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 > Wie wir unsere Städte ruiniert haben

Salon
Architektur

Wie wir unsere Städte ruiniert haben

von 
Hans Kollhoff
16. Februar 2012
picture alliance
Hans Kollhoff, Stadtbild, Architektur, Städteplanung, Pirna
Der gestalterische Aufwand für Schall- und Sichtschutz ist kaum zu unterbieten.

Wir leben in einer Gesellschaft, die darauf verzichtet, schöne Straßen, Häuser und Plätze zu bauen. Unsere finanziellen Ressourcen würden für wichtigere Unternehmungen gebraucht, heißt es. Aber können wir uns die urbane Verwahrlosung leisten? Ein Plädoyer für eine nachhaltige Stadtplanung, die sich auf ihre ideellen Wurzeln besinnt

Seite 1 von 5

Von unschätzbarer Bedeutung war er, der Unterricht im Zeichnen und Malen, wie er sich seinerzeit in der Volksschule nannte. Man zeichnete Gräser mit dem Bleistift in unterschiedlichen Härtegraden und der Tuschfeder, schwarz auf weißem Papier oder weiß auf schwarzem Karton, man malte Herbstblätter, mit Farbstiften und später Aquarellfarben. Was für eine Komplexität der Lernerfahrungen in diesen Übungen der Erstklässler lag! Das war kein gut gemeintes Training von „Kreativität“, keine billige Strategie der Lebenshilfe, die auch von künstlerisch ganz unbegabten und desinteressierten Lehrern verabreicht werden kann.

Nein, gleichzeitig lernte man sehen und wurde an die Wunder der Natur herangeführt. Dinge, die auf den ersten Blick alle gleich aussahen, offenbarten allmählich ihre Eigenart. Eine Ahnung von der Wucht der Schöpfung bekam man, in ihren fragilsten Hervorbringungen.

Dieser frühe Unterricht im Zeichnen und Malen war eben ganz bewusst kein Kunstunterricht, denn der hat etwas mit Können zu tun, das hebt man sich für später auf. Und überhaupt: Den Begriff der Kunst sollte man mit Bedacht wählen und ausgesprochen knausrig gebrauchen, um ihn wieder als Prädikat für gelungene Arbeit und Meisterschaft in sein Recht zu setzen. Heute wird jedem Humbug die Kunstwürde zugesprochen. Nachdem wir alle Täler durchschritten haben, von der Abstraktion zum Pop, zum Happening und nun wieder bei der Figuration und der altmeisterlichen Malerei gelandet sind, können wir den Begriff des Künstlerischen gar nicht restriktiv genug verwenden. Man sollte sich hüten, Kunst zu lehren in der Grundschule, die ja inzwischen auch nicht mehr überall so heißt.

Bildergalerie: Eine Bank im Wandel der Zeit

Lehren sollte man die sinnliche Aneignung der Welt und damit auch die Sublimierung der Eingriffe des Menschen in die Schöpfung. Das heißt vor allem auch den Aufbau einer Wertschätzung der zivilisatorischen und kulturellen Leistungen menschlicher Geisteskraft und Handfertigkeit. Dabei wird man einer modernen Kunstrezeption misstrauisch begegnen müssen, die dem Neuen primär seiner Andersartigkeit wegen Achtung entgegenbringt und nicht unbedingt seiner künstlerischen Vollendung wegen; und in der das vermeintlich nie Dagewesene und deshalb meist Absurde das Bewährte und Überlegene zu degradieren droht. Was heute fehlt, ist die Bereitschaft, hin und wieder zurückzublicken und unsere Schöpfungen zu vergleichen mit denen vergangener Generationen, um dabei zu erkennen, dass die Kunstgeschichte nicht aus einer Kette von Genies hervorgegangen ist, sondern aus dem geduldigen Weitergeben der Erfahrungen von Generation zu Generation, von Verfeinerung zu Verfeinerung.

Nirgends lässt sich das so eindrücklich nachvollziehen wie in der Architektur und im Stadtbau, um nun zu dem Fach zu kommen, von dem ich etwas verstehe und das ich wie kein anderes für den Schulunterricht ans Herz legen würde. Denn es kann bruchlos aus dem Zeichnen und Malen hervorgehen und braucht wie jenes keine Künstler als Lehrer, sondern neugierige Zeitgenossen mit Begeisterung an der sinnlichen Erfahrung der Welt. Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen, sich Gedanken machen und zusätzlich noch ein wenig Bereitschaft mitbringen nachzuempfinden, was uns vergangene Generationen überlassen haben. Machen wir einen Spaziergang, wie ich das zu Beginn jedes neuen Semesters mit meinen Studenten praktiziere. Einen Stadtspaziergang.

