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Salon

EurokriseVom antiken Athen lernen, heißt siegen lernen

Von Alexander Marguier27. August 2012
picture alliance
niketemepel,griechenland
Manche Rezepte sind für die Ewigkeit
Schrift:

Freie Marktwirtschaft? Für die westliche Welt immer unattraktiver. Grund? Klar, die Finanzkrise! Vielleicht hilft ein Blick in die Attische Demokratie, um unsere Probleme in der Gegenwart zu lösen

Die Deutschen hatten schon immer ein ambivalentes Verhältnis zur Freiheit, zur freien Marktwirtschaft erst recht. Amerikaner dagegen lassen sich in ihrem Vertrauen auf die segensreiche Wirkung des Kapitalismus für ihr individuelles Streben nach Glück so schnell durch nichts erschüttern. So lautet jedenfalls die fromme Legende über die angeblichen Mentalitätsunterschiede zwischen Alter und Neuer Welt. Und sie wird immer noch gern erzählt – insbesondere von jenen, die den deutschen Sozialstaat mit seinen vermeintlich überbordenden Umverteilungsmechanismen und seiner schier unersättlichen Gier nach Steuereinnahmen als geradezu gesellschaftszersetzend, weil leistungsfeindlich brandmarken wollen.

Die jüngst veröffentlichte Studie des „Pew Research Center“ (wohlgemerkt handelt es sich bei diesem nach einem amerikanischen Ölbaron benannten Forschungsinstitut um keine sozialistische Vorfeldorganisation) zeichnet allerdings ein ganz anderes Bild. Demzufolge glauben immerhin 69 Prozent der Deutschen, dass freie Märkte am besten für das Wohlergehen der Menschen sorgen. In den Vereinigten Staaten sind es indes nur noch 67 Prozent, Tendenz seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise vor vier Jahren stetig sinkend. Und während die Musterschüler des Kapitalismus offenbar von einer Sinnkrise erfasst sind, profiliert sich ausgerechnet die Bevölkerung des kommunistisch regierten China mit einer Zustimmungsquote von 74 Prozent als neue Avantgarde der freien Marktwirtschaft.

Verkehrte Welt? Ganz im Gegenteil. Die Abnutzungserscheinungen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in ihrem angloamerikanischen Stammesgebiet – in Großbritannien sprachen sich sogar nur 61 Prozent der Befragten für sie aus – folgen einem Muster, das bis in die Antike zurückreicht. Plutarch etwa hatte über das Athen des Jahres 594 v. Chr. Folgendes zu berichten: „Da nun damals die Ungleichheit zwischen Arm und Reich gleichsam den Gipfel erreichte, so befand sich die Stadt in einer höchst kritischen Lage, und es sah so aus, als ob sie allein durch Errichten einer Tyrannis würde aus den Wirren heraus zur Ruhe kommen können.“

Tatsächlich, so schreibt das amerikanische Historikerpaar Will und Ariel Durant in seinem 1968 erschienenen Buch „The Lessons of History“, sei schon bei den alten Griechen die Schere zwischen Vermögenden und Habenichtsen immer weiter auseinandergegangen: „Die Armen (…) begannen von gewaltsamer Auflehnung zu sprechen. Die Reichen, die um ihren Besitz zitterten, beschlossen, sich mit Waffengewalt zu verteidigen.“ Schließlich habe aber die Vernunft gesiegt, als gemäßigte Gruppen die Wahl Solons, eines Geschäftsmanns von aristokratischer Herkunft, zum obersten Regierungsbeamten durchsetzten.

