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Salon
Alles Frisch

Vorbild: Max Frisch

von 
Frauke Meyer-Gosau
17. Februar 2011
Vorbild: Max Frisch
Adolf Muschg, Jahrgang 1934, Büchnerpreisträger und Schweizer wie sein Mentor Max Frisch, zählte zu dessen langjährigen Freunden. Seine Liebe zum Übervater der Schweizer Literatur ist nicht erkaltet.
Seite 1 von 4

Literaturen: Sie sind 1934 geboren und gehören damit der Generation der Kinder von Max Frisch an, ein Altersabstand, der unvermeidlich Distanz schafft. Wie und bei welcher Gelegenheit haben Sie Max Frisch kennengelernt?

Adolf Muschg: Die erste Zusammenkunft war sozusagen gleich ein Gipfeltreffen: mit Dürrenmatt und Frisch, es fand bei meinem ersten Verleger Peter Schifferli statt. In der Zeit wurde mein erstes Buch gedruckt, es muss also so um 1966 herum gewesen sein. Dürrenmatt hatte gerade eine neue Kosmogonie im Kopf. Und immer, wenn Frisch wieder etwas an Wissen aufgeholt hatte − heute würde er es in Wikipedia nachsehen −, war Dürrenmatt schon wieder eine Milchstraße weiter. Er sagte: «Ja, ja, das ist schon gut, aber die Quantenmechanik! Da gibt’s ganz was Neues …»

Also war der arme Max Frisch seinem Rivalen Friedrich Dürren­matt gegenüber immer im Hintertreffen?

Jein. Für mich war er natürlich der viel nähere, angenehmere Partner. Dürrenmatt musste man reden lassen. Das war immer sehr amüsant, aber ein Gespräch habe ich mit ihm nie geführt. Mit Frisch war das völlig anders. Er war wohl von allen Kollegen, die ich gekannt habe, der forderndste, subtilste Gesprächspartner. Es hieß damals allerdings, dass man niemals mit einer Beziehungsgeschichte zu ihm kommen dürfe, weil er einem dann unweigerlich zur Scheidung riet. (lacht) Das war nicht ganz falsch. Er hat anderen gern eine Radikalität verschrieben, die er sich selbst mitunter schuldig geblieben ist. Er stellte gewissermaßen die Gewissensfrage, und er liebte zugespitzte Situationen. Nur wenn er getrunken hatte, wurde er traurig und war eigentlich incommunicado, besonders in der letzten Phase, wo er sagte: «Ich langweile mich nur noch» – da hatte er ungefähr gleichzeitig zu schreiben und zu rauchen aufgehört. In dieser Zeit erzählte er seine Träume, das hatte ich vorher nie von ihm gehört. In dieser «Schlussgeraden» seines Lebens, wie er selbst sagte, war er ein ganz anderer Frisch, mit einer gewissen Regression ins Kindliche. Ich habe viele Seiten von ihm kennengelernt, und ich habe ihn einfach sehr, sehr gern gehabt. Da gab es eine aus demselben sozialen Stoff geschöpfte Substanz: Über die Dinge, die uns an der Schweiz beschäftigten oder die wir an uns selbst nicht mochten, waren wir sofort im Einvernehmen.

Wer war der Sechziger-Jahre-Frisch für Sie als junger Autor?

Bei mir setzt die Wahrnehmung Frischs mit dem «Tagebuch 1946–1949» ein, und dann kam – eine für mich wirklich Epoche machende Lektüre – der «Stiller». Ich habe dieses Buch in einer Nacht von vorn bis hinten durchgelesen. Die Fragen, die ich mir selbst stellte, wurden darin nicht beantwortet, sie erschienen vielmehr im Kontext der größeren Fragen, und in diesem Sinne war Max Frisch ein Wegweiser. Das ist eine Rolle, die er, glaube ich, am Anfang gar nicht gesucht hat, die ihm dann aber verräterisch natürlich wurde: Er wurde eine Art pater familias. Dank seiner Frau Marianne pflegte er im Gegensatz zu anderen Autoren seiner Generation auch den Kontakt zu jüngeren Kollegen. Es scharte sich eine Runde von Autoren um ihn, die sogenannten Frischlinge. Und in den letzten Jahren seines Lebens versammelte er einmal jährlich eine Gruppe damals junger Schriftsteller, in der wir über unsere Texte sprachen, ohne jede Öffentlichkeit. Eine seiner nachhaltigen Erbschaften besteht darin, dass wir – unterdessen alte Leute – dies bis heute weiterführen, in seinem Geist der kritischen Toleranz dem Anderen gegenüber. In diesem Sinne ist er mir sehr nahegeblieben.

Biographie


Adolf Muschg ist einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller. 1934 in Zollikon im Kanton Zürich geboren, war er von 1970 bis 1999 Professor für deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich. Zusammen mit Max Frisch, Siegfried Unseld, Peter Bichsel und Peter von Matt gehörte er dem ersten Stiftungsrat zur Begründung des Max Frisch-Archivs in Zürich an, von 2003 bis 2005 war er Präsident der Akademie der Künste in Berlin. 1994 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, zuletzt erschien sein Roman «Sax» im Verlag C. H. Beck.

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