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 > Von Androiden zu den Brüdern Grimm

Salon

Dokumenta-Rundgang (4)Von Androiden zu den Brüdern Grimm

Von Silke Hohmann12. Juni 2012
Foto: Uwe Zucchi
Tonskulptur des argentinischen documenta-Künstlers Adrian Villar Rojas
Schrift:

Am Samstag eröffnet die Documenta (13). Ein Rundgang zu den Ausstellungsorten „Bunker und Terrassen“, „Friedrichstraße“ und zum „Grimm Museum“; wo sich Skulpturen verlieren, Multimediaarbeiten langweilen, „Good Vibrations" auf Kniehöhe stattfinden und Kindheitswünsche in Erfüllung gehen

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Bunker und Terassen

Hier ist alles schief gegangen: Adrian Villar Rojas, der perfekte, atemberaubend klaustrophobische Sci-Fi-Installationen aus blassem Beton schaffen kann, wurde in einen terassenförmigen Wingert über der Ausfallstraße gesetzt, wo seine riesigen Skulpuren fast verloren wirken. Während in den darunter liegenden engen und beklemmenden Bunkeranlagen zwei langweilige Multimediaarbeiten den ganzen Grusel ihrer geschichtsträchtigen Umgebung abzapfen, ohne daraus Gewinn zu ziehen:

Allora und Calzadilla filmten eine Flötistin, die auf einer vorzeitlichen Gänsegeier-Knochen-Flöte spielt (es klingt sehr prähistorisch), außerdem am Filmset anwesend ist ein Gänsegeier, der betreten den Kopf senkt. Aman Mojadidi ist einer der vielen Künstler der Documenta 13, denen zwischen Kassel und Kabul die Parallele „Zerstörung durch Krieg“ einfiel. Von Bomben und Angst ist in seinem Soundpiece die Rede, doch die dramatische Umgebung und das große schwere Thema heben sich gegenseitig auf. Und man wünscht sich, jemand könnte mal Villar Rojas Riesenknochen und Androiden hier herunterschaffen, damit das ganze Pathos wenigstens witzig implodiert.

Friedrichstraße

Bei aller Beschwörung im Vorfeld von unmittelbarem Erleben durch Kunst sind es komischerweise die musikalischen Stücke, die einen hier am meisten berühren. Einmal ist da ein ganzes Haus, das Theaster Gates aus Chicago mit einer Gruppe von Amerikanern und Einheimischen als Ort für Performances, Konzerte und Essen ausgebaut hat – mit Baumaterialien aus einem Haus in Chicago, das er ebenfalls gekauft und gerettet hat. In jedem Raum sind Holzpaneelen, gerahmte Dielen, Möbel aus alten Bodenbrettern zu finden, seine Leute wohnen hier auch, es laufen Videos, die auf bröselnde fünfziger-Jahre-Tapeten projiziert werden, und man bekommt sofort einen Tee angeboten. Das Konzert der Black Monks am Eröffnungsabend war, als ob auf einer großzügigen Privatparty plötzlich drei Gäste zu Instrumenten greifen und alle glücklich lächelnd ihre Gespräche unterbrechen.

Bildergalerie: Collapse and Recovery - dOCUMENTA (13)

Zum anderen ist da die Arbeit von Tino Sehgal, der von Tänzern und Schauspielern seine Statements vortragen und –tanzen lässt. Diesmal singen sie, und zwar in vollkommener Dunkelheit. Wer eintritt, hört gesungenen Rhythmus, ein Schnalzen in Kniehöhe vielleicht, wird umtanzt von einer unbezifferbaren Gruppe von Anwesenden, irgendwann stimmen sie "Good Vibrations" an. Erst sehr langsam wird man in dem schwarzen Raum durch die Gewöhnung der Augen wieder zum Sehenden, bis man sich nicht mehr vorstellen kann, hier so gut wie blind eingetreten zu sein. Eine beiläufige Erfahrung, die vieles überbietet, was hier im Vorfeld als Erfahrungsraum angekündigt wurde.

Grimm Museum

Nedko Solakov ist ein netter und pointiert arbeitender Künstler, er hat einen trockenen Humor und gleichzeitig keine Angst, sich zu blamieren. Das ist schon mal gut, denn er hat sich als Erwachsener den Kindheitstraum erfüllt, das Leben in einer Ritterrüstung zu bestreiten. Verschiedene andere Wünsche (ferngesteuerter Helikopter, Drummer einer Rockband sein) kamen noch hinzu, und so erzählt er im Märchen-Museum mit Video, Fotografie und handschriftlichen Dokumenten die Geschichte von einem, der plötzlich keinen Wunsch mehr offen hat – dass das nicht gut geht, weiß man ja, nicht zuletzt von den Brüdern Grimm.

Rundgang (1): Kann Scheitern produktiv sein?

Rundgang (2): Gegenwart durchdringen

Rundgang (3): Kassel wie nach einem Tsunami

Rundgang (5): „Fuck off“ oder was immer uns einfällt

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