Was haben Liftboys und Folterknechte gemeinsam? Beide Berufe sind nicht nur weitgehend ausgestorben, sondern ihre Vertreter waren typische Trinkgeldempfänger in Epochen, deren Service-Kultur der heutigen fremder kaum sein könnte. Ebenso, wie man im Mittelalter dem Henker etwas zusteckte (falls man noch in der Lage dazu war), um die Martern abzumildern, konnten die Bediensteten in den Grandhotels des 19.
Was haben Liftboys und Folterknechte gemeinsam? Beide Berufe sind nicht nur weitgehend ausgestorben, sondern ihre Vertreter waren typische Trinkgeldempfänger in Epochen, deren Service-Kultur der heutigen fremder kaum sein könnte. Ebenso, wie man im Mittelalter dem Henker etwas zusteckte (falls man noch in der Lage dazu war), um die Martern abzumildern, konnten die Bediensteten in den Grandhotels des 19. Jahrhunderts auf eine Münze rechnen, die gleichzeitig Gabentausch und zentrale Einnahmequelle des Empfängers war. Hier die Herren, dort die Knechte: das soziale Oben und Unten wurde mit einer Geldgabe bestätigt. Wie dieses Gefüge in der Moderne auseinanderzubrechen begann, liest der Historiker Winfried Speitkamp den sich wandelnden Trinkgeldsitten ab. Gerade weil das Trinkgeld rechtlich nie genau zu packen war – der Anspruch des Bediensteten mag zwar legitim sein, legal fixiert ist er nicht –, kommt die symbolische Macht des Monetären zu voller Geltung. Vor allem ist es ein hervorragender Indikator für die Beziehungen zwischen den sozialen Klassen, «zwischen denen, die irgendwie ihr Überleben sichern mussten, und denen, die statusbewusst immer rigider die Absonderung von anderen Schichten suchten». Je stärker der Distinktionsdruck, desto nervöser die Beteiligten: Der Bürger fühlt sich zunehmend als Opfer des Personals, das allmählich Forderungen erhebt. Weltweite Anti-Trinkgeld-Bewegungen lösten im 19. und noch im 20. Jahrhundert heftige öffentliche Debatten aus, wobei die Fronten keineswegs klar verliefen. Das Argument, dass ein freier Mensch kein Trinkgeld annehmen könne, dass es zu falscher Freundlichkeit und moralischer Verkommenheit führe, hatte zwar pädagogischen Schwung; an der Gesellschaftspyramide wollten die bürgerlichen Moralisten allerdings nicht rütteln. Demgegenüber forderten sozialistische Kellnergewerkschaften eine Abschaffung des Trinkgelds – und dafür einen vernünftigen Lohn. Selbst die Diktaturen des 20. Jahrhunderts verschrieben sich einem verbissenen Trinkgeldkampf: In der Volksgemeinschaft war weltläufige Freigebigkeit verpönt, weil sie Noblesse und damit auch Standesunterschiede demonstrierte. 1935 drohte im faschistischen Italien eine dreitägige Gefängnisstrafe für den Gast, der Trinkgeld gezahlt hatte. Aber die staatliche Prohibitionsmaschine konnte sich nirgendwo durchsetzen (und Raucher, die sich bei der Antitrinkgeldliga an den aktuellen Kneipenkrieg erinnert fühlen, dürften sich ins Fäustchen lachen). Wie konnte das Trinkgeld in einer vermeintlich durchrationalisierten Gesellschaft seine merkwürdige Stellung zwischen Gabentausch, Bestechung, Wohltat und Distinktionsgeste halten? Antwort gibt Winfried Speitkamps gut erzähltes Geschichtsbuch – ein Vademekum für kellnernde Studienabbrecher, geschichtsbewusste Mindestlohn-Strategen und, natürlich, auch für kulturhistorisch Interessierte.
Winfried Speitkamp
Der Rest ist für Sie! Kleine Geschichte des Trinkgeldes
Reclam, Stuttgart 2008. 180 S., 7,90 €











