In unserer neuen Kulturkolumne "Townies" schreibt Daniel Schreiber ab sofort jeden Samstag bei CICERO ONLINE über die Frage, wohin man am Wochenende am besten gehen sollte und wie man dabei dem Berliner Alltagsleben gelassen begegnet.
Zum Auftakt schreibt er über Momente wahrer Schönheit, die er in einem Berliner Kraftwerk erlebt hat.
Vielleicht kennen Sie ja die Situation, dass man sich plötzlich irgendwo befindet und sich beim besten Willen nicht erklären kann, wie man dort hingelangt ist. Man weiß, man hat die dazugehörigen Schritte unternommen und im entscheidenden Moment ja gesagt, aber von welcher Macht man dabei geleitet wurde, ist einem ein Rätsel. Um gleich auf die journalistische Metaebene zu kommen: So geht es mir auch mit dieser neuen Kolumne. Eigentlich hatte Christoph S., unser Internetbeauftragte, schon lange aufgehört, danach zu fragen. Und trotzdem sitze ich jetzt vor meinem Computer und schreibe darüber, was Berliner so am Wochenende treiben.
In den letzten Jahren habe ich solche Situationen sehr zu schätzen gelernt. Ehrlich gesagt, sind mir die besten Sachen in meinem Leben passiert, wenn ich nicht versucht habe, kontrollierend und planend in die Geschehnisse einzugreifen. Dabei bin ich tief im Herzen ein Kontrollfreak, es ist alles andere als einfach für mich, etwas Neues zu machen und einfach zu schauen, was sich ergibt.
Doch wenn man das tut, erfährt man manchmal regelrecht Momente der Erhabenheit. So fand ich mich letztes Wochenende in Luigi Nonos Oper „Al gran sole carico d’amore“ wieder. Ich wusste, ich hatte die Tickets gebucht. Dass Katie Mitchells Staatsoper-Inszenierung ein großes Ereignis werden würde, hatte ich von den Musikkritikerkollegen gehört; ins ehemalige Heizkraftwerk Mitte – ein altes, von innen recht beeindruckendes Industriegebäude, wo die Aufführung stattfand –, hatte ich schon immer gewollt; und schließlich sollte Ingo Metzmacher dirigieren, der schon länger auf der gefühlten Liste des Weltkulturerbes steht. Aber darauf vorbereitet, wie neu Neue Musik wirklich sein kann, war ich nicht.
Der Titel der Oper heißt so viel wie „Zur großen Sonne, mit Liebe beladen“. Die Zeile stammt aus einem Gedicht von Arthur Rimbaud über Louise Michel, eine der Protagonistinnen der Pariser Kommune. Die erste Hälfte des Abends war, gelinde gesagt, schwierig – handlungsfrei, sperrig und reichlich unharmonisch. Und dann dieser ganze Gesang vom Kommunismus!
Neben Louise Michel geht es um Tania Bunke, die Guerillakämpferin an der Seite Che Guevaras, um Gorkis Romanfigur der „Mutter“, um eine Turiner Kommunistin der Nachkriegszeit und eine in den Gedichten von Cesare Paveses verewigte Prostituierte. In fünf Räumen, die auch formidable Filmkulissen für Historienschinken abgegeben hätten, werden die Darstellerinnen dieser Frauen im Klassenkampf, ein alter Volksbühnen-Trick, live gefilmt.
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