Schon seine Biografie verortet Frederic Lezmi zwischen Orient und Okzident. 1978 als Halblibanese in Dakar geboren, wuchs er in Genf und im Schwarzwald auf, studierte an der Essener Folkwang-Hochschule und lebt heute in Köln. Seine dokumentarische Fotografie setzt den Projektionen, die unser Bild vom Nahen Osten prägen, nüchterne Momentaufnahmen entgegen. Anhand der Reiserouten, denen er dabei folgt, wird sinnfällig, wie nahe Ost und West auch dort beieinander liegen, wo die politische Gemengelage tiefe Gräben suggeriert. «From Vienna to Beirut» hieß eine preisgekrönte Arbeit – für die vorliegende Bilderserie aber war Lezmi mit der Bagdadbahn unterwegs. Seine Bilder zeigen raue Landschaften und leere Bahnhöfe, und nur hier und da zeugen uniformierte Schaffner oder vereinzelte Reisende davon, dass auch diese Strecke nicht bloß ein historisches Relikt ist. Von der Geschichte der Bagdadbahn können die melancholisch schönen Aufnahmen nicht erzählen; sie trägt teils skurrile, teils monströse Züge. Von ihrem Ausgangsbahnhof im türkischen Konja – das bereits durch eine Bahnstrecke mit Istanbul verbunden war – bis nach Bagdad führte die zwischen 1903 bis 1940 erbaute Route. Und war in ihrem Beginn ein Gemeinschaftsprojekt des osmanischen und deutschen Reichs. Wilhelm II., so zeigt Wolfgang Korn in seinem Buch «Schienen für den Sultan» auf anschauliche Weise, verfolgte hier einen hochfliegenden Plan. Berlin sollte mit Istanbul, Bagdad und schließlich gar dem Persischen Ozean verbunden werden, um dadurch die Vorherrschaft der Briten im Nahen Osten zu brechen. Die historischen Details dieses Vorhabens muten aberwitzig an: So waren 1915 deutsche Geheimdiplomaten auf dieser Strecke mit Flugblättern unterwegs, die die einheimische Bevölkerung zum Dschihad aufriefen: «Wisset, dass das Blut Ungläubiger straflos vergossen werden darf», hieß es da mit einem Fingerzeig auf die Briten. «Ausgenommen sind nur jene, die mit der moslemischen Macht verbunden sind.» Und weiter: «Kaiser Wilhelm II. ist zum Islam übergetreten, er nennt sich nun ‹Hadschi Wilhelm Mohammed› und hat bereits heimlich eine Pilgerreise nach Mekka unternommen.» Dass die beabsichtigten Ergebnisse dieser Propaganda ausgeblieben sind, ist ein geschichtlicher Glücksfall. Und doch verstrick-ten sich die Deutschen, die die Bagdadbahn durch Geld, Material und Ingenieurskunst ermöglichten, zur selben Zeit in unendliche Gräueltaten. Hier entstand nämlich das Vehikel zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Zunächst wurden beim Bau der Bahntrasse Zehntausende armenische Zwangsarbeiter zu Tode geschunden, dann dienten die aus Kruppstahl gefertigten Schienen und Viehwaggons zur Deportation der Armenier in die syrische Wüste. Das Wissen um diese Geschichte nimmt Frederic Lezmis Bilderserie ihre nostalgische Wirkung.
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Von Berlin nach Bagdad
von 23. Oktober 2009
Ronald Düker
Foto: Frederic Lezmi/www.lezmi.de
Von Berlin nach Bagdad
Frederic Lezmis Bilder der Bagdadbahn eröffnen den Blick auf eine deutsch-orientalische Geschichte
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