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 > Warum wir Papierpresse noch brauchen

Salon

ZeitungssterbenWarum wir Papierpresse noch brauchen

Von Petra Sorge 11. Oktober 2012
picture alliance
Zeitung lesen,Printpresse,Zeitungsterben
Das gute, alte Zeitunglesen: Bald von vorgestern?
Schrift:

Die deutsche Printpresse befindet sich gerade im Todeskampf – und die Onlinewelt schaut hämisch zu. Dass Papierjournalismus komplett verschwindet, so weit darf es nicht kommen, denn bislang erfüllt nur er die gesellschaftlich wichtige Kritik- und Kontrollfunktion

Seite 1 von 2

Als Wolfgang Riepl 1913 seine Doktorarbeit über die menschliche Kommunikation seit der Römerzeit schrieb, da war die Welt gerade in einem tiefen Umbruch. Die ersten Filme ratterten über die Leinwand, Telegrafie-Botschaften flogen drahtlos über den Atlantik – die Geburt des Rundfunks. Riepl, damals Chefredakteur der Nürnberger Zeitung, hätte angesichts dieser Neuerungen allen Grund gehabt, sich um die Zukunft seiner Branche zu sorgen.

Tatsächlich aber kam er zur gegenteiligen Erkenntnis: Die ältesten Formen der Mediennutzung, wenn sie nur ausreichend erprobt und eingebürgert seien, würden niemals verdrängt werden, auch wenn der Fortschritt ein neueres, höher entwickeltes Nachrichtenmedium hervorbringe. Und tatsächlich: Die gute alte Tageszeitung, erfunden um 1650 in Leipzig, überlebte – trotz Hörfunk, Film und Fernsehen.

Heute, ein Jahrhundert nach Riepl, ist die Welt wieder im Umbruch. Wenn aber über die digitale Revolution diskutiert wird, zitieren Medienvertreter und Netzaktivisten gern dieses „Riepl’sche Gesetz“. Demnach werde mit dem Internet auch nicht die Tageszeitung verschwinden. Diese Annahme hat nur einen Haken: Das Internet ist nämlich nicht einfach nur ein neues Medium, also ein Kanal, über den Botschaften verbreitet werden. Es ist vielmehr ein Saugfilter, der alles aufnimmt, was es an traditionellen Medien bisher gab: Radio, Fernsehen, Internet. Hinzu kommen neue Formen des Peer-to-peer, Bloggens, Crowdsourcing, Selbstdrehens. Es ist also nicht einfach nur ein moderneres Nachrichtenmedium, es ist das Überall-Medium schlechthin.

Und da sieht es plötzlich ganz düster für die Tageszeitungen aus.

Wenn der bundesdeutsche Journalismus in diesem Monat seinen 50. Geburtstag feiert, mag man nicht nur glauben, dass Riepl Recht gehabt hat, was die gute alte Papierpresse betrifft. Man könnte sogar geneigt sein zu glauben, dass es diese Gattung war, die in Deutschland die Meinungsfreiheit am stärksten vorangetrieben hat.

Aber der Reihe nach: Die freie Presse, die die Deutschen so lieben lernten, manifestierte sich in der Spiegel-Affäre im Oktober 1962. Damals hinterfragten sieben Redakteure die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr – und wanderten ins Gefängnis. Der Vorwurf: Landesverrat. Zu Unrecht, wie sich später herausstellte. In den darauffolgenden Jahrzehnten deckten Zeitungen und Zeitschriften immer wieder Skandale auf oder sahen sich dem Druck von Behörden ausgesetzt. Sei es, als Hans Leyendecker die Flick-Affäre entwirrte, später bei der Süddeutschen Zeitung die CDU-Schwarzkonten aushob, als die Bild-Zeitung die Bonusmeilen-Praxis zahlreicher Politiker anprangerte oder als die Redaktionsräume des Cicero durchsucht wurden, weil das Magazin aus vertraulichen Akten des Bundeskriminalamts zitiert hatte: Oft lösten diese Medienberichte politische Erdbeben aus, führten zu Rücktritten oder Untersuchungsausschüssen. Auch im Regionalen – dort, wo die Sichtbarkeit zwar nicht so groß, die demokratische Kontrolle aber genauso wichtig ist – übte die Presse jahrzehntelang eine Wächterrolle aus.

