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Planet OceanWillkommen im Anthropozän

Von Daniel Schreiber23. Juni 2012
Yann Arthus-Bertrand
Planet Ocean, West Papua province, Indonesia, Raja Ampat Islands
Raja Ampat Islands (Four Kings), West Papua province, Indonesia (0°41’ S, 130°25’ E)
Schrift:

Sparen Sie sich Ihr schlechtes Gewissen, die Lage ist sowieso viel ernster als Sie denken! Mit Hillary Clinton, dem Aktivisten und Filmemacher Yann Arthus-Bertrand und Frederik beim Nachhaltigkeitsgipfel in Rio

Seite 1 von 2

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber alle paar Monate habe ich das Gefühl, ich sollte grundlegend mein Leben ändern und etwas Anständiges damit anfangen. Das ging mir auch schon früher so, als ich noch nichts Anständiges mit meinem Leben gemacht habe. Bekanntermaßen lohnt es sich nicht, ein schlechtes Gewissen zu haben. Anstatt sich unproduktiv seinen Schuldgefühlen hinzugeben, sollte man sich lieber entschuldigen und versuchen, besser als vorher weiterzumachen. Das gilt vor allem, wenn das schlechte Gewissen nur die Spitze eines schmelzenden Eisbergs ist.

Die vergangenen Tage war ich in Rio de Janeiro, für die Premiere von „Planet Ocean“, dem neuen Films des französischen Fotografen und Umweltaktivisten Yann Arthus-Bertrand. Ich habe in einem Hotel direkt am Strand von Copacabana gewohnt, wo es genauso aussieht, wie man es sich, informiert von Pop- und Bossa-Nova-Songs, vorstellt. In Rio haben die achtziger Jahre kein Revival gemacht – sie waren nie weg. Sogar der Jesus auf dem Gipfel gegenüber dem seilbahnverzierten Zuckerhut wird nachts im poppigsten Neongrün angestrahlt. Die Hochhausarchitektur und die prächtigen, immer schon gleich nach der Renovierung verfallenden Kolonialbauten wirken wie eine wollüstige Mischung aus Florida und Kuba, die Menschen sehen wirklich so gut aus, wie man immer hört. Die Postkartenlandschaft mit tiefblauem Ozean und pittoresken Bergen ist surreal schön.

Bildergalerie: Planet Ocean – Die Welt der Ozeane

Doch anstatt meine paar Tage in der Stadt einfach so zu genießen, bekam ich plötzlich das bestimmte Gefühl, dass es mit alledem bald vorbei sein wird. Das lag vor allem am Nachhaltigkeitsgipfel Rio +20, der gerade begann und die Stadt mit Delegiertentrossen in schwarzen Anzügen, Limousinen, Straßensperrungen, Polizeisirenen und Hubschraubereinsätzen überströmte. Hillary Clinton und ihr Hund wohnten im selben Hotel wie ich, Dirk Niebel und seine Männer auch, genauso wie die Delegationen aus Indien und Sri Lanka.

Schon vor Beginn des Gipfels war der Entwurf des Abschlussdokuments an Teilnehmende und Journalisten verschickt worden. Darin war ersichtlich geworden, dass das legendäre erste Gipfeltreffen vor 20 Jahren nicht nur so gut wie keine konkreten Folgen gezeitigt hat, sondern auch, dass der größte Erfolg dieses Treffens nur darin bestehen könnte, sich trotz der ungleich dramatischeren Situation auf Richtlinien zu einigen, die nicht hinter denen von 1992 zurückgehen.

Das mit dem Untergangsbewusstsein meine ich ganz ernst. Wir leben in einer geradezu skurrilen Fantasieblase. Die Katastrophenfilme von Roland Emmerich sind viel weniger Fiktion, als wir denken. Irgendetwas in unserer kollektiven Psyche scheint uns daran zu hindern, zu sehen, dass in den vergangenen Jahrzehnten etwa die Hälfte aller Korallenriffe gestorben sind, jedes von ihnen 5000 bis 10000 Jahre alt, dass 90 Prozent der weltweiten Haifischpopulation getötet wurde, 35 Prozent des arktischen Eises geschmolzen ist und im Pazifik eine Insel aus Plastikmüll schwimmt, die in etwa die Größe der Vereinigten Staaten hat.

Gleich am ersten Abend traf ich Frederik, einen Freund, den ich noch aus New York kenne, wo er für die UNO arbeitete und unter anderem dabei half, Rio+20 vorzubereiten. Heute berät er das mexikanische Wasserministerium, und damit wir weggehen konnten, sagte er ein Abendessen mit dem dortigen Umweltminister ab. Wir unterhielten uns vor allem über Privates. Aber eben auch über die konkreten Auswirkungen, die der Klimawandel jetzt schon in Mexiko hat: Anhaltende Dürren im Norden und Unwetter und Sturmfluten im Süden des Landes. Landwirtschaft dürfte unter diesen Bedingungen bald so gut wie unmöglich werden. Früher habe ich immer Witze darüber gemacht, dass sein Job sei, die Welt zu retten. Heute fände ich das nicht mehr lustig.

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