Lesen Sie weiter über das raffinierte System der städtischen Infrastruktur...

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Werte

Ich bin letztes Jahr durch Deutschland gereist und habe gesehen, welche Hässlichkeiten Deutschlands Städte zu bieten haben. Dabei haben die nördlichen ostdeutschen Städte im Durchschnitt besser abgeschnitten als die nördlichen westdeutschen. Was für ein Graus ist beispielsweise Wilhelmshaven und Cuxhaven gegen die schönen Städte Wismar und Greifswald. Und auch Richtung Süden gab es viel schmerzliches zu sehen: das durch Bauinvestoren vergewaltigte Konsanz am Bodensee, der Ulmer Marktplatz: plattgemacht...

Doch solange der Ausbau von Autobahnen und Flughäfen wichtiger ist und die großen Konzerne, wie neulich eine große Versicherung in Aachen, sich glänzende Kästen in die Innenstädte zaubert, wird sich unsere Situation in städtebaulicher Hinsicht nicht maßgeblich verändern.

  • Antworten
Vega Pandora19.02.2012 | 13:54 Uhr

Stadtbau-Kunst

Herr Prof. Kollhoff, Sie beschwören in Ihrem Aufsatz die „Stadträume“, im Gegensinn zur „Raum-Stadt“, ein zeitweiliges Leitbild der Moderne. Die Moderne war ja der Versuch, überkommene Formalismen abzustreifen und neue, auf den Menschen bezogene, funktionsgerechte Lösungen zu entwickeln, in der Architektur, in den Geräten und in der Kunst. Sie machte auch darüber hinaus den Versuch einen direkten Beitrag zur Gestaltung der realen Umwelt des Menschen zu leisten. Quasi aus dem Traum in die nackte Wirklichkeit. Dort sah sie nämlich die Hinterhofmilieus in den Städten und die Not, Aussichtslosigkeit, Verbitterung, existentielle Bedrohung durch Hunger. Zeichnungen und Lithographien von Heinrich Zille und Käthe Kollwitz bilden diese zeitgeschichtliche Situation ab. Dieser Realismus führte in die neue Sachlichkeit mit einem rechten und einem linken Flügel. Der eine konservativ bis zum Klassizismus, wollte in reiner Zeichnung nach der Natur das „Zeitlose“ wieder heiligen. Der andere, linke Flügel, zeitgenössisch, weit weniger kunstgläubig, eher aus Verneinung der Kunst geboren, wollte ein wahres Gesicht der Zeit entwickeln. So war die eine Prägung die Antike, die andere die Maschine, und das waren zwei unvereinbare Welten. Nach den Zerstörungen des 2. Welt-Krieges und den Wohnungsbeschaffungsprogrammen in den 50er Jahren, setze in den 60er Jahren ein Wertewandel ein. Man ging den Spuren der Vergangenheit wieder nach, setzte an einzelnen Objekten an, entdeckte die traditionelle Stadt neu und befasst sich wieder mit Stadträumen. Stadtwohnungen schienen wieder akzeptabel. Räume wurden vom Verkehr befreit für Fußgänger, Fassaden schön- gemacht. Mit der Öffnung nach Osten, im Zuge des „Wiederaufbaus“ ist dann an vielen Orten Architektur-Design gemacht worden, ein unstillbares Verlangen nach Biedermeier tritt dort zutage (Stichwort Rekonstruktionen). Ein fixiertes Leitbild von Stadt, etwa die Bürgerstadt des 19. Jahrhunderts, existiert nicht mehr. Städte waren immer auch Produkte ihrer Verkehrsmittel, mittelalterliche wie diejenigen des 19. Jahrhunderts. Wir kennen historische Stadtbeschreibungen aus der Pferdekutschen-Zeit, die schon die gleichen Unverträglichkeiten aufzeigten. Die Konflikte zwischen Verkehrsmitteln und Stadt wird heute zugunsten der letzteren entschieden. Heute sieht der Flaneur, als ein träumender Müßiggänger, nicht die Phänomene des Raumes, oder die Stadtlandschaft, sondern die Dinge, die ihm von allen Seiten aufgedrängt werden.

  • Antworten
bernhard20.02.2012 | 11:24 Uhr

klingt ja so weit nett

Ist nur leider völlig unglaubwürdig, da Kollhoff z.B. auch für die Grüne-Wiese-Planungen am Berliner Alexanderplatz verantwortlich zeichnet.
Gegen seine tabula-Rasa-Artefakte gab es sehr wohl aufbegehren, doch hat das seine damaligen Amigos in der Verwaltung nicht weiter interessiert. Also müssen die Berliner weiterhin mit Dauerbaustellen an einem der wichtigsten Plätze der Stadt leben.

