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 > Wenn die Krise zur Normalität wird

Salon

EurokalypseWenn die Krise zur Normalität wird

Von Daniel Martienssen30. Juli 2012
picture alliance
miniatur_wunderland,krise überwinden
Die Flucht in die Scheinnormalität ist keine Lösung
Schrift:

Die Gesellschaft ist im Umbruch. Die Finanzkrise ist wirtschaftlich in Deutschland noch gar nicht durchgeschlagen, da verändert sie längst den gesellschaftlichen Blick auf die Normalität. Am Ende drohen Werte der Aufklärung auf unbestimmte Zeit verloren zu gehen 

Seite 1 von 2

„Ja, es war außergewöhnlich. Ja, das Ganze war unmöglich. Aber ich hatte schließlich das Unmögliche akzeptiert. Lebte damit. Ich hatte aufgegeben, für meine innere Welt, mein reales Leben [...] das Übliche zu erwarten. Im Hinblick auf die Öffentlichkeit, die Außenwelt, konnte von Normalität schon lange keine Rede mehr sein. [...] Während um uns herum alles, jegliche Form öffentlicher Ordnung, zerbrach, lebten wir weiter, richteten wir uns ein, als sei nichts weiter geschehen.“    

Diese Zeilen entstammen dem dystopischen Roman „Die Memoiren einer Überlebenden“ von Doris Lessing. Sie hat 2007 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Der Roman blickt in das Leben einer älteren Frau, die engagiert den Verfall in der Gesellschaft nach einem nicht näher erläuterten Krisenereignis beschreibt sowie das Phänomen, sich in einer Art Scheinnormalität einzurichten. Gesellschaftszerfall? Verfall der öffentlichen Ordnung? Scheinnormalität? In diesen Tagen, Wochen und Monaten seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise wird immer offensichtlicher, dass sich die Gesellschaft im Umbruch befindet.     

Die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ hat in einer ihrer jüngsten Ausgaben schon eine beängstigende Ruhe ausgemacht, die sich über diesen europäischen Sommer gezogen hat und rein vorsorglich schon den Abschied von den südeuropäischen Ländern verlautbart. Ermattet nehmen wir zur Kenntnis, dass der europäische Zentralbankchef  Mario Draghi alles, aber wirklich alles unternehmen will, den Euro als gemeinsame Währung zu erhalten. François Hollande, Mario Monti und Angela Merkel stehen dem in nichts nach und beeilen sich, ähnliche gemeinsame Beruhigungserklärungen an die Märkte auszusenden. Wenn hohe Staatsleute und Funktionäre derartiges gebündelt bekunden, muss es um Europa schon ziemlich schlecht stehen.    

Was erwartet uns also? Um dieser Frage nachzugehen, sollten wir einen Blick zurück auf den Beginn und auf den bisherigen Verlauf der Krise nehmen. Hätte der Durchschnittsbürger von 2012 dem Durchschnittsbürger von 2007 erzählt, dass die europäischen Staaten allen voran Griechenland mit Rettungspaketen in Milliardenhöhe beispringen werden, wäre der Bürger von 2007 in unglaubliches Staunen verfallen. „Griechenland raus aus der Eurozone?“ Für manch politisch kurzsichtigen Akteur hat das heutzutage schon gar jeden Schrecken verloren, für den Durchschnittsbürger von 2012 jedenfalls ist es kein unrealistisches Szenario mehr. Der Bürger von 2007 würde dem nur mit offener Kinnlade begegnen. 

Die Finanzkrise hat wirtschaftlich die Deutschen noch gar nicht erreicht. Die südeuropäischen Staaten demgegenüber ächzen bereits massiv unter der Krise. Es zeigt sich, wie schwer es Griechenland fällt ein vernünftiges Staatswesen aufzubauen. Steuern können bisweilen nicht eingenommen werden und es fehlt an grundlegenden Einrichtungen wie einem funktionierenden Katasteramt. In Spanien hat die Jugendarbeitslosigkeit mit knapp 25 Prozent ein neues Allzeithoch erreicht.

Die Verfassungsorgane in Deutschland indes hat die Krise längst erfasst. Dass vor allem die Bundesregierung in Gestalt von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble und die Karlsruher Richter im offenen Widerstreit um den richtigen Weg aus der Krise ringen, ist in der Form einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. In dieser Krise steht längst der Fortbestand des Grundgesetzes infrage. Die schier immer höheren Haftungssummen, für die Deutschland einstehen soll, entzieht sich immer weiter dem Einfluss der gewählten Volksvertretung, dem Bundestag.

