Er holte die Fußball-WM nach Deutschland. Martin Sonneborn schickte im Vorfeld der WM 2006 Bestechungsfaxe an FIFA-Funktionäre, bot Wurstkörbe und Kuckucksuhren. Im Interview gibt er einen Einblick in das Korruptionsgeschäft und lobt die FIFA für ihr politisches Gespür.
Herr Sonneborn, kürzlich gab es eine Pressekonferenz auf
der sich FIFA-Chef Blatter erstaunlich kritische Fragen gefallen
lassen musste. Als Blatter sich weigerte, weitere Fragen zu
beantworten, gab es laute Proteste der Journalisten. Schließlich
verließ Blatter stürmisch die Bühne. Darf man so mit einem
75-Jährigen verfahren?
Meine Partei ist ja selber nicht zimperlich im Umgang mit alten
Leuten. Ich muss gerade an Charles Dempsey denken, den wir damals
bestochen haben in der FIFA. Dempsey war auch schon 78. Wenn alte
Männer über solche Positionen verfügen, dann darf in jedem Fall so
mit Ihnen umgegangen werden. Das Alter sollte da nicht schützen.
"Die Partei" überlegt im Übrigen gerade einen Wahlkampf in Berlin
gegen Rentner zu führen. Also, wir haben keine Skrupel im Umgang
mit alten Leuten.
Gerüchten zufolge soll Katar die WM 2022 gekauft haben.
Geben Sie uns doch mal einen kleinen Einblick in das
Korruptionsgeschäft. Wie läuft so etwas ab? Sie haben ja damals mit
ihrem Bestechungsversuch einiges in Gang gesetzt.
Der FIFA-Generalsekretär hat ja in einer Mail eingeräumt, dass die
Katar-WM gekauft ist. Als das publik wurde, hat er sich verteidigt
und argumentiert, er wolle damit nicht sagen, dass sich Katar in
irgendeiner Art und Weise sittenwidrig verhalten habe. Das zeigt
mir, dass es in der FIFA natürlich zu den guten Sitten gehört,
Turniere zu kaufen bzw. zu verkaufen. Daran hat sich nichts
geändert. Die FIFA hatte mal einen relativ guten Ruf. Einen
merkwürdig guten Ruf. Zumindest beim kleinen Fußball-Fan. Das haben
wir mit unserem Titanic-Bestechungsversuch im Jahr 2000 versucht zu
ändern. Vor der entscheidenden Abstimmung haben wir nachts noch
Bestechungsfaxe an acht FIFA-Mitglieder gefaxt. Unter ihnen auch
Jack Warner, der jetzt wieder im Fokus steht. Die FIFA-Funktionäre
rechnen ja mit Bestechungen. Sonst hätte auch unser Bestechungsfax
nicht ernstgenommen werden können. Es handelte sich ja um ein
sensationell niedriges Angebot, dass wir von Titanic damals
unterbreiteten.
Es handelte sich um einen Präsentkorb inklusive
Kuckucksuhr.
Ein Geschenkkorb mit ein paar verdammt guten Würsten, einem
Bierkrug und einer Schwarzwälder Kuckucksuhr. Er hatte einen Wert
von 117 DM. Das ist ja noch deutlich unter den 1,5 – 4 Millionen
Euro, die derzeit pro Stimme gehandelt werden.
Damals reichten Wurst und Uhr. Heute ist von Geldern im
Millionenbereich die Rede. Was ist zwischenzeitlich passiert? Hat
eine Kommerzialisierung der Korruption stattgefunden?
Das ist einfach eine normale Wertsteigerung und Anpassung. Es ist
bekannt, dass Turniere, die unverschämter Weise hier in Deutschland
auch noch Mehrwertsteuerbefreit sind – „Die Partei“ wird sich hier
sportpolitisch einsetzen - eine Geldmaschine sind. Das schlägt sich
natürlich auch in den Korruptionssummen nieder.
Die Folgen waren eine Unterlassungserklärung und Ärger
mit Bildlesern.
Die Bildzeitung hat damals relativ schnell und investigativ
herausgefunden, dass wir nicht im Sinne des Deutschen Fußballbundes
gehandelt haben. Daraufhin forderte sie ihre Leser dazu auf, uns
anzurufen und die Meinung zu geigen. Das hatte zur Folge, dass sich
die Titanic-Redaktion neun Stunden lang Beschimpfungen durch
Bildzeitungsleser anhören durfte. Die zwei nettesten Zitate
lauteten: „Leute wie Sie gehören ausgewandert.“ Und: „Im
Rechtsstaat gehören Leute wie Sie ins KZ.“
Dabei haben Sie ja nun wirklich alles für ihr Land
getan. Die WM nach Deutschland geholt.
Ja, aber die Bildzeitung hatte befürchtet, dass wir den guten Namen
der FIFA in den Dreck ziehen. Sie haben dann intuitiv richtig gegen
uns reagiert. Die zweite Folge: Ich musste mich mit einem Anwalt
vom Deutschen Fußballbund und Franz Beckenbauer treffen. Es stand
plötzlich eine Schadensersatzsumme von 600 Millionen Euro im Raum.
Das wäre für ein kleines Satire-Magazin wie Titanic
existenzbedrohend gewesen. Deshalb habe ich mich auf die vom Anwalt
vorgeschlagene Alternative eingelassen und eine vorbereitete
Erklärung unterschrieben. Ich verpflichtete mich, Zeit meines
Lebens nicht mehr Einfluss zu nehmen auf die Vergabe von
FIFA-Turnieren durch das Versenden von Bestechungsfaxen. Per Mail
darf ich also weiterhin.











