders ist.
Und andersherum sind Besucher von dort regelmäßig über die Art und Weise des Umgangs in unseren Discountern schockiert.
Daß deren Personal nicht für´s "schwätzen" bezahlt wird und unter entsprechendem Druck ausgesetzt ist, verwundert nicht.
Beobachtet man jedoch, wie hier und da sogar die Kunden sich mit dem Kassenpersonal eine Art clownesken Wettlauf im "roboten" zu liefern scheinen, darf man fragen, woher diese lächerliche Eile bloß kommt?

Wird der Mensch hinter der Kasse nur noch als "Funktion" und nicht als "Person" wahrgenommen, die eines Schwätzchens nicht würdig ist?
Oder lässt der Konformitätsdruck der (aufgeregten) Warteschlange so Manchen zur "gutentagEinkaufswageneinräumBezahlAufWidersehenmaschine" mutieren ?

Zieht man die Parrallele zum alltäglichen Wahnsinn auf unseren Straßen, scheint Letzteres (glücklicherweise) der wahrscheinlichere Fall.

Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, daß sich Beppo der Strassenkehrer jemals an einer Kasse aufgeregt hätte, steht er doch im Märchen von Momo für die "Geduld"

Die ist Ihnen jedenfalls zu wünschen, Herr Geissler. Zum Beispiel, falls sie im Supermarkt mal wieder hinter einer von diesen süssen Omi´s warten müssen, die so herrlich umständlich nach den Cent-Münzen im Portemonnaie kramen.

Ansonsten jedoch vielen Dank für diesen erbaulichen Artikel.

  • Antworten
timebandit27.11.2012 | 22:46 Uhr

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