In rasender und beängstigender Geschwindigkeit verschiebt sich der gesellschaftliche Standpunkt von Normalität. Was gestern noch unvorstellbar war, ist heute ein wahrscheinliches Geschehen. Was uns früher in Angst und Schrecken versetzt hätte, nehmen wir heute mit einem gewissen Gleichmut zur Kenntnis. Man kann dieses Phänomen Krisennormalität nennen. Wir versuchen dem schier Unfassbaren, Unbegreifbaren, Unvorstellbaren Normalität überzustülpen. Lessing schreibt dazu:  

„Man gewöhnt sich an alles. Das ist natürlich ein Gemeinplatz, aber vielleicht muß man einmal eine solche Zeit mitmachen, um die furchtbare Wahrheit dieses Spruches zu begreifen. Genau das war es, was jener Zeit ihren eigentümlichen Charakter gab; die Verbindung des Bizarren, Hektischen, Furchterregenden, Bedrohlichen [...] mit dem Herkömmlichen, Normalen und sogar Annehmbaren.“    

Auf der folgenden Seite, warum wir die Werte der Aufklärung weiterhin verteidigen müssen 

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Die Gemeinschaftsideologie der EU

Ja, Herr Martienssen, das alles kann passieren. Was gegenwärtig auf europäischer Ebene herrscht, ist ein erneuter Rechtsbruch, durch den Einstieg in die gemeinsame EU-Staatsfinanzierung (durch die Hintertür), wird wieder einmal der europäische Vertrag gebrochen. Auch hier wird es wieder Klagen geben. Es sind die unverantwortlichen Vertreter und Anhänger eines Gemeinschaftsideals, die uns auf ein Bild, auf eine einzige Idee einschwören wollen. Das ist der Radikalismus einer Euro-Ideologie, d.h., die Vergemeinschaftung der Schulden wird Vorzug gegeben, als Ordnungsprinzip für den Euro. Für mich als Bürger stellt dieses Konzept eine Art Vergewaltigung dar. Für mich hat die Politik die Aufgabe und den Zweck, die Sicherung des Lebens im weitesten Sinn. Für dieses Zusammen-Leben, für die Daseinsvorsorge brauchen wir den Staat, der ein Monopol der Gewalt besitzt und den „Krieg“ alle gegen alle verhindern kann. Was nun geplant wird, wendet sich gegen das Gesellschaftliche, gegen die Gesellschaft, gegen die Lebenswirklichkeit der Bürgerinnen und Bürger, indem Brüssel uns ihre Art der Gemeinschaft als einen alternativlosen Zustand entgegenhält. Es ist dies ein unvereinbarer Widerspruch gegen die tatsächliche Existenz, sie zerstört „die Vernunft der bürgerlichen Solidität und Eigenverantwortung“, wie es Prof. Di Fabio im Cicero formulierte. Das rationale, vernünftige Vorgehen verschwindet, es wird irrational. Wir sehen doch jetzt in aller Deutlichkeit, dass die Konstruktion des Euro keine historische Möglichkeit, sondern ein nicht zu überwindendes strukturelles Problem hat. Er löst keine Probleme, sondern schafft sie erst. Es wird sich erweisen, dass diese Art der Vergemeinschaftung, diese Lebensform auf supranationaler Ebene (von totalitär möchte ich noch nicht sprechen) letztlich gewaltsame Züge in sich trägt. Eigentlich hat der Staat gegenüber seinen Bürgern hier eine Grenzeinhaltung zu garantieren. Die Ausweitung der Vergemeinschaftung, darf nicht zum politischen Programm werden. Der Staat muss uns schützen, er steht im Dienste der Gesellschaft, er hat Sicherungsmaßnahmen einzuleiten, bevor unser Rechtsstaat zerstört wird.

  • Antworten
Bernhard Jasper30.07.2012 | 18:06 Uhr

Helmuth Kohl

Das Kohl nicht Wirtschaft konnte, war damals bekannt und zeigte auch schon der Verlauf der Wiedervereinigung (Falscher Kurs von Ost- und Westmark) Kohl verstand sich als historisch handelnder Politiker und genau das haben wir bekommen. Das Ende der Geschichte ist in Europa nicht mehr in Sicht. Hier rotiert die Geschichte stattdessen.

  • Antworten
Robert31.07.2012 | 09:11 Uhr

Eben...

die solide finanzierten Wohlfahrtsstaaten kommen dem Ideal der Aufklärung sehr nahe und müssen gegen das mafiose Patriarchat Südeuropäischer Klientelsysteme bis aufs Letzte verteidigt werden. Sonst droht uns der Rückfall in die Zeiten, wo die Beziehungen zum Herrn über das Wohl des Einzelnen entscheiden und nicht seine Leistung. Wenigstens die Illusion der Belohnung von Leistung und der Macht über sich selbst, müssen wir uns bewahren. Deshalb ist die Moral auch so verlogen, die diese Wohlfahrtsstaaten zur Finanzierung der Schäden der Klientelsysteme zu opfern bereit ist.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann31.07.2012 | 21:28 Uhr

Was ist normal?

Was ist normal?
Ist es normal, dass wir in einer verdinglichten Gesellschaft leben? Offenbar ja.
Ist es normal, dass uns als Dinge gegenübertreten; dass wir als Waren uns nur reproduzieren können? Offenbar ja. Das wir nur ein Mittel für ein "automatische Subjekt" geworden sind, im Kreislauf um die Verwertung zu Kapital, ist das "normal"?
Ist es normal, dass wir uns unmenschlich machen, also davon abstrahieren, dass unser reichtum, auf ausbeutung basiert und so tun, als würde es die ausbeutung nicht geben? Ist das normal?

  • Antworten
Paul07.09.2012 | 15:31 Uhr

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