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 > Wenn es kichert, arbeitet es noch

Salon
lesen: Journal

Wenn es kichert, arbeitet es noch

von 
Stefanie Peter
11. Februar 2010
Die Autorengruppe Tiqqun bringt den Horror des Alltags auf den Begriff: Das «Junge-Mädchen»

Ist dieses Buch gefährlich? Gehört es in den Giftschrank für jugendgefährdendes Schriftgut? Vor der Abhandlung über die «Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens» warnten besorgte Kritiker bereits, als sei ihnen eine Bastelanleitung für Sprengsätze zugespielt worden.

Kein einzelner Name steht über diesem Text, stattdessen die rätselhafte Bezeichnung eines französischen Autoren-Kollektivs: Tiqqun. Trotz der Geheimniskrämerei um diese linke Gruppe und ihre gleichnamige philosophische Zeitschrift weiß man, dass Julien Coupat dazugehört. Dieser 1974 geborene Spross einer schwerreichen Familie ist in Frankreich eine schillernde Figur: Er saß im Gefängnis, weil man ihm vorwarf, die Oberleitung einer Zugstrecke beschädigt zu haben. Nicht nur der Philosoph Giorgio Agamben sprang ihm zur Seite, auch der Mangel an Beweisen sprach für Coupat: Im Mai 2009 wurde er freigelassen, nach siebenmonatiger Untersuchungshaft.

Worum geht es in dem Büchlein dieser womöglich gar nicht handgreiflichen Autoren? Jedenfalls ist das Junge-Mädchen kein junges Mädchen. Allein der Bindestrich in dieser Wortneuschöpfung erhebt den Begriff über die Grenzen von Geschlecht und Lebensalter: «Der Frauenaufreißer in der Disko ist damit ebenso gemeint wie die als Pornostar geschminkte Jugendliche arabischer Herkunft. Der ältliche Playboy, der sich vom Geschäft zurückgezogen hat und seine Freizeit zwischen der Côte d’Azur und seinen Pariser Büros, in denen er noch einen Fuß drinhat, verbringt, gehört genauso dazu wie die großstädtische Single-Frau, die zu sehr an ihrer Karriere hängt, um sich bewusst zu werden, dass sie bereits fünfzig ist.»


Obszöner als jede Ejakulation

Die Mitglieder von Tiqqun verstehen sich selbst als «Trash-Theoretiker» – was im Wortsinn bedeutet, dass sie auch intellektuell verwerfliches Material, diskursiven Abfall, in gesellschaftskritischer Absicht zu Collagen montieren. Es sind Fragmente, darunter zufällig aufgeschnappte Gesprächsschnipsel oder Stilblüten aus Zeitschriften, die sich zu einem Sammelsurium fügen. Das ist in formaler Hinsicht nicht neu: Beinahe dogmatisch schließt Tiqqun an die situationistischen Texte Guy Debords an, während pamphletartige Passagen an den italienischen Futurismus erinnern.

Haben wir also einen in philosophischer wie ästhetischer Hinsicht stinkenden, nur für ahnungslose Nachgeborene aufgepeppten Theorie-Käse vor uns? Nein, dieses Gähnen über vermeintlich Altbekanntes ist selbst zum Gähnen. Wer die Augen öffnet für Konsumrealitäten und Warenfetischismen, für die magersüchtigen Körperbilder, erotischen Impotenzen und emotionalen Verkrüppelungen, von denen auch das Jahr 2009 manche zu bieten hatte, fühlt sich von diesem Text persönlicher angesprochen, als ihm lieb ist.

«Verliebt sein», heißt es hier, ist ein «Dopingmittel, das Stress reduziert». Und: «Wenn das Junge-Mädchen kichert, arbeitet es noch.» Und: «Das Junge-Mädchen beschränkt sich nicht darauf, für das Unkomplizierte, Einfache und Erlebte zu schwärmen; es ist überdies der Meinung, dass das ‹Abstrakte›, das ‹Verkopfte› Übel sind, die zurecht ausgerottet werden müssen.» Und schließlich: «In Wirklichkeit ist jedes beliebige Familienessen, jedes beliebige Managertreffen viel obszöner als eine Szene, bei der ins Gesicht ejakuliert wird.» Wer sich für solche Diagnosen zu jugendlich fühlt – und vielleicht auch noch Nicolas Sarkozy heißt –, der möge das Junge-Mädchen-Buch in den Giftschrank schließen.

 

Tiqqun
Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens
Aus dem Französischen vom philologischen Arm der deutschen Sektion der PI (Parti Imaginaire).
Merve, Berlin 2009. 131 S., 12 €
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