Das Café Sankt Oberholz hortet Berlins digitale Bohème. Zwischen Latte und Apple-Laptops sträubt man sich gegen die konstruierte Abhängigkeit namens „Festanstellung“ und frönt dem Individualismus. Über modernes Ko-Working und Arbeitsplatzsharing.
Das Gebäck erwacht. Zu hören ist nur das Fauchen des Milchaufschäumers. Hinter der langgezogenen Holztheke lässt ein sorgsam nachlässig gekleideter Barista mit dickberandeter Brille und zugehörigem dichtgewachsenem Oberlippenbart beiläufig den ersten Latte des Tages in ein Glas fließen. Viel Schaum.
Die Melange wird einem kommentarlos entgegengeschoben, ebenso das Wechselgeld. Schnödes Kiez-Geplauder gehört scheinbar nicht zum Konzept. Platz suchen. Eine Kiefernholztreppe lässt sich vom Erdgeschoss in den ersten Stock besteigen, man serviert sich seinen Kaffee selbst an einen der lackierten Holztische und sinkt auf das große Sitzpolster. Das Interieur: Irgendwo zwischen Fünfziger/Sechziger-Jahre-Cafeteria-Schick, Schulbank-Nostalgie und rustikalem Landhausflair. Aus den Lautsprechern säuselt Brigitte Bardot ein bisschen French Pop und von der Fensterfront blickt man auf den Rosenthaler Platz, an welchem es steht, das Café Sankt Oberholz. Prominent platziert – mitten in Mitte.
Hier sollen sie sich also tummeln, die Kreativmenschen, die einem von sogenannten Szene-Kennern versprochen werden. Und tatsächlich: Blickt man etwas scheu über den Rand seiner raschelnden Tageszeitung hinweg, erstreckt sich ein merkwürdiges Bild: Einzelne Menschen sitzen an einzelnen Tischen, ihre einzelnen weißen, wahlweise auch silberfarbenen MacBooks vor sich aufgeklappt und bearbeiten einzelkämpferisch ihre Tastatur. (An diesem Morgen macht Apple hier schätzungsweise 95% der Laptop-Population aus. Und man versinkt in einer andächtigen Schweigeminute, aufgrund der Tatsache, dass die Apfelgemeinde diese Woche ihr geistiges Oberhaupt – Steve Jobs – verlor. Träne verdrückt, weitertippen.)
Schnell füllt sich das Café, spätestens um 11 Uhr sind sämtliche Tische der Beletage wohlgemerkt einfach besetzt; nachzügelnde Gäste bemerken dies, oben angekommen, mit sichtlicher Zerknirschung, machen auf dem Absatz kehrt, in der Hoffnung, im Erdgeschoss einen noch unbesetzten Tisch ergattern zu können, an den es sich alleine schmiegen lässt. Geselligkeit, diese sucht man hier wirklich vergebens.
Was man hingegen vorfindet und das zuhauf: Menschen im Kampf um einen neuen Individualismus. Ihr Credo: Zu arbeiten, wie man leben will. Ihr täglich Brot: Ein Laptop plus Internetzugang (dieser ist im St. Oberholz kostenlos über freies WLAN zugänglich) und eine zündende Idee. Denn das, was wie ein Caféhaus anmutet, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eigentümliches Großraumbüro. Hier etabliert sich eine neue Klasse von Selbstständigen, die sich mit Hilfe digitaler Technologie dem „alten Traum vom selbstbestimmten Arbeiten in selbst gewählten Kollektivstrukturen“ zu nähern suchen. So jedenfalls beschreiben es Sascha Lobo und Holm Friebe in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ und tauften das Phänomen auf den Namen: digitale Bohème.
So muss man das vorgefertigte Bild des St. Oberholz als Hort gelangweilter Mitte-Hipster – wenn auch widerwillig – ein Stück weit revidieren und anerkennen, dass hier arbeitende Menschen sitzen oder zumindest solche, die vorgeben, einer sogenannten Arbeit nachzugehen. Sie fürchten sich vor Stempelkarten, vor bezahltem Urlaub und unbezahlten Überstunden, vor Betriebsausflügen oder einem dreizehnten Monatsgehalt. Das Wörtchen „Festanstellung“ schnürt ihnen ihre autonome Kehle zu, denn die digitale Bohème, sie gibt vor, frei zu sein von jener konstruierten Abhängigkeit. Und doch kommen sie hier her, tagein, tagaus, verlegen ihr Homeoffice in die halböffentliche Öffentlichkeit und stürzen sich – ohne es wahrscheinlich zu merken – in ein symbiotisches Abhängigkeitsverhältnis mit einem Caféhaus samt fester Öffnungszeiten, Preistafeln und einer Toilette, die einem hypnotisch Hörbücher vorliest.













