Sozialstudie

Dem Menschen kein Wolf

In seinem neuen Buch erklärt der Biologe E.O. Wilson, warum der Mensch erst in der Gruppe zum Individuum wird

Wilson: Wider den „Egoismus” der frühen Soziobiologie
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Riechelmann, Cord

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Edward Osborne Wilson, von Freunden Ed genannt und allgemein nur E. O. abgekürzt, ist neben Richard Dawkins der bekannteste lebende Biologe der Welt. Die beiden gehören zu jenen Biologen, die Mitte der 1970er-Jahre zum Angriff auf die Sozial- und Geisteswissenschaften bliesen. Wilsons „Sociobiology“ und Dawkins’ „The Selfish Gene“, deutsch: „Das egoistische Gen“, fußten auf der Behauptung, dass sich alle menschlichen Verhaltensweisen auf biologische Wurzeln zurückführen lassen. Damit sollte damals – zumindest – die Soziologie überflüssig gemacht und ihre Gegenstände in die biologische Verhaltensforschung überführt werden.

So weit ist es nicht gekommen. Was Soziobiologen und Verhaltens-Evolutionisten aber erreicht haben, ist eine weitreichende Naturalisierung der Sozial- und Geisteswissenschaften, die in ihren aktuellen Formen oft erstaunlich kritiklos hingenommen wird. So ist zum Beispiel hierzulande keinem Rezensenten von Eva Illouz’ Feuilleton-Schlager „Warum Liebe weh tut“ aufgefallen, dass es sich bei dem Werk lediglich um einen in die Soziologie überführten Aufguss alter soziobiologischer Formeln handelt, die in der Biologie selbst längst in Grund und Boden kritisiert worden sind. Und einer dieser Kritiker der Formel von den egoistischen Genen, die jedes Verhalten mitbestimmen, ist eben heute: E. O. Wilson. Dabei ist Wilson nicht einfach vom Verfechter der Egoismus-These zum Freund altruistischer Tendenzen in der Evolution konvertiert. Vielmehr hat er seine jahrelang vertretenen Thesen vom Individuum als der einzigen im Evolutionsprozess relevanten „Einheit“ um die Erkenntnis erweitert, dass es in der Evolution auch Gruppen sein können, die sich gemeinsam, also unegoistisch kooperierend, durch das Gestrüpp der Umwelten schlagen.

Wilsons gerade erschienenes Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ dokumentiert den Gedankenumschwung des Autors und zeigt zugleich, wo­rin er ein wahrer Meister ist. Wilson bringt die verzettelten Eindrücke eines leidenschaftlichen Naturforschers in eine sprachliche Form, die weder verflacht noch popularisiert. Er ist dabei sein Leben lang der Ameisenforscher geblieben, dem jedes der kleinen Tiere näher ist als der Weltruhm des Forschers. Das unterscheidet ihn auch von Dawkins, der seine eigene Ameisenforschung früh gegen den Sachbuchautor-Ruhm eingetauscht hat und heute vor allem durch seinen erbarmungslos atheistischen Kampf gegen die Religionen und ihre Kirchen in Erscheinung tritt. Davon ist Wilson weit entfernt, und das nicht, weil er inzwischen religiös geworden wäre. Er hat bloß Erfahrungen mit der Natur gemacht, die um die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis wissen.

In seinem Buch, das im Untertitel „eine biologische Geschichte des Menschen“ verspricht, macht er das bereits im Prolog klar. Wilson beginnt mit einer kurzen Replik auf das Leben und Werk des Malers Paul Gauguin, den er als Geheimnisjäger und Mythenschöpfer vorstellt. Denn vielleicht liege ja in dem, was sich nicht sagen lasse und bis heute verborgen bleibe, „eine tiefere, wesentlichere Bedeutung“. Es ist ein eleganter Einstieg ins Buch, das seine Kernfragen einem Bildtitel Gauguins entnimmt: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?

E.O. Wilson: Die soziale Eroberung der Erde (C.H. Beck)Wilson erzählt darüber auch die Geschichte der sozialen Insekten. Schon im Jahr 1990 hatte er zusammen mit Bert Hölldobler das Buch „The Ants“ vorgelegt, eine Monografie über Ameisen, die ohne Übertreibung das beste biologische Sachbuch der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist und zurecht auch mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Wilson betrachtet die sozialen Insekten nicht einfach als Vorläufer der menschlichen Sozialität. Er erzählt ihre Geschichte parallel zur Geschichte der Menschen. Dies ist eine Provokation an alle Wissenschaftler, die aus dem Bienen- oder Ameisenstaat umstandslos auf menschliche Gesellschaften schließen. Menschen formieren sich aber von Anfang an in heterogenen Gemeinschaften verschiedener Individuen. Und sind im Unterschied zu Ameisen eben nicht nur Erweiterungen des Phänotyps der Königin, „alternative Expressionen von deren persönlichen Genen“.

Menschen sind von Anfang an verschieden. Und gerade aus dieser grundlegenden Verschiedenheit folgt auf paradoxe Weise, dass Menschen erst in der Gruppe zu Individuen werden. Entgegen Hobbes’ These vom Naturzustand als Krieg aller gegen alle findet Wilson die Natur des Menschen nur in der Gruppe, die als Gruppe Kriege gegen andere menschliche Gruppen führt. Der Grund des Kriegs liegt dann im Altruismus innerhalb einzelner Gruppen, aber nicht im Egoismus des Einzelnen, der sich im Überlebenskampf befindet. Man muss dieser These nicht zustimmen. Sie wird von Wilson nur empirisch so interessant untermauert, dass es wirklich Spaß macht, ihr nachdenkend zu folgen.

E.O. Wilson: Die soziale Eroberung der Erde. Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke. C.H. Beck, München 2013. 384 S., 22,95 €

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