  • Antworten
ach21.02.2012 | 00:35 Uhr

Stadtzerstörung

Dörfer, Städte, Regionen waren unverwechselbar, prägnant, erinnerbar, waren Heimat. Dieser Evolution wirkt heute ein Prozess der Entdifferenzierung und Nivellierung entgegen. Im Norden entstehen die gleichen Verwaltungs-Glaspaläste wie in den Tropen- hier schlecht gedämmt und verschwenderisch beheizt, dort ohne jeden Sonnenschutz und verschwenderisch gekühlt.
Überall entsteht das gleiche beliebige Gemisch aus Naturmüll und Zivilisationsmüll, bei dem man nicht mehr weiß, wo die zersiedelte Landschaft aufhört und die durchgrünte Stadt anfängt. Anstatt sich dieser Vermischung entgegenzustemmen, wird sie zum Markenzeichen der Moderne erhoben.
Während sich die Menschen in vielen Bereichen wie Essen, Kleidung, Musik oder Sprache auf die Werte ihrer regionalen Ausprägungen besinnen, wollen uns die Architekten seit 80 Jahren glauben machen, dass eine neue Zeit auch eine neue Architektur verlangt und dass diese Architektur nur eine internationale sein kann. Eine schreckliche Vision, die der französische Filmregisseur Jacques Tati in seinem utopischen Film Playtime 1967 karikierte, würde Realität:
alle Orte dieser Welt mutieren zu uniformen Klongebilden.
Über Jahrhunderte gewachsene regionale Baukulturen gehen für immer verloren. Was die Kriege und der Abrisswahn der Wiederaufbauzeit übriggelassen haben wird durch die Fortsetzung der Trend-Architektur entgültig zerstört. Unsere Städte und Gemeinden verlieren die Grundlage ihrer Identität und des Heimatgefühls ihrer Bewohner - ihre individuelle und unverwechselbare Gestalt.
Unsere Städte und Dörfer haben sich immer verändert und werden sich weiterhin ändern. Diese Tatsache ist unvermeidbar. Aber die Art der Veränderung ist es nicht. Bürger und Politiker sind gefordert, Einfluss zu nehmen, so dass die Veränderungen unser Umfeld behutsam weiterentwickeln und uns allen Freude bereiten.

Die Gemeinschaft zur Förderung regionaler Baukulture.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, in dieser Situation noch einmal auf die Werte einer über Jahrhunderte gewachsenen Qualität von Architektur und Städtebau aufmerksam zumachen.
Wir wollen anschließen an die zahlreichen kritischen Filme des bayrischen Fernsehjournalisten Dieter Wieland, die ihre Gültigkeit auch nach 25 Jahren nicht verloren haben.
Es geht um einen Schatz, den es zu bewahren gilt.
Obwohl dieses Ziel auch i.R. der Europäischen Union, der Agenda 21 und neuerdings auch im Baugesetzbuch verankert ist, wird es in der bundesdeutschen Fachöffentlichkeit völlig negiert.
Gerade in einer Zeit höchster ökologischer und ökonomischer Herausforderungen an unsere Städte können wir uns einen Verzicht auf diese Erfahrungen nicht leisten. Die energiefressende Klimaanlage darf kein Allheilmittel für eine verfehlte Planung werden. Der Flächenverbrauch darf kein Normalfall sein.
Wir wollen mit guten Beispielen zeigen, dass es möglich ist, zeitgemäße Gestaltung zu planen, ohne den regionalen identitätsstiftenden Bezug zu verlieren. Die positiven Erfahrungen der Vergangenheit sollten uns lehren, dass wirkliche Stadtbaukunst nur in der Auseinandersetzung mit dem spezifischen Ort entstehen kann.
Wir wollen keine nostalgischen Kopien, sondern Neuinterpretationen, die sich intensiv mit dem Ort und seinen Traditionen auseinandersetzen.
Dazu bieten wir eine Beispiel - und Literatursammlung an, zu der jeder Interessierte gerufen ist, persönlich beizutragen. Schicken Sie uns Ihre Beispiele gelungener Neuplanungen. Beteiligen Sie sich an unserem Diskussionsforum.
Nur eine umfassende Diskussion mit allen Beteiligten (Bürgern,Politikern und Fachleuten) kann zu einer Öffnung der sehr dogmatischen Haltung
der aktuellen Baukulturdebatte führen. Es muss einfach möglich werden, auch in Alternativen zu denken und ortsbezogen planen zu können.

  • Antworten
Michael Stojan23.02.2012 | 08:43 Uhr

Stadtzerstörung

Wir können Herrn Stojan nur uneingeschränkt bestätigen

  • Antworten
Krecek Peter27.02.2012 | 16:13 Uhr

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