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Und was tat Solon als rechtschaffener antiker Technokrat? Er senkte den Münzfuß (was man heute mit „Inflation“ übersetzen würde) und gab damit armen Schuldnern die Möglichkeit, einen Teil ihrer Schulden abzuschütteln; er schaffte die Verzugszinsen für Steuern und Grundpfandschulden ab und führte ein neues, gestaffeltes Besteuerungsverfahren ein, aufgrund dessen die Reichen das Zwölffache der von den Armen geforderten Steuern zu zahlen hatten. Nicht zuletzt startete er eine Bildungs­offensive, indem er dafür sorgte, dass die Söhne von Bürgern, die im Krieg für Athen gefallen waren, auf Staatskosten erzogen und geschult wurden. Dass das alles nicht reibungslos verlief, kann man sich denken: „Die Reichen jammerten über die hohen Steuern, die Radikalen schalten ihn, weil er den Grundbesitz nicht neu verteilt hatte“, so Will und Ariel Durant in „The Lessons of History“. Aber „innerhalb einer Generation waren sich fast alle einig, dass Solons Reformen Athen vor einem gewaltsamen Umsturz bewahrt hatten“.

Als Rom gut 300 Jahre später in eine ähnliche systemische Schieflage geriet, konnte sich der Senat übrigens zu keinen Zugeständnissen nach athenischem Vorbild durchringen. Es folgten 100 Jahre Bürgerkrieg und Klassenkampf.

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Bürgerkrieg und Klassenkampf

Herr Marguier, die Rezeption us-amerikanischer Sicht funktioniert nicht in Deutschland. Ebenso nicht in Europa, als eine Weltgegend, wo Gerechtigkeitsfragen gestellt werden. Was käme wohl dabei heraus, wenn man heute die deutsche Gesellschaft polemisch nach ihrer Vorstellung von Freiheit befragte. Sie würde wahrscheinlich die Sicherheit wählen. Das hat jedoch seinen guten Grund. Die Deregulierung der Finanzmärkte. Der totale Finanzmarktirrsinn, der heute auf eine Versklavung ganzer Volkswirtschaften hinaus läuft. Wenn man diese Ergebnisse nicht will, muss man auch mit den Theorien brechen. Es sind unverantwortliche Wirklichkeitskonzepte.Wir haben diese Allmachtswahnidiotie zugelassen, die uns in den Ruin treibt. Das anglo-amerikanische Modell. Unter den Bedingungen der Millisekunde von Computern wird gehandelt. Mit Geld leistungsloses Geld verdienen, die Akteure auf den Finanzmärkten bleiben jedoch anonym. Es müssten neue Regeln für die Finanzmärkte geschaffen werden, sonst ruinieren die Finanzmärkte die Demokratie, die Freiheit. Bei der Regulierung passiert viel zu wenig. Banken sollten sich wieder mehr als Dienstleister der Realwirtschaft verstehen und nicht als Spielbank. Den Höhepunkt stellt doch die von Herrn Naumann beschriebene Libor-Affäre dar. „Die Gauner aus der City“. Das ist doch ein Kartell der Zocker und Abzocker. Wir dürfen uns dem doch nicht unterwerfen (parteiübergreifend). Was bekommen wir stattdessen in der politischen Öffentlichkeit geliefert: Propaganda und Beruhigungspillen. Es geht um die Zivilisierung der Finanzmärkte. Was wir als Bürger kritisieren, liegt auch an einem Mangel an Akteuren in der Politik, die das wirklich erstreiten und erarbeiten könnten, wir sehen eher ein Rückzug auf´s Fragment, die als eine Absage an die Verantwortung im Großen und Ganzen zu interpretieren ist.

  • Antworten
bernhard Jasper27.08.2012 | 18:55 Uhr

Senatus Populusque Romanus

"... und gab damit armen Schuldnern die Möglichkeit, einen Teil ihrer Schulden abzuschütteln;"

Der tragische Unterschied besteht leider darin, dass die Verschuldeten (Banken) heute extrem reich sind und die Armen (Steuerzahler) für deren Schulden aufkommen sollen. Bei einer Inflation bleibt ihnen fast gar nichts mehr.
Andererseits ist es seit Jahrzehnten peinlichst vermieden worden, ein verständliches und gerechtes Steuersystem einzuführen.
Statt dessen blüht die Korruption, die heute verständnisvoll als Subvention bezeichnet wird.

