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Salon

Kulturtheorie zur Schuldenkrise „Wir leben in einer Vorkriegszeit“

Interview mit Joseph Vogl8. Juli 2012
picture alliance
Joseph Vogl,Interview,Schulden,Staatsschulden,Kriegsschulden,Euro,Griechenland
Das Gespenst des Kapitals ist der fällige Zahlungstermin
Schrift:

Ohne Schulden gäbe es keine tragischen und komischen Helden, meint Kulturtheoretiker Joseph Vogl. Ein Gespräch über den Ursprung und die Wirkung von Schuld und Schulden

 

Seite 1 von 4

Herr Vogl, warum interessieren Sie sich für Schulden?
Weil Schulden eine elementare Recheneinheit im Menschenverkehr sind. Und weil sie eine phantastische Vielfalt von tragischen und komischen Verwicklungen auf die Welt gebracht haben. Der Spaß des Gläubigers ist der Verdruss des Schuldners, der selbst wieder einigen Lustgewinn daraus beziehen kann, Bankrott zu gehen und sich auf und davon zu machen. Ohne Schuldverhältnisse gäbe es keine tragischen und komischen Helden.

Was sind denn Schulden überhaupt? Geld, das man nicht hat, oder Geld, das es gar nicht gibt?
Schulden sind ein Schöpfungsakt. Mit ihnen entsteht etwas, das vorher nicht da war: eine Verpflichtung, ein Band. Schulden sind damit ein erster moralischer Maßstab, und sie sind materiell und immateriell zugleich – mit ihnen wiegt das, was man hat und besitzt, genauso schwer wie das, was man nicht hat.

[gallery:Griechenland unter: Karikaturen aus zwei Jahren Eurokrise]

Zur Grundannahme der wirkmächtigsten ökonomischen Theorien gehört stets der Tauschhandel, der am Anfang unserer Kultur gestanden haben soll und der aus pragmatischen Gründen zur Erfindung des Geldes geführt habe. Dies unterstellt, dass dem Geld, wie beim Warentausch, ein konkreter Wert entspricht. Hier aber widerspricht der Ethnologe David Graeber in seinem neuen Buch: Am Anfang, so sagt er, habe vielmehr das Kreditwesen gestanden, das durch Verpflichtung und Versprechen funktioniere, also ein Schuldensystem. Stimmen Sie den Thesen zu?
Natürlich stimme ich Graeber zu. Vielleicht sollte man aber ein paar Dinge sortieren, um die ökonomischen Sachverhalte scharf zu stellen. Wenn man unser Wirtschaftssystem verstehen will, muss man etwa die doppelte Buchführung kennen, eine ganz wesentliche ökonomische Erfindung im Ausgang des Mittelalters.

Die doppelte Buchführung hat die Null in unser Zahlensystem eingeführt.
Genau. All das verdankt sich der Einführung der arabischen Zahlen im Oberitalien des 14. Jahrhunderts. Die arabischen Zahlen kannten eben die Null und damit einen Sachverhalt, der für das abendländische Denken vorher schlicht undenkbar gewesen wäre: eine Zahl, die selbst nichts bedeutet, aber die Bedeutung aller anderen Zahlen hervorbringt. Mit anderen Worten: ein Meta-Zeichen, ein reiner Platzhalter. Erst die Null erlaubte es, jedes Haben gleichzeitig als Nicht-Haben zu verrechnen, jeden Aktivposten zugleich als Debit. Damit wurden Schulden ganz konkret zu einem arithmetischen Operator, es gibt kein Plus ohne Minus.

Das Aufzeichnungssystem der doppelten Buchführung stellt dann eine ganz neue Ontologie der Dinge her: Es weist jedem Ding einen Platz zu, an dem es da ist, und einen Platz, an dem es fehlt. Wenn etwas hier ist, dann muss es dort fehlen. Alles ist fort und da zugleich. Zudem hat die doppelte Buchführung ökonomische Praktiken radikal verändert. Zum Beispiel wurde nun das Kaufmännische zu einem eigenen Beruf und spaltete sich vom Beruf des Transportunternehmers ab. Das Kontor wurde zur Papiermaschine. Das zeigen Illustrationen aus der frühen Neuzeit ganz wunderbar: Der Kaufmann ist von seinen verführerischen Gütern und Reichtümern umgeben, von Gewürzsäcken und anderen Kostbarkeiten; er selbst aber ist nur in seine Geschäftsbücher versunken.

Warum Geld nicht nur Wertmesser ist...

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Einfach klasse!

Vielen Dank. Hoffen wir, dass das globale Gewissen (oder SIRI...) auf diesem Weg zur Erkenntnisrevolution weiter geht.

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Adminator08.07.2012 | 20:45 Uhr

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