Wir leben in einer Gesellschaft, die darauf verzichtet, schöne Straßen, Häuser und Plätze zu bauen. Unsere finanziellen Ressourcen würden für wichtigere Unternehmungen gebraucht, heißt es. Aber können wir uns die urbane Verwahrlosung leisten? Ein Plädoyer für eine nachhaltige Stadtplanung, die sich auf ihre ideellen Wurzeln besinnt
Von unschätzbarer Bedeutung war er, der Unterricht im Zeichnen und Malen, wie er sich seinerzeit in der Volksschule nannte. Man zeichnete Gräser mit dem Bleistift in unterschiedlichen Härtegraden und der Tuschfeder, schwarz auf weißem Papier oder weiß auf schwarzem Karton, man malte Herbstblätter, mit Farbstiften und später Aquarellfarben. Was für eine Komplexität der Lernerfahrungen in diesen Übungen der Erstklässler lag! Das war kein gut gemeintes Training von „Kreativität“, keine billige Strategie der Lebenshilfe, die auch von künstlerisch ganz unbegabten und desinteressierten Lehrern verabreicht werden kann.
Nein, gleichzeitig lernte man sehen und wurde an die Wunder der Natur herangeführt. Dinge, die auf den ersten Blick alle gleich aussahen, offenbarten allmählich ihre Eigenart. Eine Ahnung von der Wucht der Schöpfung bekam man, in ihren fragilsten Hervorbringungen.
Dieser frühe Unterricht im Zeichnen und Malen war eben ganz bewusst kein Kunstunterricht, denn der hat etwas mit Können zu tun, das hebt man sich für später auf. Und überhaupt: Den Begriff der Kunst sollte man mit Bedacht wählen und ausgesprochen knausrig gebrauchen, um ihn wieder als Prädikat für gelungene Arbeit und Meisterschaft in sein Recht zu setzen. Heute wird jedem Humbug die Kunstwürde zugesprochen. Nachdem wir alle Täler durchschritten haben, von der Abstraktion zum Pop, zum Happening und nun wieder bei der Figuration und der altmeisterlichen Malerei gelandet sind, können wir den Begriff des Künstlerischen gar nicht restriktiv genug verwenden. Man sollte sich hüten, Kunst zu lehren in der Grundschule, die ja inzwischen auch nicht mehr überall so heißt.
Lehren sollte man die sinnliche Aneignung der Welt und damit auch die Sublimierung der Eingriffe des Menschen in die Schöpfung. Das heißt vor allem auch den Aufbau einer Wertschätzung der zivilisatorischen und kulturellen Leistungen menschlicher Geisteskraft und Handfertigkeit. Dabei wird man einer modernen Kunstrezeption misstrauisch begegnen müssen, die dem Neuen primär seiner Andersartigkeit wegen Achtung entgegenbringt und nicht unbedingt seiner künstlerischen Vollendung wegen; und in der das vermeintlich nie Dagewesene und deshalb meist Absurde das Bewährte und Überlegene zu degradieren droht. Was heute fehlt, ist die Bereitschaft, hin und wieder zurückzublicken und unsere Schöpfungen zu vergleichen mit denen vergangener Generationen, um dabei zu erkennen, dass die Kunstgeschichte nicht aus einer Kette von Genies hervorgegangen ist, sondern aus dem geduldigen Weitergeben der Erfahrungen von Generation zu Generation, von Verfeinerung zu Verfeinerung.
Nirgends lässt sich das so eindrücklich nachvollziehen wie in der Architektur und im Stadtbau, um nun zu dem Fach zu kommen, von dem ich etwas verstehe und das ich wie kein anderes für den Schulunterricht ans Herz legen würde. Denn es kann bruchlos aus dem Zeichnen und Malen hervorgehen und braucht wie jenes keine Künstler als Lehrer, sondern neugierige Zeitgenossen mit Begeisterung an der sinnlichen Erfahrung der Welt. Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen, sich Gedanken machen und zusätzlich noch ein wenig Bereitschaft mitbringen nachzuempfinden, was uns vergangene Generationen überlassen haben. Machen wir einen Spaziergang, wie ich das zu Beginn jedes neuen Semesters mit meinen Studenten praktiziere. Einen Stadtspaziergang.
Lesen Sie weiter über das raffinierte System der städtischen Infrastruktur...











5 Kommentare