Weltanschauung - Terrorismus hat sehr wohl mit Religion zu tun

Kolumne: Grauzone. Terrorismus hat nichts mit Religion zu tun? Falsch, sagt Alexander Grau. Religion ist naturgemäß intolerant, denn ihr Kern ist absolut. Sie lädt geradezu zu Missbrauch ein

Ein Karnevalswagen beim Rosenmontagszug zeigt in Düsseldorf das Motiv „Terror hat nichts mit Religion zu tun“.
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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„Terrorism has NO religion“, so zwitscherte es kurz nach den Anschlägen von Paris durch die sozialen Netzwerke. „Terrorismus hat keine Religion“, so lautete auch die Formel zahlreicher Islamverbände und muslimischer Vereine nach den „Paris-Anschlägen“. Und schon der Pakistanische Premierminister Nawaz Sharif benutzte diese Formulierung, nachdem 2013 bei einem islamistischen Selbstmordanschlag 80 Christen umgebracht worden waren.

Terrorismus hat keine Religion? Schön wär’s, möchte man antworten. Die Realität sieht anders aus und das nicht erst seit Aufkommen des islamistischen Terrorismus'.

Verklärtes Bild von Religion
 

Hinter der Vermutung, dass Religion nichts mit Terrorismus zu tun hat, ja dass sich Terrorismus und Religion geradezu ausschließen, steht ein unrealistisches, kitschiges und verklärtes Bild von Religion. Denn Religion bedeutet nicht Friedfertigkeit, Sanftheit und Milde. Religion meint nicht Lichterketten, Friedensgebete und Händchenhalten. Religionen verkünden die Wahrheit, und zwar die eine, alleinige und umfassende Wahrheit. Religionen sind daher notwendigerweise intolerant. Sie müssen es sein, alles andere widerspricht ihrer Logik.

Religionen geht es nicht um Vermutungen, um pluralistische Perspektiven oder mögliche Weltsichten. Zumindest monotheistische Religionen sind absolut. Wer sich im Besitz der absoluten und von Gott selbst offenbarten Wahrheit weiß, kennt keine Kompromisse, keine Halbheiten. Und da Gott nicht nur das Wahre ist, sondern auch das Gute, die Erlösung und Verheißung, sind alle jene, die nicht an Gott glauben, diabolische Zeugnisse des Bösen schlechthin, eines antigöttlichen Prinzips.

Religion, die sich selbst ernst nimmt, darf keine andere Religion, keine andere Weltanschauung neben sich dulden. Denn zwei Wahrheiten kann es nicht geben. Alles andere wäre Relativismus. Deshalb gilt es, der einen Wahrheit zur Herrschaft zu verhelfen und das Böse zu eliminieren. Oder in den Worten des großen Mystikers und Zisterziensers Bernard von Clairvaux: „zu vernichten oder auf immer zu bekehren“.

Auch wenn es für das postmoderne religiöse Bewusstsein Westeuropas befremdlich klingen mag: Die Terroristen haben viel mehr von Religion verstanden als mancher betuliche Kirchenfunktionär im alten Europa. Denn Religion, tiefe, archaische Religion, das ist die Religion des 109. Psalms, die Religion Abrahams und Isaaks, die Religion des Paulus und ja, auch die Religion des Jesus von Nazareth, der immerhin das Schwert bringen wollte (Mt 10,34), wenngleich über seine eigenen Anhänger. Eine solche kombattante, unversöhnliche, nicht kommode Religion ist nicht an flauschiger Menschlichkeit interessiert, sondern an Gott allein – und nur an ihm.

Unversöhnlich im Ursprung
 

Was in Europa und insbesondere hierzulande unter Religion verstanden wird, das ist Religion nach der Aufklärung, das ist die von außen gezähmte und zivilisierte Religion der Moderne, gebändigt und rationalisiert durch naturwissenschaftliche, historische und psychologische Religionskritik. Es ist eine Religion, die um ihre Relativität weiß, eine Religion, die verstanden hat (oder haben sollte), dass ihre zentralen Begriffe und Rituale Symbole sind, mit deren Hilfe Menschen Sinn konstruieren.

Doch diese entschärfte Kulturreligiosität hat mit Religion in ihrem ursprünglichen Sinne wenig zu tun. Ursprüngliche Religiosität ist unversöhnlich und muss es sein. Die liberale Dialogreligiosität, die in unserer Breiten gepflegt wird, ist überwundene Religion – auch wenn das Kirchenvertreter natürlich ungern hören. Und dass sie überwunden wurde, ist nicht ihr Verdienst, sondern das Ergebnis der Aufklärung.

Ob die religiöse Intoleranz erst mit der Erfindung des Monotheismus in die Welt kam, wie manchmal behauptet wird, sei dahingestellt. Klar ist, dass erst der Eingottglaube einen radikalen, absoluten Wahrheitsanspruch erheben und andere Götter als Götzen abwerten konnte. Hinzu kommt: Polytheismen denken zyklisch. Monotheismen hingegen sind eng mit teleologischen Geschichtsbildern und apokalyptischen Endzeitvorstellungen verknüpft. Das lädt zu finalen Vernichtungsfantasien geradezu ein.

Terror hat keine Religion? Falsch! Terror hat sehr wohl Religion – und wie. Dass in der westlichen Welt tatsächlich viele meinen, wahre Religion habe mit Terror nichts zu tun, zeigt nur, wie weit wir uns innerlich von Religion entfernt haben. Dass das so ist, kann man nicht genug preisen. Allerdings macht diese aufgeklärte Religionsferne auch blind für das enorme destruktive Potential, das Religionen innewohnt. Toleranz ist keine religiöse Idee – sie musste gegen Religionen erkämpft werden.

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