„Die Atommacht Israel gefährdet / den ohnehin brüchigen Weltfrieden?“ Diese fragende Zeile stammt aus dem umstrittenen Gedicht von Nobelpreisträger Günter Grass. Darin kritisiert er Israel scharf und warnt vor einem Krieg mit Iran. Was sollte das? Sein Werk erinnert an andere antisemitische Bemerkungen. Ein Kommentar
Dies vorweg: Günter Grass ist nicht nur ein bewundernswerter Schriftsteller, sondern ein politisch denkender, bisweilen leicht erregbarer Bürger, dessen moralischen Interventionen kraft seiner Sprachgewalt, seines literarischen Ruhms in aller Welt eine Aufmerksamkeit generieren, die bisweilen im umgekehrten Verhältnis zum Gegenstand seiner Empörungen stand. Diesmal ist es anders: Sein „Gedichte“ „Was gesagt werden muss“ ist ein moralischer und politischer Skandal.
Die politische, ja, staatsanwaltliche Rezeption seiner „Blechtrommel“ hatte vor einem halben Jahrhundert den tiefen Riss zwischen der Kriegsgeneration und den glücklich Davongekommenen und Nachgeborenen offenbart. Die Älteren fühlten sich sittlich missverstanden und sprachen von politischer Pornographie, die Jüngeren erkannten den moralischen Impetus des Autors und folgten ihm in seinen Kampagnen gegen die NPD, die in den 60er Jahren noch einmal die ergrauten Nazis mobilisierte. Seine Wählerinitiative unter dem Titel „Dich singe ich SPD“ galt in einer Republik, die derlei in ihrer jungen demokratischen Tradition noch nicht erlebt hatte, als unzulässig: Dichter sollten dichten, mehr nicht. Auch die SPD war beunruhigt – der Mann war kein Parteimitglied.
Das wahrlich verspätete Bekenntnis des Dichters, als 17jähriger einige Wochen in der Waffen-SS gedient zu haben, führte zu einem kostenlosen moralischen Rausch derjenigen, die des bisweilen pastoralen Tons von Günter Grass überdrüssig geworden waren: Als wären seine vergangenen politischen Einlassungen damit moralisch entwertet worden, als hätte das Kind Grass – und das war er – mit seiner unvermeidbaren Einberufung in den letzten Kriegsmonaten alle nachfolgenden politischen und womöglich auch literarischen Äußerungen diskreditiert.
Völlig daneben war sein Einwand gegen die Wiedervereinigung: Wer mit dem Urverbrechen des Holocaust belastet sei, so wollte er wohl sagen, habe das Recht verloren, mit neuer territorialer und ökonomischer Größe in die Weltgemeinschaft zurückzukehren. Hier offenbarte sich der ethische Plausibilitätspunkt seines politischen Denkens. Hinter dem Symbol „Auschwitz“ verbarg sich die Unfassbarkeit, ja, das Böse schlechthin: Die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden – und die stets mitzudenkenden genozidalen Vernichtungsaktionen der Deutschen gegen die Slawen.
Seite 2: klassische Ouvertüren aller antisemitischen Bemerkungen














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