Bei der Lernfähigkeit unserer Eliten bleibt uns wahrscheinlich nur der römische Weg.

  • Antworten
Domingo28.08.2012 | 13:33 Uhr

Vom anrtiken Athen lernen, heißt siegen lernen

O je, da hat jemand im Geschichtsunterricht aber ganz tief geschlafen. Bekanntlich haben die Athener den Peloponnesischen Krieg gegen Sparta nicht gewonnen sondern VERLOREN, und das nicht nur zu Lande sondern auch zur See, was für die Seemacht Athen besonders schimpflich gewesen ist.

  • Antworten
Joseph Breitenbach28.08.2012 | 22:28 Uhr

"Ebenso nicht in Europa, als

"Ebenso nicht in Europa, als eine Weltgegend, wo Gerechtigkeitsfragen gestellt werden."

Bei allem nötigen Respekt, aber grade da würde ich lieber nicht so vorlaut sein.
Asien, Afrika und Amerika haben alle ihre eigenen Gesellschaften und deshalb auch ihre eigene, spezifische Form von Kultur hervorgebracht, so könnte man argumentieren.
Was in unserer europäischen Kultur das intellektualisierte Fragen nach Gerechtigkeit ist, kann in einer anderen Tradition ganz anders beurteilt werden. Grade weil man gezwungen war, das Problem unter einem anderen Gesichtspunkt zu untersuchen.
Bei uns ist Gerechtigkeit eine theoretische, ja philosophische Frage, über die jeder nachdenkliche Kopf sich selbst rechenschaft ablegen muss. Aber weil nicht jede individuelle Vorstellung berücksichtigt werden kann und weil auch jeder die Tendenz hat, die eigene Unzufriedenheit in solche intellektuellen Modelle einzubauen (reflektiert oder sogar unbewusst), führt diese Tradition oft nur zu mehr Unzufriedenheit und erbitterten Streit. Doch welchen Sinn hat das?

Dagegen scheinen mir sowohl die Amerikaner (wobei die nur die europäische Kultur in eine bestimmte Richtung entwickeln) als auch viele asiatische Kulturen zu berücksichtigen, dass Gerechtigkeit eine soziale Frage ist und daher auch unter Berücksichtigung anderer Leute entschieden werden muss!

  • Antworten
Commentarus29.08.2012 | 22:22 Uhr

Bildung ist wichtig, super

Bildung ist wichtig, super Beitrag.

  • Antworten
die-bildungswerkstatt.de30.08.2012 | 10:27 Uhr

Die Idee der Freiheit

@ Commentarus
Nur eine kurze Antwort: Der abendländische Freiheitsbegriff ist ja entstanden durch eine lange religiöse und philosophische Geschichte. Von Natur aus waren Menschen weder frei noch gleich, sie wurden es erst durch das Gesetz, also gemäß dem Denken des 18. Jahrhunderts durch künstliche Konventionen. Eine Qualität! Heute garantiert der moderne Rechtsstaat in westlichen Demokratien, aufgrund seiner Verfassung (deutsches Grundgesetz) die Grundrechte aller Bürger. Das Recht auf Freiheit (erkämpft in der französischen Revoltuion), wird auch verstanden als ein Freisein von (Herrschaft, Tyrannen, Despoten etc.) und zwar vor allem ist es die Sicherung gegen den ungesetzlichen Zwang. Und da kommen aktuell die „Gangster“ der Finanzindustrie ins Spiel, die meine persönlichen Freiheitsrechte als Staatsbürger bedrohen. Die bürgerlichen Rechte und Freiheiten sind alle abgeleitet von den großen und primären Rechten Leben, Freiheit und Eigentum.

  • Antworten
bernhard jasper30.08.2012 | 19:35 Uhr

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