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Salon

Fußball„Von der FIFA lernen, heißt Kassieren lernen“

Interview mit Martin Sonneborn1. Juni 2011
picture alliance
Martin Sonneborn
Für DIE PARTEI unterwegs – Martin Sonneborn
Schrift:

Er holte die Fußball-WM nach Deutschland. Martin Sonneborn schickte im Vorfeld der WM 2006 Bestechungsfaxe an FIFA-Funktionäre, bot Wurstkörbe und Kuckucksuhren. Im Interview gibt er einen Einblick in das Korruptionsgeschäft und lobt die FIFA für ihr politisches Gespür.

Seite 1 von 2

Herr Sonneborn, kürzlich gab es eine Pressekonferenz auf der sich FIFA-Chef Blatter erstaunlich kritische Fragen gefallen lassen musste. Als Blatter sich weigerte, weitere Fragen zu beantworten, gab es laute Proteste der Journalisten. Schließlich verließ Blatter stürmisch die Bühne. Darf man so mit einem 75-Jährigen verfahren?
Meine Partei ist ja selber nicht zimperlich im Umgang mit alten Leuten. Ich muss gerade an Charles Dempsey denken, den wir damals bestochen haben in der FIFA. Dempsey war auch schon 78. Wenn alte Männer über solche Positionen verfügen, dann darf in jedem Fall so mit Ihnen umgegangen werden. Das Alter sollte da nicht schützen. "Die Partei" überlegt im Übrigen gerade einen Wahlkampf in Berlin gegen Rentner zu führen. Also, wir haben keine Skrupel im Umgang mit alten Leuten.

Gerüchten zufolge soll Katar die WM 2022 gekauft haben. Geben Sie uns doch mal einen kleinen Einblick in das Korruptionsgeschäft. Wie läuft so etwas ab? Sie haben ja damals mit ihrem Bestechungsversuch einiges in Gang gesetzt.
Der FIFA-Generalsekretär hat ja in einer Mail eingeräumt, dass die Katar-WM gekauft ist. Als das publik wurde, hat er sich verteidigt und argumentiert, er wolle damit nicht sagen, dass sich Katar in irgendeiner Art und Weise sittenwidrig verhalten habe. Das zeigt mir, dass es in der FIFA natürlich zu den guten Sitten gehört, Turniere zu kaufen bzw. zu verkaufen. Daran hat sich nichts geändert. Die FIFA hatte mal einen relativ guten Ruf. Einen merkwürdig guten Ruf. Zumindest beim kleinen Fußball-Fan. Das haben wir mit unserem Titanic-Bestechungsversuch im Jahr 2000 versucht zu ändern. Vor der entscheidenden Abstimmung haben wir nachts noch Bestechungsfaxe an acht FIFA-Mitglieder gefaxt. Unter ihnen auch Jack Warner, der jetzt wieder im Fokus steht. Die FIFA-Funktionäre rechnen ja mit Bestechungen. Sonst hätte auch unser Bestechungsfax nicht ernstgenommen werden können. Es handelte sich ja um ein sensationell niedriges Angebot, dass wir von Titanic damals unterbreiteten.

Es handelte sich um einen Präsentkorb inklusive Kuckucksuhr.
Ein Geschenkkorb mit ein paar verdammt guten Würsten, einem Bierkrug und einer Schwarzwälder Kuckucksuhr. Er hatte einen Wert von 117 DM. Das ist ja noch deutlich unter den 1,5 – 4 Millionen Euro, die derzeit pro Stimme gehandelt werden.

Damals reichten Wurst und Uhr. Heute ist von Geldern im Millionenbereich die Rede. Was ist zwischenzeitlich passiert? Hat eine Kommerzialisierung der Korruption stattgefunden?
Das ist einfach eine normale Wertsteigerung und Anpassung. Es ist bekannt, dass Turniere, die unverschämter Weise hier in Deutschland auch noch Mehrwertsteuerbefreit sind – „Die Partei“ wird sich hier sportpolitisch einsetzen - eine Geldmaschine sind. Das schlägt sich natürlich auch in den Korruptionssummen nieder.

Die Folgen waren eine Unterlassungserklärung und Ärger mit Bildlesern.
Die Bildzeitung hat damals relativ schnell und investigativ herausgefunden, dass wir nicht im Sinne des Deutschen Fußballbundes gehandelt haben. Daraufhin forderte sie ihre Leser dazu auf, uns anzurufen und die Meinung zu geigen. Das hatte zur Folge, dass sich die Titanic-Redaktion neun Stunden lang Beschimpfungen durch Bildzeitungsleser anhören durfte. Die zwei nettesten Zitate lauteten: „Leute wie Sie gehören ausgewandert.“ Und: „Im Rechtsstaat gehören Leute wie Sie ins KZ.“

Video

BILD-Leser beschimpfen Titanic

Video
alle Videos

Dabei haben Sie ja nun wirklich alles für ihr Land getan. Die WM nach Deutschland geholt.
Ja, aber die Bildzeitung hatte befürchtet, dass wir den guten Namen der FIFA in den Dreck ziehen. Sie haben dann intuitiv richtig gegen uns reagiert. Die zweite Folge: Ich musste mich mit einem Anwalt vom Deutschen Fußballbund und Franz Beckenbauer treffen. Es stand plötzlich eine Schadensersatzsumme von 600 Millionen Euro im Raum. Das wäre für ein kleines Satire-Magazin wie Titanic existenzbedrohend gewesen. Deshalb habe ich mich auf die vom Anwalt vorgeschlagene Alternative eingelassen und eine vorbereitete Erklärung unterschrieben. Ich verpflichtete mich, Zeit meines Lebens nicht mehr Einfluss zu nehmen auf die Vergabe von FIFA-Turnieren durch das Versenden von Bestechungsfaxen. Per Mail darf ich also weiterhin.

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