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Salon

Hitlers AutobiografieWarum „Mein Kampf“ freigegeben werden muss

Von Christoph Schwennicke5. Dezember 2012
picture alliance
Hitler,Mein_Kampf,Adolf_Hitler
Bis zum 1.1.2016 hält der Freistaat Bayern die Urheberrrechte an „Mein Kampf“
Schrift:

Bis heute darf man Hitler nicht lesen. Warum eigentlich? Eine Rundreise zu Leuten, die diese Frage angeht

Seite 1 von 5

Weihnachten vor einem Jahr stand ein kleiner Zweispalter im Guardian. In einer Filiale der Buchladenkette Waterstone im englischen Huddersfield hatte ein Mitarbeiter Hitlers „Mein Kampf“ als „ideales Geschenk“ fürs Fest empfohlen. Die Kette entschuldigte sich für diese Geschmacklosigkeit.

Mich ließ die Erklärung des Unglücksraben nicht los. Er hatte das Buch eine „Pflichtlektüre“ für alle genannt, „die eine der abscheulichsten Figuren der Weltgeschichte zu begreifen versuchen“. Eine schockierende Lektüre „und eine Warnung an alle kommenden Generationen“.

Ist da nicht was dran? Ist es nicht relevant zu wissen, aus welcher geistigen Quelle sich die deutsche Katastrophe speiste?

In Deutschland konnte das Buch in den vergangenen Jahrzehnten gar nicht erst in den Handel kommen. Weil Hitler zuletzt in München gemeldet war, hält der Freistaat Bayern das Urheberrecht bis zum 1. Januar 2016. Er verhindert, dass das Buch nachgedruckt wird. Es ist luftdicht verpackt, versiegelt.

Wo keine Luft drankommt, da gärt es. Der Inhalt wird nicht mehr gekannt, man kann ihn ja nicht untersuchen. Stattdessen wird er mystifiziert. Und die Frage kommt auf, was denn wohl passiert, wenn eines Tages die Verpackung aufbricht. Manche wollen den Inhalt gleich neu verpacken. Sicherheitshalber. Man weiß ja nicht, was passieren könnte.

Bildergalerie: Hitler-Filme: mehr Slapstick als Realität

Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit. Endlich Luft dran zu lassen.

Kann es sein, dass wir das schon längst hätten tun sollen? Dass seit Jahren ein Fehler gemacht wurde?

1. Die Prägung
In der Schule begegnete mir Hitler immer pädagogisch aufbereitet. Das aber sehr oft. Unser Geschichtsunterricht, das war in den Achtzigern, bestand grob gesagt aus drei Blöcken: der Steinzeit, dem Mittelalter und der Nazizeit.

Bei der Nazizeit sagten die Geschichtslehrer stets dazu, dass Deutschland Verantwortung auf ewig trage: kein Verbrechen der Weltgeschichte vergleichbar, sechs Millionen ermordete Juden, ein Weltkrieg vom Zaun gebrochen, einen Kontinent in Schutt gelegt, eine junge Demokratie zerstört. Im Zentrum: Adolf Hitler.

Es ist nicht einfach, das zuzugeben, aber es war so: Irgendwann konnten wir die Lektion nicht mehr hören. Wir immunisierten uns gegen den Unterricht einer Generation von Lehrern, die gerade erfolgreich und zu Recht ihrer Vorgängergeneration vorgehalten hatten, die Nazizeit nicht aufgearbeitet zu haben.

Dieses Immunisieren ging weit. Bei einem Besuch in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald musste uns unser Lehrer die Kopfhörer der ersten Walkmen von den Ohren reißen.

Wir mochten diesen Lehrer. Wir hatten ihn nicht in Geschichte, sondern in Deutsch. Ein Lehrer aus Leidenschaft, der uns mit seinem Elan antrieb. Er war für uns gerade deshalb eine Autorität, weil er nicht autoritär auftrat. Nie vorher und nie nachher habe ich ihn so wütend gesehen wie in diesem Moment auf dem Gelände von Buchenwald.

Ich habe mich damals geschämt. Wie benommen saß ich nach der Standpauke auf einer Mauer, und es pochte in den Ohren. Ich schäme mich bis heute.

Die sture Ignoranz der Vätergeneration und die geschichtslose Ignoranz der Schülergeneration brachten die 68er-Lehrer im Prinzip dazu, das Richtige zu tun: Sie ließen nicht locker. Den einen gegenüber ebenso wenig wie den anderen. Aber diese Art von Pädagogik hatte einen Nachteil. Sie tabuisierte, sie verstellte einen direkten Blick auf die Sache: Wer war dieser Mann? Wie konnten ihm so viele erliegen? Und: Ist es gut, wenn man Hitler nur als Phänomen und nicht als Person betrachten kann, zum Beispiel in seiner Autobiografie?

2. Zurück zum Lehrer
Der Kontakt zu diesem Lehrer ist nie abgerissen, und aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis ist über die Jahre ein freundschaftliches geworden.

Er sagt, natürlich wäre es besser gewesen, „Mein Kampf“ längst freizugeben in Deutschland. Allein schon, damit alle hätten erkennen können, wie unlesbar das Buch im Grunde ist.

