Atombombe im Iran? Die Koalition wackelt? Es ist erschreckend, wie sehr die Probleme der Welt in den Hintergrund treten, wenn das Baby Magengrimmen hat. Wer sich auf die Suche nach Hilfe begibt, ertrinkt in Ratgebern. Und wer nicht sucht, wird darin ertränkt
Ich muss Abbitte leisten. Vor einigen Monaten habe ich mich an dieser Stelle öffentlichkeitswirksam darüber beschwert, dass niemand für eine hochschwangere Frau in der S-Bahn aufstehen würde, dass die Solidarität fehle, dass ich mich von meinen Mitmenschen alleingelassen fühle mit meinem dicken Bauch.
Ich habe ihnen Unrecht getan. Zumindest kommt es mir jetzt so vor. Nun nämlich, wo ich seit sechs Wochen mit einer kleinen Tochter im öffentlichen Nahverkehr unterwegs bin, kann ich mich vor Sitzangeboten gar nicht retten. Ständig dürfte ich mich irgendwo niederlassen, wenn ich das Baby im Tuch vor mir hertrage.
Und das gerade jetzt, wo ich es gar nicht nötig habe. Denn, merke: Unterschätze nie den Anspruch eines schlafenden Säuglings. Dieser möchte herumgetragen werden, möglichst sanft geschaukelt, nicht im Sitzen sondern in erhöhter Position.
Eine Mutter hatte neulich eine zweifelhafte Erklärung für das Phänomen, unter dem die Rücken der Mütter und Väter dieser Welt leiden: Die Erdanziehung sei schuld, erklärte sie im Brustton der Überzeugung. Die würde irgendwie dazu führen, dass das Baby sich nah am Boden nicht so wohl fühle.
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Da kann man eigentlich nur den Kopf schütteln. Es ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie anfällig Eltern für krude Thesen sind, wenn sie damit nur eines der vielen Rätsel in Bezug auf ihr Kind erklären können. Denn davon gibt es viele. Woran liegt es, wenn das Baby schreit? An einer blockierten Schulter oder hat es einfach Hunger? Muss es pupsen oder will es Nähe?
Daraus ergeben sich weitere Fragen: Soll der Säugling im Vier-Stunden-Rhythmus gestillt werden? Oder nach Bedarf? Muss ich das Kind auch mal schreien lassen, bis es alleine einschläft? Oder sollen wir die Phase der Albträume mit liebevollem Händchenhalten überstehen? Mütze rauf oder runter? Baby auf dem Bauch schlafen lassen oder auf dem Rücken?
Fragen wie diese – Kinderlose mögen sich wundern – bestimmen in Zeiten der Babyumsorgung das Leben, werden immens wichtig, ja existentiell. Atombombe im Iran? Der Euro vor dem Aus? Die Koalition wackelt? Gerade als Journalistin ist es erschreckend, wie unwichtig die Welt da draußen wird, hat das Neugeborene Magengrimmen.
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