Wäre Wolfgang Riepl heute noch am Leben, wäre er wohl entsetzt über die Vorgänge bei seinem früheren Blatt, der Nürnberger Zeitung. Diese nämlich ist in ärgsten Finanznöten, Werbe- und Verkaufszahlen schrumpfen seit Jahren. Bis zum Jahresende will der Verlag nun ein Fünftel der Redakteursstellen abbauen.

Bildergalerie: Abschiedsbilder – Emigranten von Oppenheim bis Adorno
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Hätte Riepl die jüngsten Meldungen vom Medienmarkt verfolgt, würde ihm sein Gesetz wohl Kopfzerbrechen bereiten. Ein kurzer Rückblick:

20. Juni: Der Kölner Verlag DuMont Schauberg erwägt einen Verkauf der Frankfurter Rundschau (FR). Das krisengeschüttelte Blatt werde auch 2013 rote Zahlen schreiben, heißt es aus der Konzernleitung. Die FR ist seit Jahren in der Verlustzone, Teile des Blattes werden von der konzerneigenen Berliner Zeitung bestückt.

25. Juli: Statistiker vermelden einen alarmierenden Abwärtstrend der Tageszeitungen. Im Vergleich zum Vorjahr schrumpft die bundesweite Leserschaft um rund eine Million auf 48 Millionen, wie die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse berichtet. Dramatisch ist die Lage bei den regionalen Zeitungen, die zweistellige Verluste einfahren. Doch auch überregionale Blätter wie die Financial Times Deutschland (minus elf Prozent) und das Handelsblatt (minus sechs Prozent) befinden sich im freien Fall.

28. Juli: Die Financial Times Deutschland verkündet ihre Pläne zur Ausdünnung. Schrittweise soll die wochentägliche Ausgabe ins Netz verschwinden. Übrig bliebe dann nur noch eine Wochenzeitung.

20. September: Der Berliner Verlag verkündet einen Stellenabbau bei einem Anzeigenblatt. Nach Gewerkschaftsangaben sind beim Berliner Abendblatt, dem Berliner Kurier und der Berliner Zeitung 50 Arbeitsplätze bedroht.

29. September: Deutschlands älteste Straßenzeitung, das Nürnberger Abendblatt, erscheint nach 93 Jahren zum letzten Mal. Die Münchner Abendzeitung hatte das Blatt schon 2010 verkauft, zuletzt kam es auf eine Auflage von nur noch 14.000 Stück.

2. Oktober: Die Nachrichtenagentur „dapd“ gibt ihre Zahlungsunfähigkeit bekannt. Acht Gesellschaften von Deutschlands zweitgrößter Presseagentur stellen einen Insolvenzantrag. Das Unternehmen konnte seinen Mitarbeitern nicht einmal mehr die September-Gehälter überweisen. „Dapd“ beliefert täglich Dutzende Regionalzeitungen mit Nachrichten.

6. Oktober: Die linke Tageszeitung Junge Welt wendet sich mit einem Rettungsappell an die Leserschaft. Die Existenz der Zeitung (Auflage: 17.000 Stück) sei gefährdet, wenn sich nicht schnell weitere Abonnenten finden. Das Minus seit Jahresbeginn beläuft sich auf 100.000 Euro.

Seite 2: Immer weniger Journalisten füttern immer mehr Medienprodukte

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Die Verlage entscheiden..

Die Verlage entscheiden, wo sie die Artikel zuerst veröffentlichen. Und solange man zuerst in der Zeitung und dann auf der Website veröffentlicht, ist es kein Wunder wenn die Zeitung den Preis bekommt..

  • Antworten
Philipp11.10.2012 | 14:28 Uhr

Der wirkliche Grund, warum

Der wirkliche Grund, warum diese ganze Mainstream-Propaganda-Presse endlich und gottlob Pleite geht ist der, das die mehr und mehr aufgeklärten Menschen, diese politisch korrekte (also gelogene) Zeug weder ertragen können noch ertragen wollen. Nichts anderes. Viel zu lange wollten die Schreiberlinge nicht informieren, sondern nach linksgrüner Bio-Öko-GutmenschInnen-Ideologie gängeln, erziehen und sich moralisch empören. Solch eine Presselandschaft bekommt nun das, was sie verdient : den Exodus.