Seite 2: Warum Churchill Hitler bewunderte

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Mein Kampf als Lektüre

In unserem Familienhaushalt existiert dieses Werk. Zur ersten Hochzeit meiner Urgroßmutter (*1916) wurde ihr die zweibändige, in Leder eingeschlagene Ausgabe geschenkt.

Ich habe den ersten Band gelesen, als ich ungefähr 15 Jahre alt war. Als ich mich einmal durch die Schrift gekämpft und eingelesen hatte, hat das Buch mir sehr geholfen, die psychologischen und ideellen Hintergründe eines Themas, das bis dato ausschließlich im Schulunterricht (und auch dort nur im Stil: Machtergreifung, Gleichschaltung, Massenmord, grausame Sache, noch Fragen?) oder aber bei 'ZDF History' abends um 20:00 für eine halbe Stunde abgehandelt wurde, zu verstehen. Das Buch in den freien Verkauf zu geben, halte ich zunächst, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte bzgl des NPD-Verbots noch nicht für sinnvoll. Dass sich eine gebildete 15-Jährige, mittlerweile angehende Historikerin, distanziert und selbstverständlich hochkritisch mit diesem Thema und in diesem Zusammenhang auch mit dem Buch - das meiner Meinung nach für das tiefergehende Verständnis der Figur "Adolf Hitler" absolut vonnöten ist - beschäftigt, mag vorkommen und ist natürlich wünschenswert. Ich halte jedoch unsere Gesellschaft für noch nicht bereit für die vollständige Freigabe dieses hochkomplexen, verstörenden Werks. Timur Vermes "Er ist wieder da" bietet beispielsweise eine gute Gelegenheit für unsere heutige Gesellschaft, das Thema wieder etwas näher an sich heran zu lassen. Lesen Sie Vermes, beginnen Sie, sich mit dem Thema zu beschäftigen, evaluieren Sie die Konsequenzen, die der Nationalsozialismus bis heute mit sich gezogen hat. Und dann fragen Sie Ihre Großeltern nach dem Buch.

  • Antworten
Lara Burger05.12.2012 | 14:04 Uhr

Man darf "Mein Kampf" natürlich lesen

Ich finde es schrecklich, dass sie mit so dummen Überschriften den sachlichen Artikel entwerten. Im Text lesen wir ja, dass es ein Urheberrechtsproblem ist und sie das ja durchaus wissen. Warum also Überschriften und Tweets im Stile der Bl*d Zeitung?

Schade auch, dass Frau Knobloch die Veröffentlichung des Buches mit dem völlig untauglichen Mittel der Volksverhetzung verhindern will. Das Buch ist unlesbar und im Stile der Reden von Hitler geschrieben. Wer es tatsächlich gelesen hat, der wird keineswegs zu den Rechten abwandern, sondern wird sich die Frage stellen, was für ein wirrer Kopf das geschrieben hat.

Frau Knobloch übersieht, dass sie mit der Volksverhetzung zwar in Deutschland eune Chance hat, aber fast alle anderen Länder der Welt das anders sehen werden. Das Verbot macht dann "Mein Kampf" nur weiter zu einem Prestigeobjekt der rechten Szene, die es einfach im Ausland kaufen wird.

Eine Demokratie muss das aushalten! Es darf nur der absolute Ausnahmefall sein, dass Meinung - und sei sie noch so durchgeknallt - unterdrückt wird. Genau das hebt uns von vielen anderen Ländern ab.

Dipl.-Ing. Klaus Minhardt
Geschäftsführer
DJV Deutscher Journalisten-Verband
Berlin-Brandenburg

  • Antworten
Klaus Minhardt05.12.2012 | 14:19 Uhr

Das Buch kann downgeloaded werden

Der Freistaat Bayern versucht die Freigabe zu verhindern weil die Deutschen Angst davor haben, dass die Leute ohne pädagogische Zugabe der Alt-1968er Generation Nazis werden. Doch die deutsche Nachkriegszensur kann nicht verhindern, dass das Buch gelesen wird. Man kann es längst im PDF-Format downloaden. Bekanntlich war das Buch zu Lebzeiten von Hitler verbreitet. Es gibt Leute, die es ins Netz gestellt haben. Man kann es sich also ohne die Moralreden Deutscher Nachkriegslinker oder von Frau Merkel zu Gemüte führen.

  • Antworten
Nordmann06.12.2012 | 03:34 Uhr

Mein Kampf

Ich stimme den Worten von herrn Klaus Minhardt voll und ganz zu. Thiel

  • Antworten
G.Thiel07.12.2012 | 14:05 Uhr

Kommerz-Weitblick von Verlagen?

Irgendwann hatten die Alten die Schnauze voll v. A. Hitler.
Lit.: "Als wir den II. Weltkrieg ausgruben ..."
Jetzt sind die meisten Zeitzeugen tot. 20er Jahrgänge waren rekrutiert u. elebten das Ende des II: Reiches mit. Wenn "Mein Kampf", dann wenigstens Aufarbeitung der Geschichte mit den wichtigsten Passagen.
Lektüre ist mehr u. mehr uninteressant geworden. Max. 150 Eu gibts auf Flohmärkten für guterhaltene Jubiläumsausgabe z. B. von 1941. Dafür liegt sie aber auch wie altbackenes Brot herum.

  • Antworten
Ritter15.03.2013 | 17:45 Uhr

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