Der klassische Roman hat einen mächtigen Konkurrenten: Neue Fernsehserien im Pay-TV sind oft so klug, komplex und schön wie große Literatur
Für einen Moment scheint es, als sei Don Draper durch ein Gedicht erlöst worden. «Now I am quietly waiting for / the catastrophe of my personality / to seem beautiful again, / and interesting, and modern.» Die Zeilen stammen von dem Dichter Frank O’Hara, und Draper liest sie laut, bevor er noch einmal mit dem Hund vor die Tür geht. «Mad Men», zweite Staffel, erste Folge: Wir befinden uns in einem ziemlich frühen Stadium der Serie; bis zum heutigen Tag wurde Don Drapers Katastrophengeschichte über weitere sechzig Episoden lang weiterentwickelt. Und da die sechste Staffel noch immer auf sich warten lässt, weiß niemand, was das Schicksal diesem Werbetexter aus der New Yorker Madison Avenue schließlich bringen wird.
Dass nicht nur in dieser Szene Bücher ins Bild geraten und literarische Bezüge den Weg durch die weit verzweigten Erzählungen weisen, passt zum Charakter neuerer amerikanischer Fernsehserien. Sie sind mit der Literatur auf vielfältige Art verschränkt. Bekannte Schriftsteller wie Michael Chabon, Gary Shteyngart und Jonathan Franzen stehen als Autoren auf der Gehaltsliste der großen Pay-TV-Sender. Franzen arbeitete an einer Adaption seines Weltbestsellers «Die Korrekturen»; und auch wenn der daraus entstandene Pilotfilm zu keiner Fortsetzung führte, steht fest: Die vermeintlich hohe Kunst der Literatur scheint mit der vermeintlichen Niederung des Fernsehens längst versöhnt zu sein.
Diesen Text finden Sie in der neuen Ausgabe von
Literaturen.
Gemeinsam mit Cicero am Kiosk oder gleich im
Online Shop bestellen.
Der Spielfilm stand einst vor dem Problem, ausführliche Geschichten in komprimierter Zeit erzählen zu müssen. Wenn der Inhalt eines Romans auf eine Länge von 90 Minuten gebracht wurde, bedurfte es filmischer Mittel der Verdichtung, Auslassung und Beschleunigung. Was aber passiert, fragt der Kulturtheoretiker Diedrich Diederichsen, «wenn eine Fernsehserie, also das Format fürs Schneckentempo, in Kino-Speed erzählt, aber dennoch die Zeit hat», die sogar im Fernsehen sonst kaum zur Verfügung steht? Was wird möglich, wenn eine Serie wie «The Sopranos» ihre Geschichte in über achtzig Folgen entwickelt? Ein Buch, so Diederichsen, benötigte dafür wohl 10.000 Seiten; sogar Marcel Prousts komplette «Suche nach der verlorenen Zeit» ist gerade einmal halb so dick. Und was meint bloß die spitzzüngige Chefsekretärin Joan aus «Mad Men», als sie einer Telefonistin antwortet, die sich über ihre Arbeit beschwert: «Ich dachte eigentlich, eine einzige Stunde hier in der Telefonzentrale ergäbe schon einen russischen Roman.»
Auffälligerweise unterhalten sich auch bei uns immer mehr lesende Menschen über ihren Serienkonsum. Und plötzlich gilt es als vielsagendes Bekenntnis, ob man eher den «Sopranos», «Mad Men» oder der Serie «Breaking Bad» zuneigt. Höchste Zeit also für eine eingehendere Betrachtung des Phänomens. Der Diaphanes-Verlag begann in diesem Frühjahr mit der Reihe «booklet»; zunächst erschienen darin Essaybände über «The Sopranos», «The Wire» und «The West Wing»; nun kommt mit drei neuen Titeln die sozusagen zweite Staffel heraus. Diese handelt von «Lost», «Seinfeld» und «Homicide». Die Kultur- oder Filmwissenschaftler Diedrich Diederichsen, Simon Rothöhler und Daniel Eschkötter, der Schriftsteller Dietmar Dath sowie der Regisseur Dominik Graf werfen sehr unterschiedliche Blicke auf die neuen oder schon etwas betagteren Serien; «Seinfeld», der Veteran unter ihnen, ging bereits 1989 auf Sendung. Weil es bei «booklet» Gesetz ist, nur abgeschlossene Produktionen zu begutachten (wer würde auch einen halbfertigen Roman rezensieren?), fehlt das laufende Serienfutter, darunter das grandiose «Breaking Bad». Für Ungeduldige aber schafft der Fink-Verlag Abhilfe: «Breaking Down Breaking Bad» untersucht die Dramaturgie und Ästhetik auch dieser Serie.
Um Ungeduld – nein: Sucht – geht es hier überhaupt, und immer wieder kommen die Autoren der Booklet-Essays auf dieses Thema zurück. Schließlich ähnelt die Erregung, mit der ansonsten ausgeglichene Menschen DVD-Boxen erjagen, dem Furor von Drogenabhängigen. Eine Internetseite zur schnelleren Online-Injektion der heißen Ware heißt nicht umsonst serienjunkies.org. Dass es so weit kommen konnte, hängt mit den Möglichkeiten der noch jungen Abspielmedien zusammen. Wo vormals eine Woche gewartet werden musste, um eine einzelne Folge zu sehen, da emanzipieren DVD und Internet den Zuschauer vom Zeitregime der Sender. Wer einmal drauf ist, wird sogar schlaflose Nächte verbringen. In dieser Hinsicht sind die neuesten Medien einem viel älteren, nämlich dem Buch, mehr als verwandt. Auch das Buch kennt keine Sendezeiten, auch Leser haben es selbst in der Hand, ihre Lektüren auf bekömmliche Weise zu dosieren oder bis zur letzten Seite ausufern zu lassen.
Seite 2: Im Unterschied zum Roman aber entstehen Fernsehserien im Produktionskollektiv