  • Antworten
Schlaui11.10.2012 | 23:31 Uhr

Sie meinten wohl

EXITUS...Falls nicht, dann erklären Sie bitte, was es mit dem Exodus der Zeitungen auf sich haben könnte. Übrigens: Zeitung lesen bildet - nichts für ungut. Darum ist Ihre linksgrüner Bio-Öko-GutmenschInnen- Ideologie so ein nichtssagendes Wortungetüm, aber niemals eine Beschreibung der Presselandschaft.

  • Antworten
hallertauer05.12.2012 | 14:25 Uhr

Zweifel an ihrer These

"Es ist zumeist doch die Papierpresse, die kritisch nachfragt, investigativ unterwegs ist, die kleinen und großen Skandale aufdeckt."

Wirklich? Na daran habe sicherlich nicht nur ich aber große Zweifel. Wenn ich aktuell beispielsweise an die Außenpolitik, an Syrien und den Iran etc denke, dann fühle ich mich durch den täglichen Blick ins Netz sehr viel besser informiert als durch das Lesen EINER Zeitung. Auf diese muss man sich nämlich dann erstmal verlassen, denn um sich gleich mehrere am Tag zu kaufen, fehlt sicher nicht nur mir das Geld...

  • Antworten
Markus12.10.2012 | 00:24 Uhr

Printmedien

Wenn die Papierpresse ihre Funktion zur Kritik und Kontrolle erfüllt hätte, hätte ich nicht alles gekündigt.

Ob Rauch- oder Glühbirnenverbot, Euro- und EU-Kritik - die Papierpresse war immer der verlängerte Arm der Politiker. Erst jetzt, wo sie merkt, dass ihr die Kunden davon laufen, ändert sich etwas.

  • Antworten
FK12.10.2012 | 01:30 Uhr

Zentralorgane

Um die meisten der genannten Sanierungsfälle ist es nicht schade. Stammen sie doch aus der linksliberalen und linkspopulistischen Ecke, in der sich mittlerweile ohnehin gefühlte 95% der deutschen Printmedien gegenseitig auf den Füßen rumstehen. Offenbar ist es kein Erfolgsrezept (mehr?), lediglich einseitig zu berichten. Da wird man schnell austauschbar. Zumal der interessierte Zeitungsleser vielleicht nach Jahren des Einheitsbreis auch mal wieder Meinungspluralität möchte. Und das nicht von seiner Zeitung für ihn gedacht wird. Ansonsten eindeutige Zustimmung zum Beitrag von Schlaui.

  • Antworten
Jan van Gemmeren12.10.2012 | 11:02 Uhr

ich kaufe keine Zeitung mehr.

ich weiß nicht mehr wann ich zuletzt ein Totholzexemplar gekauft habe. Vermutlich vor etwa 8 Jahren. Ich vermisse nichts. Im Gegenteil. Selbst wenn ich in der Bahn ein Totholzexemplar finde lasse ich es liegen. Zu langweilig. Keine Comments. Keine links. Keine Suchfunktion. Totholzexemplare sind so trocken und oberlehrerhaft wie ein Katechismus.

  • Antworten
Kartoffelkopf12.10.2012 | 13:05 Uhr

Die FTD berichtet, ...

... daß die New York Times jetzt aufhört, Interviews autorisieren zu lassen, und ruft alle deutschen Medien dazu auf, diesem Schritt zu folgen, um die Kontrollfunktion der Presse wieder glaubwürdiger zu machen.
Kommentar überflüssig, oder

  • Antworten
René Artois12.10.2012 | 13:49 Uhr

Aber das Netz ist schuld....

Wahrscheinlich leidet keine andere Zunft so unter totalen Realitätsverlust, wie die der Journaisten. In Frankreich, wo die finazielle Situation der Presse noch wesentlich prekärer ist als in Deutschland, wird ebenfalls die Schuld permanent auf das Internet geschoben; dabei weichen gerade die letzten Journalisten, die wirklich noch Investigationsjournalismus machen wollen auf das Netz aus (Rue89, Mediapart, Bakchich, usw.).

