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 > Wie ein Betrunkener auf dem Heimweg

Salon
Odysseus und die Wiesel

Wie ein Betrunkener auf dem Heimweg

von 
Nils Markwardt
16. Januar 2012

Einiges kann niemand verstehen, anderes aber jedes Kind: Der Philosoph und Fondsmanager Georg von Wallwitz hat ein ebenso informiertes wie amüsantes Buch über die Finanzmärkte geschrieben

John Maynard Keynes hatte die gotische Kapelle des altehrwürdigen King’s College in Cambridge schon ausgemessen. Der ganze Weizen brauchte Platz, und immerhin ging es um die gesamte argentinische Monatslieferung nach England. Keynes, der nicht nur der wichtigste Ökonom des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein gewiefter Spekulant war, hatte sich im Jahr 1936 gehörig verzockt. Der Weizenpreis war wider Erwarten stark gefallen. Wollte er die riesige Charge, die er eigentlich nur auf dem Papier besaß, nicht mit Verlust verkaufen, musste er Zeit gewinnen, bis sich die Kurse erholt hatten. Deshalb musste das Getreide jetzt irgendwo hin.

Anhand dieses kuriosen Falls zeigt Georg von Wallwitz in seinem kleinen Band „Odysseus und die Wiesel“, dass mitunter auch die großen Theoretiker des Finanzmarktes an diesem verzweifeln, und beweist zugleich, wie leichtfüßig sich die Tücken des Terminkontrakthandels erläutern lassen. Georg von Wallwitz, der promovierter Philosoph und seit Jahren schon ein überaus erfolgreicher Fondsmanager ist, gibt eine „fröhliche Einführung in die Finanzmärkte“. Und sein Buch hält, was der Untertitel verspricht: Es erklärt die ökonomische Theorie und Praxis so klug wie amüsant.

Erklärtermaßen richtet sich von Wallwitz an den „literarisch gestimmten Leser“: Er referiert keine Zahlenkolonnen und statistischen Modelle, sondern beobachtet die Börse wie ein Theaterkritiker das Drama – schonungslos gegenüber den Schauspielern, aber mit Liebe zum Stoff. Für das Theaterstück Finanzmarkt ist Odysseus eine Idealbesetzung: ein rastloser Kämpfer, listig, berechnend, pragmatisch und anpassungsfähig, jedoch nie zu gierig oder übermäßig risikoreich. Die Realität sieht aber anders aus. Auf dem Börsenparkett tummeln sich keine Nachfahren antiker Heroen, sondern vielmehr Scharen von Wieseln: Raubtiere, die eigentlich viel zu klein sind, um wirklich große Beute zu machen. Es gibt zwar zierliche und kräftige Exemplare, Mauswiesel und Hermeline – aber alle sind von ihrer Umwelt überfordert. Undurchschaubare Bilanzen oder hyperkomplexe Derivate verlangen ihnen viel zu viel ab. Daher geraten sie in Gefahr, wenn sie zum großen Fang ansetzen.

Wallwitz beschreibt die Protagonisten der Börse als hyperaktive Glücksritter und illustriert die Entstehung der Finanzmärkte durch abenteuerliche Geschichten von zwielichtigen Hasardeuren und windigen Geschäftemachern. Darunter ist der berüchtigte Schotte John Law, ein aus dem Gefängnis entflohener Mörder und Glücksspieler, der nach dem Tode Ludwigs XIV. in Paris das Papiergeld einführte. Oder Gregor MacGregor, ein falscher Fürst, der im 19. Jahrhundert Großteile der Londoner Oberschicht mit Staatsanleihen des lateinamerikanischen Phantasielandes „Poyais“ prellte. Wallwitz reiht aber nicht einfach Anekdoten aneinander. Wie nebenbei erklärt er stets auch die theoretischen Zusammenhänge und Fachbegriffe: So erfährt man wie nebenbei, wie Ponzi-Modelle funktionieren, warum niemand an der Börse auf Analysten hört und was Broker eigentlich den ganzen Tag machen.

Ausgehend von der Historie der Finanzmärkte zeigt von Wallwitz im zweiten Teil des Buches vor allem, dass es an den Börsen nicht nur um Gier geht, sondern auch um Furcht, Eitelkeiten und „trophy wives“. Damit richtet er sich gegen jene neoklassische Wirtschaftstheorie, die im Stile einer sozialen Ingenieurswissenschaft jahrzehntelang den Glauben propagierte, Finanzmärkte seien das Terrain rational kalkulierender Akteure. Mit den Ökonomen Hyman Minsky und Benoît Mandelbrot betont Wallwitz vielmehr die ihnen eigene Instabilität. Wiesel sind nun einmal wuselige Tiere; wenn sie überfordert sind, reagieren sie oft irrational. Deshalb scheitert an der Vorhersage der Aktienkurse auch noch das ausgefeilteste mathematische Modell. Die Kurse, so Wallwitz, verhalten sich wie ein Betrunkener auf dem Nachhauseweg: Langfristig mögen sie zwar steigen, aber zunächst bleibt jede Bewegung unberechenbar. Daher ist jede Theorie grau, gerade in Krisenzeiten. Als einzig belastbare Weisheit für Anleger verbleibt daher die alte Börsen-Maxime: If you panic, panic before everybody else does.

Bei Wallwitz findet sich inhaltlich viel Altbekanntes, auch will man ihm manchmal widersprechen, etwa wenn er unterstellt, Spekulationen auf Nahrungsmittel seien effizient. Dennoch hat wohl selten ein Buch die Finanzmärkte so kurzweilig und charmant erklärt wie dieses. Und was John Maynard Keynes’ waghalsigen Weizenhandel betrifft, so fand dieser ein überraschendes Ende. Keynes handelte instinktiv richtig: Er monierte, dass diese Charge von minderer Qualität sei und noch gesäubert werden müsse. Glücklicherweise stimmte das dann auch, sodass sich der Versand so lange verzögerte, bis der Preis wieder stieg. Die Kapelle in Cambridge entkam ihrer Umfunktionierung, und Keynes verkaufte ohne Verluste.

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