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 > Warum wir die Welle schon immer geliebt haben

Salon
Neil MacGregor

Warum wir die Welle schon immer geliebt haben

von 
Alexander Cammann
1. Dezember 2011

Ein Fest für Fetischisten und eines der wunderbarsten Sachbücher der letzten Jahrzehnte: Der Museumsdirektor Neil MacGregor erweckt unsere Geschichte zum Leben – anhand von heiligen und profanen Objekten

Seite 1 von 2

Zu den merkwürdigsten wie faszinierendsten Ergebnissen der Evolution gehört zweifellos das Auftreten eines Lebewesens auf der Erde, das in der Lage war, etwas herzustellen. Insofern liegt es auf der Hand – um schon einmal dieses dafür zentrale Körperteil zu erwähnen –, eine Geschichte dieses Lebewesens anhand dessen zu erzählen, was es im Laufe der Jahrmillionen so angefertigt hat. Dass dennoch kein Universitätshistoriker, zumal kein deutscher, auf diese Idee kam, versteht sich leider von selbst. Glücklicherweise gab sich stattdessen ein Museumsmann seinem professionellen Objektfetischismus hin: Neil MacGregor, Direktor des Britischen Museums in London, bespielte 2010 eine populäre Sendereihe der BBC mit kurzen Essays über Objekte aus den legendären Beständen seines seit 1753 sammelnden Hauses – einhundert Dinge, die die Geschichte der Menschheit erklären sollten. Das daraus entstandene Buch wurde in Großbritannien ein großer Publikumserfolg.

Das ist nur zu verständlich: MacGregors „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ ist eines der wundervollsten Sachbücher der letzten Jahrzehnte. Lehrreich und unterhaltsam zugleich, verbindet es Intelligenz und Witz mit einer populären, edel bebilderten Darstellung, die es zu einem typischen Lieblingsbuch für wissbegierige Jugendliche und neugierige Erwachsene macht. Es führt auf eine abenteuerliche geistige Entdeckerreise in ferne Gegenden und Kulturen, aber auch mitten hinein in unsere eigene – wobei es immer um die globalen Verbindungen geht. Durch die genaue Betrachtung der Dinge erfahren wir wie nebenbei etwas über die universalhistorischen Prozesse. Und unsere übliche Fixierung auf die jüngere Zeitgeschichte wird systematisch ausgehebelt: Nur fünf Objekte erläutern das 20. Jahrhundert, darunter die Kreditkarte einer arabischen Bank und ein Porzellanteller, 1921 in der Sowjetunion bemalt mit proletarischen Motiven, gebrannt aber schon 1901 im Russland des Zaren – mit kaiserlichem Signaturzeichen, das einträchtig neben dem Hammer-und-Sichel-Logo der nunmehr verstaatlichten Manufaktur prangt.

MacGregor stellt auch unter den übrigen 95 berühmten oder unbekannten Objekten stets Bezüge her. Seine Gegenstände, in Fünfer-Gruppen nach Epochen und Themen sortiert, erzählen die Geschichte der Wirtschaft, der Kommunikation, der Religion, der Sexualität, der Regierungskunst – und nicht zuletzt des musealen Sammelns. Zwei Millionen Jahre alte Faustkeile aus Ostafrika machen den Anfang, nach einem Präludium mit Mumie und Sarkophag aus Ägypten. Eine 11000 Jahre alte Steinskulptur aus der Nähe von Jerusalem ist die innige älteste Darstellung des Liebesakts; 9000 Jahre später entsteht in derselben Gegend ein Silberbecher, auf dem Sex zwischen Männern so unzweideutig dargestellt ist, dass er bis vor Kurzem unausstellbar war. In China unterwies die zwischen 500 und 800 angefertigte sogenannte „Ermahnungsbildrolle“ die Hofdamen in tugendhaftem Leben – während die ungemein sinnliche, um 700 geschaffene und einst vergoldete Bronzestatue der Tara – mit „ziemlich unmöglicher Stundenglas-Figur“ (MacGregor) – eine höchst ernsthafte religiöse Sache verkörperte.

Objekte haben immer schon Weltbilder verändert – oder aber sie waren Ausdruck veränderter Weltbilder. So der berühmte, von Albrecht Dürer um 1515 angefertigte „Rhinocerus“-Holzschnitt mit seinen Fehlern, da der Künstler das damals in Europa für Furore sorgende Nashorn-Exemplar nur aus Berichten kannte, aber dennoch an dessen Starruhm partizipieren wollte. Hokusais bekannter Holzschnitt „Große Welle“, den der Künstler um 1830 schuf und der nun nach der Fukushima-Katastrophe wieder viel gezeigt wurde, symbolisiert japanisches Standhalten in der Gefahr – und Unsicherheit angesichts einer neuen Bedrohung durch die westlichen Industriegesellschaften, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Öffnung Japans erzwingen. Seine Farben sind zugleich das Zeichen einer Verschmelzung der Kulturen: Das viel gerühmte kräftige Blau Hokusais ist „Preußischblau“, in Deutschland im 18. Jahrhundert erfunden und nach Japan über China importiert. „Kein Wunder, dass dieses Bild in Europa seit jeher so beliebt ist: Es ist keineswegs etwas ganz und gar Fremdes, sondern ein exotischer Verwandter.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welcher zu den schönsten Einfällen MacGregors gehört

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