Die traditionelle Presse ist so in wirtschaftlichen (bis auf Ausnahmen wie der Canard Enchainé) und teilweise auch persönlichen (Trierweiler, Pulvar, Schönberg, usw.) Interessenkoflikten verstrickt, dass sie innerhalb der letzten zehn Jahre praktisch ihre komplette Glaubwürdigkeit verspielt hat. Die meisten Journalisten verkehren nur noch in den Sphären der Machteliten und haben meist jegelichen Bodenkontakt verloren. Die Beispiele dafür sind unzählig. Und wer nicht dem Club "Le Siecle" angehört (und da werden "lästige" Journalisten sowieso nicht zugelassen), der sich jeden letzten Mittwoch im Crillon trifft, kommt an wichtige Informationen gar nicht erst ran.

Was die Wochenzeitschriften bestrifft, schreiben die praktisch nur noch für ihre Werbekunden. Da bekommt man dann zehnmal im Jahr eine Titelgeschichte über den Immobilienmarkt in Paris aufgetischt. Absolut spannend!
Resultat ist, dass dann Journalisten wie Laurence Ferrari, die immerhin jahrelang die Zwanzig-Uhr-Nachrichten auf TF1 leitete (im Schitt 7 Millionen Zuschauer) noch auf ganze 3% (!) kommt, die an ihre Uabhängigkeit glauben. Ausnahme-Journalisten wie Yves Calvi brachten es bei der gleichen Umfrage auf noch ganze 25% (ungefähr).

Geht man dann die deutsche Presse durch, wird da - soweit man überhaupt mal eine Information (!) über Frankreich findet - einfach kritklos übernommen, was man irgendwo in einem Artikel gelesen hat. Auch die sogennanten Korrespondenten - ich verzichte mal hier darauf Namen zu nennen - scheinen praktisch nie aus ihren Bürosesseln in Paris zu kommen. Höchstens mal, um irgendwo schick essen zu gehen...

  • Antworten
athe12.10.2012 | 19:47 Uhr

die nachrichtenpresse ist so

die nachrichtenpresse ist so gut wie tot--egal, was da noch rumgeschraubt wird. einmal aus technischen gruenden. das internet hat das eingeleitet und die allgegenwaertige drahlose verbundenheit mit einem elektronenstrom, sei's via handy oder wifi--was mehr oder weniger dasselbe ist--hat dazu gefuehrt, dass an einem der wenigen orte, an dem man noch eine zeitung benoetigte, in der bahn, beim "commuten" usw, das pad einzug gehalten hat. diese entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten, und warum auch?
der zweite grund, und der ging in erster linie oekonomisch mit der technischen entwicklung einher, ist dass dadurch ein nicht unerheblicher teil der ertraege (verkauf, werbung) in die neuen medien abgewandert sind. das wiederum hatte zur folge, dass die zeitungs- und zeitschriftenmacher dachten, sie muessten nicht nur ihre aussenbueros schliessen sondern auch gleich ihre (teuren) senior-journalisten (die ausgebildeten, die, die wissen wovon sie schreiben) feuern um das geld zu sparen, das anderweitig weggebrochen war. was blieb war ein haeufchen von jungen und billigen anfaengern, die tickernachrichten zu beitraegen zusammenschneidern.
erhalten blieb uns einzig eine clique von meinungsmachern, die gut "vernetzt" sind, was nichts anderes heisst als dass sie in den gleichen restaurants essen, auf die gleichen parties gehen und ihre kinder in die gleichen schulen schicken wie die, ueber die sie eigentlich distanziert (kritisch traue ich mich schon gar nicht mehr zu sagen!) schreiben sollten. und diese "journalisten" wollen in der tat eben deshalb auch gut bezahlt sein. das ist verstaendlich. nur, was der gewoehnte newsjunkie erwartet, kommt dabei nicht mehr rueber.
was soll's also. lasst sie sterben, alle, ohne ausnahme. es wird ein abschied ohne traenen.

wuerden die verlage es wagen einen realistischn blick auf die journalistische, und nicht nur immer auf die oekonomische, situation zu werfen, wuerden sie alles auf die elektronischen medien schmeissen und ihre tageszeitungen auf wochenblaetter umbauen, vielleicht wochenblaetter, die es sich wieder lohnt in der badewanne zu lesen, ein bisschen genauer, ein bisschen durchdachter, weniger ideologie, hintergrund und so, na Sie wissen schon! richtiger journalismus eben.

  • Antworten
bioport14.10.2012 | 04:14 Uhr

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